Ehemals Kloake, heute ein Beispiel für ein gelungenes Zusammenleben von Mensch und Tier: In einem aktuellen Report wird über die Rückkehr des Lebens in Englands bekanntestem Fluss berichtet. Damit das so bleibt, muss aber noch einiges passieren
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Text: Roman Goergen
Wenn es in London kräftig regnet, spannen die Menschen ihre Regenschirme auf und flüchten ins Trockene. Ein paar Forscher allerdings checken eilig ihre Messstationen und der Kapitän eines ganz besonderen Schiffes macht sich fertig zum Auslaufen. Zusammen stellen sie sicher, dass der Fluss Themse auch nach einem Unwetter noch atmen kann.
Warum? Die Neun-Millionen Metropole besitzt ein Mischwasser-Entlastungssystem, das seine Ursprünge im 19. Jahrhundert hat. Das bedeutet, dass das Schmutzwasser von Privathaushalten und Industrie gemeinsam mit Regenwasser in die Kläranlagen der Stadt geleitet wird – im Gegensatz zu der moderneren Trennkanalisation. Ein System, das auch in Deutschland in älteren Stadtkernen noch verbreitet ist, etwa im Zentrum Berlins. Doch im dicht besiedelten und regenreichen London wird es in Kombination mit der viel zu geringen Kapazität zum Problem. „Sowohl das Abwassersystem als auch der Oberflächenwasserablauf im Großraum London sind überfordert, weil sie einmal für weniger als fünf Millionen Menschen erdacht wurden“, erläutert Veronica Edmonds-Brown, eine Expertin für Gewässerökologie an der Universität von Hertfordshire.
Fäkalien im Fluss
Die Notlösung für starken Niederschlag: Das ungereinigte Wasser der Kanalisation läuft einfach mitsamt dem Regenwasser direkt in die Themse über. Wegen der stark angestiegenen Bevölkerungszahl bedarf es heutzutage aber nur noch relativ durchschnittlicher Gewitter, um einen solchen Überfluss zu verursachen. Das passiert inzwischen im Schnitt rund 50 Mal pro Jahr. Für den Fluss ist jedes einzelne Mal eine Belastung: Bakterien und Mikroorganismen in den Fäkalien und anderem Schmutz verursachen einen starken Rückgang des in der Themse gelösten Sauerstoffs. So können sie das Leben im Fluss buchstäblich ersticken.
Wenn das passiert, kommen Neil Dunlop und seine vier Kollegen zum Einsatz. Sie nennen sich „Bubbler Controllers“, denn sie entscheiden über den Einsatz zweier sogenannter Oxygenator-Schiffe, auch Bubbler genannt. „Die beiden Schiffe Bubbler und Vitality können jeweils bis zu 30 Tonnen Sauerstoff pro Tag in die Themse injizieren“, erklärt Dunlop, der für die Wasserwerke Thames Water arbeitet. Er und seine Kollegen überwachen an fünf Kontrollstationen den Sauerstoffgehalt des Flusses in der Hauptstadt. Wenn dieser unter 45 Prozent fällt, können Fische ersticken. Dann werden die Schiffe losgeschickt. „In den 1950er Jahren lag die Sauerstoffsättigung des Themsewassers im Zentrum von London nur noch bei fünf Prozent. Darin konnten nur noch wirbellose Wasserlebewesen wie Mücken oder Fliegenlarven existieren“, erzählt Edmonds-Brown.
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Die Metropole und ihr Fluss haben schon seit dem Mittelalter ein mitunter kompliziertes Verhältnis. Die Themse ist knapp 350 Kilometer lang und fließt von Kemble in Gloucestershire nach Southend-on-Sea, das sich direkt östlich an die Hauptstadt London anschließt. Dort mündet sie in die Nordsee. Der letzte gut 140 Kilometer lange Abschnitt, zwischen dem Westen von London bei Teddington und der Nordsee, unterliegt den Gezeiten. Und vor allem in diesem Abschnitt hatte die Themse schon immer Probleme. Denn Ebbe und Flut bewegen Verschmutzungen zusätzlich durch die Stadt. „In vergangenen Jahrhunderten war die Londoner Gezeiten-Themse kaum mehr als eine Kloake“, berichtet die Ökologin Edmonds-Brown. „Es wurden soviel Müll, Fäkalien und Schadstoffe hineingekippt, dass ihre Nebenarme wie die Fleet zu offenen Abwasserkanälen verkamen und schließlich in Tunnel geleitet wurden.“
Das Leben kommt zurück
Doch seit dem Tiefpunkt der Wasserqualität in den 1950er Jahren hat eine ganze Reihe von Maßnahmen das Blatt gewendet. Ende 2021 bewies die Zoologische Gesellschaft von London (ZSL) mit einem detaillierten Gesundheitsreport, dass die Themse, gerade auch im Zentrum von London, wieder lebendig ist. Dafür untersuchten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der ZSL in 17 verschiedenen Kategorien den Zustand des Flusses. Die Hauptaspekte waren dabei Umwelt, Pflanzen und Tierleben sowie der Nutzen für die Öffentlichkeit. Diese Daten erlaubten den Forschenden, sowohl kurz- als auch langfristige Prognosen für die Zukunft abzugeben.
Auch wenn nicht alle Kategorien eine Verbesserung prognostizieren und in manchen gar nicht genügend Daten für eine Vorhersage existieren, so ist das Gesamtbild dennoch positiv. So zeigen die Trends zum Beispiel Verbesserungen beim Sauerstoffgehalt, bei den Vogelbeständen, die nun 92 Arten umfassen, und bei maritimen Säugetieren. Langfristig sollen sich auch die Fischbestände von gegenwärtig 115 Arten stabilisieren und natürliche Habitate sowohl im Wasser als auch an den Ufern verbessern.
„Es ist schon ermutigend. In London leben Millionen von Menschen und Fische laichen wieder praktisch im Zentrum. Seehunde und Kegelrobben schwimmen die Stadt hinauf und hinunter und kommen in West-London sogar oft ans Ufer“, sagt ZSL-Forscher Joe Pecorelli, einer der Autoren des Reports. Er und sein Team geben sich optimistisch: „Die Koexistenz von Mensch und Tier ist selbst in einem so geschäftigen Wirtschaftszentrum wie London sehr wohl möglich“, lautet das Hauptfazit des Papiers. Neben Robben nennt die ZSL besonders das Vorkommen von Aalen, Seepferdchen und außerhalb des Londoner Zentrums sogar von Haien als Erfolgsgeschichten. Von allein kamen die Tiere allerdings nicht zurück. „Wir haben aktiv darauf hingearbeitet“, so Pecorelli. „Für den vom Aussterben bedrohten Europäischen Aal haben wir zum Beispiel zahlreiche Hindernisse für deren Migration entfernt, wir leiten sie um Wehre, Staudämme und Schleusentore. Hunderte Freiwillige helfen uns mit der Beobachtung.“
Allerdings weist der Bericht auch auf eine nach wie vor große Gefahr hin, die dem Fluss in Zukunft zu schaffen machen wird: den Klimawandel. Die ZSL hat ermittelt, dass sich bestimmte Abschnitte der Themse seit 2007 jährlich um 0,2 Grad erwärmen – genug, um das delikate Ökosystem aus dem Gleichgewicht zu bringen. Eine erhöhte Wassertemperatur verringert ebenfalls den Sauerstoffgehalt des Wassers; Fischarten wie der Europäische Wolfsbarsch oder der Glatthai, die die Themse als Laichplatz benutzen, reagieren auf den Temperaturanstieg empfindlich. Wegen der globalen Erwärmung der Ozeane und des damit verbundenen Anstiegs der Meeresspiegel erhöht sich außerdem der Wasserspiegel des Flusses, besonders in seinem Gezeitenabschnitt. Das bringt ein erhöhtes Überschwemmungsrisiko mit sich, das nicht nur die Umwelt, sondern auch die Menschen in London selbst gefährdet.
Der ZSL-Report ist die erste Untersuchung der Themse seit über 60 Jahren. Und er fand auch deshalb so viel Beachtung, weil die letzte im Jahre 1957 zu einem gänzlich anderen Schluss kam. Die Studie des London’s Natural History Museum war seinerzeit so verheerend, dass sie allgemein als biologische Todeserklärung für den Fluss verstanden wurde. „Dem Bericht und der Jahreszahl werden zwar allgemein etwas zu viel Bedeutung beigemessen. Es sah aber in der Tat zu dieser Zeit sehr schlecht aus“, kommentiert das Joe Pecorelli.
Die Wissenschaftler des Museums hatten 1957 schlicht das Fischvorkommen in der Londoner Themse untersucht – und fanden keinen einzigen. Da der Zusammenhang zwischen Sauerstoffgehalt und Fischsterben auch damals schon bekannt war, war die Ursache – das überschwappende Schmutzwasser – schnell gefunden. „Das Problem existierte aber schon eine ganze Weile“, so Pecorelli. „Schon in den frühen 1950er Jahren war die Bevölkerung Londons stark angestiegen. Gleichzeitig waren Infrastruktureinrichtungen wie die Kanalisation durch den Zweiten Weltkrieg beschädigt.“ Die nach Osten geleiteten Abwässer sammelten sich dort im Fluss und kehrten bei Pegelhochstand teilweise einfach wieder ins Zentrum zurück.
Kläranlagen brachten die Wende
Das Problem war der Politik bereits 1951 bekannt, in jenem Jahr wurde das Umweltverschmutzungsvermeidungsgesetz (Pollution Prevention Act) verabschiedet. „Und nach dem Report von 1957 beschloss das Parlament den Bau der größten Kläranlage Europas”, berichtet Pecorelli. Dazu wurde eine bestehende Anlage in Beckton im Osten der Stadt enorm erweitert. „Nachdem diese in Betrieb gegangen war, kehrten 115 bis 120 Fischarten in die Themse zurück.” Seit 1976 konnte schließlich das komplette Abwasser der Stadt geklärt werden, bevor es in die Themse geleitet wurde. Mit der Privatisierung der Wasserwerke unter der Regierung Thatcher kamen die Gründung der Nationalen Flussbehörde (National Rivers Authority) und die Einführung biotischer Überwachung. „Das ist ein cleveres Punktesystem, bei dem Verschmutzung über das Vorkommen von wirbellosen Kleintieren wie Eintagsfliegen, Schnecken oder Wasserkäfer und deren unterschiedliche Toleranz zu niedrigen Sauerstoffgehalten ermittelt wird“, erläutert die Gewässerökologin Veronica Edmonds-Brown.
Doch einen Haken hat das System nach wie vor: Das Abwasser muss erst einmal in diese großen Kläranlagen gelangen. Und bei diesem Vorgang ist die Metropole immer noch von Anlagen abhängig, die in großen Teilen im 19. Jahrhundert unter dramatischen Umständen errichtet wurden.
Im viktorianischen Zeitalter wurden die Abwässer direkt in die Themse geleitet. Mehrere große Ausbrüche der Cholera hielten die Stadt ab 1832 in Atem, doch dass die Seuche über mit Fäkalien verunreinigtes Trinkwasser übertragen wurde, erkannte man erst 1854. Im heißen Sommer 1858 erreichte die Krise dann mit dem „Great Stink“ ihren Höhepunkt: Der Gestank der Fäkalien und anderer Abwässer breitete sich in der gesamten Stadt aus. Im Parlament wurden Vorhänge in Chlorkalk getränkt und die Abgeordneten waren schließlich so verzweifelt, dass sie in nur 18 Tagen ein Gesetz durchpeitschten, das den Bau jenes Kanalisationssystems unter der Leitung von Sir Joseph Bazelgette verordnete, das bis heute die Grundlage der Abwasserableitung Londons bildet.
Doch was seinerzeit ein Wunderwerk modernen Tiefbaus war, ist der explodierenden Bevölkerungszahl der Metropole schon lange nicht mehr gewachsen. „Die wichtigsten rechtlichen Richtlinien, die eine Verbesserung des Abwassersystems einforderten, waren EU-Direktiven, von denen wir heute leider wegen des Brexits nicht mehr profitieren“, berichtet Pecorelli. „Doch sie haben dazu geführt, dass die Wasserwerke Thames Water Milliarden in ein neues Kanalisationssystem investierten.“ Der Plan für den „Thames Tideway Tunnel“ war entstanden.
„2012 wurde der Regierung gesagt, dass sie die Themse säubern müsste oder sie würde eine millionenschwere Strafe wegen Verstößen gegen die EU-Richtlinie zur Behandlung kommunaler Abwässer erhalten“, sagt Liz Wood-Griffiths. Die Städteplanerin leitet die Planungsabteilung des Thames-Tideway-Tunnel. Die Bauarbeiten begannen 2016 und der Tunnel soll bis 2025 in vollem Betrieb sein – Teile davon sollen sogar bereits im Herbst 2023 Abwässer befördern. Das Projekt soll 42 Milliarden Britische Pfund kosten und besteht im Kern aus einem 25 Kilometer langen Tunnel, der unter der Themse von den „Acton Storm Tanks“ – gleichzeitig Regenrückhaltebecken und Pumpstation – im Westen bis hin zur „Abbey Mills“-Pumpstation im Osten führt. Über einen weiteren Tunnel unter dem Fluss Lee wird das Abwasser dann von Abbey Mills in die Beckton-Kläranlage gepumpt. Zusätzliche Verbindungstunnel speisen den Themse-Haupttunnel ebenfalls mit Abwässern. „Insgesamt wird der Tunnel 34 Mischwasserüberflüsse abfangen, deren Abwässer zuvor in der Themse landeten“, erläutert Wood-Griffiths.
Ein neuer Kanal für London
Der Tunnel, der bei seinem Ausgangspunkt im Westen 35 Meter unter der Themse verläuft und bei seinem Endpunkt im Osten schließlich 61 Meter unter ihrem Grund liegt, soll so insgesamt rund 40 Tonnen Abwasser pro Jahr von dem Fluss fernhalten und durch das Gefälle zur Pumpstation Abbey Mills fließen lassen. „Wenn der Tunnel in Betrieb ist, wird er die Pathogene im Fluss reduzieren und außerdem Abfall und Plastik von der Themse fernhalten“, sagt die Planerin.
„Der Tunnel allein wird aber nicht genug sein“, warnt Veronica Edmonds-Brown. Das Bauprojekt vergrößere die Kapazität, unbehandeltes Abwasser zu den Kläranlagen zu leiten. Doch diese Anlagen müssten dann auch die Kapazitäten besitzen, diese Abwässer zu reinigen. Und genau dort sieht die Gewässerökologin weiterhin Defizite. „Im Moment kommt es immer wieder zu Verschüttungen, bei denen ungereinigtes Abwasser von den Kläranlagen in die Themse und verbundene Flüsse gelangt.“ Im Januar sorgte eine Studie der „Oxford Rivers Improvement Campaign“ für Aufsehen, die angab, dass von 90 Kläranlagen am oberen Verlauf der Themse 46 nicht genügend Kapazität besäßen. „Dafür sind private Wasserwerke verantwortlich, denen es mehr um Profit als um Sicherheit geht. Investitionen in Infrastruktur bleiben aus Kostengründen aus“, warnt die Expertin. „Wenn sich das fortsetzt, könnte sich die Gesundheit der Themse wieder verschlechtern.“ Edmonds-Brown fürchtet, dass die beiden Sauerstoffschiffe den berühmten Fluss so schnell nicht verlassen werden.
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