Die Inselgruppe Sokotra gilt als Galapagos des Indischen Ozeans. Doch Investoren, Touristen und der Klimawandel gefährden das Biotop. Deutsche Wissenschaftler helfen bei der Entwicklung eines Naturschutzkonzepts.
Sheikh Ali Abdulla Ahmed ist einer der wichtigsten Männer auf Sokotra: Oberhaupt eines Stammes von 150 Menschen, Besitzer eines in Lammfell gehüllten Fernsehgerätes und mit seinen 72 Jahren von ehrwürdigem Alter. Seinen verblichenen Bart färbt er mit Henna. Barfuß und mit gekreuzten Beinen sitzt er auf einer zerschlissenen Matratze in seinem Wohnzimmer mit den bröckelnden Kalkwänden, das rot-weiß karierte Tuch, die Kufiya, auf dem Kopf, und entwirft seine Vision: „Ich träume von einem neuen Dubai im Indischen Ozean.” Dabei denkt er natürlich nur an die Boom-Zeit der Golf-Metropole und nicht an die jüngst offenbar gewordene Schuldenkrise.
Es ist ein kühner Traum für eine Insel, auf der in den letzten 20 bis 30 Millionen Jahren nur wenig los war. Damals spaltete sich der Sokotra-Archipel, zu dem außer der Hauptinsel Sokotra noch etliche kleinere Eilande zählen, von der heutigen arabischen Halbinsel ab, nachdem bereits seit dem frühen Tertiär keine Verbindung mehr zum afrikanischen Festland bestand. Jetzt liegt Sokotra 350 Kilometer vor der Küste Jemens, zu dem die Inseln seit 1967 gehören. Portugiesen hatten Sokotra erobert, in Kolonialzeiten war die Insel Teil des britischen Commonwealth. Der große Forschungsreisende Marco Polo berichtet von ihr, und laut einer Legende soll auch Sindbad der Seefahrer Sokotra besucht haben. Dennoch war die Insel ökologisch so abgeschottet, dass hier Tier- und Pflanzenarten überlebten oder sich neu entwickelten, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt: Über 35 Prozent der 825 Arten an Blütenpflanzen und Farnen sind endemisch, alle 30 hier lebenden Reptilienarten und 7 Vogelarten. Nirgendwo sonst gibt es so viele Schmutzgeier. Deshalb gilt die Insel unter Biologen als „Galapagos des Indischen Ozeans”, ist seit 2000 auf fast drei Vierteln ihrer Fläche als Nationalpark geschützt und erhielt 2008 einen der begehrten Plätze auf der Liste des Unesco-Weltnaturerbes.
Doch diese Etiketten haben auch die Aufmerksamkeit der Tourismusindustrie und ihrer Investoren auf das Eiland gelenkt. Seit vor gut zehn Jahren eine Piste gebaut wurde, auf der das ganze Jahr Flugzeuge landen können, hat sich Sokotra für die Welt geöffnet. Noch vor Kurzem schafften es keine 100 Touristen pro Jahr auf die Insel. Während des Sommermonsuns war sie noch nicht einmal mit Schiffen zu erreichen, zu stürmisch war die See. Doch im Jahr 2008 kamen bereits 4000 Ausländer, darunter gut 500 Deutsche. Und die hinterlassen Spuren. Andererseits haben nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Regimes und der Wiedervereinigung von Nord- und Südjemen im Jahre 1990 auch Naturschützer und Wissenschaftler Zugang zu der Insel erhalten. Ihnen ist die ökologische Bedeutung der Region bewusst, und sie kämpfen nun um ihren Schutz. Bedingt durch den Klimawandel verändern sich Meeresströmungen, Wassertemperaturen steigen, und während des Monsuns fegen schwere Stürme über die Inseln.
RELIKTE AUS DER KREIDEZEIT
Immer deutlicher wird, dass Sokotra am Scheideweg steht: Wird die einzigartige Naturlandschaft samt ihren zu einem Großteil noch traditionell lebenden Bewohnern den Sprung in die globalisierte Gegenwart unbeschadet bewältigen?
Außerhalb der Hauptstadt Hadibu, einem schäbigen 12 000-Einwohner-Kaff aus Betonschachteln und staubigen Straßen, sieht Sokotra auf den ersten Blick noch aus wie vor Jahrtausenden: Im Kontrast zu dem ockerfarbenen Kalkfels der Insel strahlt das Meer in einem surrealen Türkisblau. In manchen Ecken hat der während des Sommer-Monsuns stürmische Wind Rampendünen aus weißem, perligem Sand aufgeschichtet, die zu den größten und schönsten der Welt gehören. Berühmt ist die „Insel der Glückseligkeit” – so wurde sie von indischen Seefahrern getauft – vor allem für die in der Ödnis rosa aufleuchtenden Wüstenrosen und eine nur hier wachsende Art Drachenblutbäume (Dracaena cinnabari). Sie haben sich auf der Dixam-Hochebene im Inselinneren zu einem lichten Wald versammelt. Diese Relikte aus der Kreidezeit waren einst Begleiter der Dinosaurier. Das Harz dieser urzeitlichen Bäume, die mit ihren Ästen eng verzweigte, pilzartige Dächer gegen den Himmel aufspannen, soll Krankheiten heilen. Sie sind zum Teil über 800 Jahre alt – und so fällt gar nicht auf, dass der Nachwuchs fehlt: Es gibt kaum Jungbäume, weil die Keimlinge von Ziegen abgefressen werden. Die sokotrischen Bauern halten diese Tiere in wachsender Zahl auf der Insel, um die – wie überall in Arabien – stark wachsende Bevölkerung zu ernähren. Es ist also nicht nur die Globalisierung, die zu den Umweltproblemen Sokotras beiträgt, es sind auch die Einheimischen. Nicht nur die Drachenblutbäume sind bedroht, auch die pittoresken Gurkenbäume sind fast schon ausgestorben, die sieben einheimischen Arten Weihrauch werden immer rarer, und manche Aloe-Art muss man lange suchen. Die Ziegen fressen alles.
Niedliche Drachenblutbaum-Babys
Wie gut, dass sich einige Sokotri um die Natur kümmern: Der ehemalige Bauer Adib Abdullah etwa hat bereits 1996 mit Unterstützung eines Naturschutzprojekts des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) eine Baumschule in Hadibu gegründet, die sich um die Wiederbegrünung verlorener Flächen und um den Erhalt bedrohter Pflanzen kümmert. Seine Mitarbeiter sammeln in den karstigen Bergen und dem Hochplateau Samen von Drachenblutbäumen und anderen Pflanzen, säen sie in ihrer Gärtnerei und päppeln Jungpflanzen auf, die später am alten Standort eingepflanzt werden. „Ich wollte einfach etwas für unsere Natur tun”, sagt Abdullah. Auf die Ausländer lässt er nichts kommen. Zwar wird er zum Teil von der jemenitischen Umweltbehörde EPA finanziert, doch sein Unternehmen lebt auch davon, dass die Reiseleiter Touristen bei ihm vorbeibringen, damit sie Fotos von den niedlichen, grün glänzenden Drachenblutbaum-Setzlingen schießen können. „Ohne die Spenden der Touristen könnten wir nicht leben”, gesteht Abdullah.
Zwischen 40 000 und 80 000 Menschen wohnen auf dem 3600 Quadratkilometer großen Sokotra, so genau weiß das niemand. Es sind vermutlich zu viele für die karge Insel, die außer Ziegenfleisch, Datteln und Fisch nichts produziert. Alle anderen Güter und Lebensmittel, selbst Tomaten, Weizen und Reis sowie die jemenitische Kaudroge Kat werden von traditionellen Segelschiffen, den Dhows, und von rostigen Motor-Kuttern herangeschifft. Die Schiffsführer lassen es sich gut bezahlen, dass sie einen Tag und eine Nacht lang die Fahrt durch die piratenverseuchten Gewässer wagen. Das Geld dafür verdienen die Sokotri bislang noch am ehesten durch Fischfang. Haie sind dabei besonders wichtig: Ihre Flossen werden exportiert, vor allem nach Asien. Das verbleibende Haifleisch wird gesalzen und getrocknet und ans jemenitische Festland verkauft. Doch es ist ein wackliges Geschäftsmodell. Früher gingen die etwa 5000 Fischer Sokotras nur auf das Meer, um den Eigenbedarf der Bevölkerung zu decken. Der Export hingegen setzt die Fischbestände unter Druck.
Kurz nach Sonnenaufgang scheint auf dem Fischmarkt von Hadibu das Meer noch in Ordnung. Der Himmel leuchtet tiefblau und der Fang riecht frisch. Mit Schubkarren bringen die Fischer pfannengroße Speisefische heran: Red Snapper, Riffbarsche und Stachelmakrelen, gelegentlich auch einen Hai. Mit großen, rostigen Messern schneiden sie Filets von den Fischen, die sie den Kunden blutig in flatternde grüne und rote Plastiktüten packen. Doch die Stimmung der Fischer ist getrübt. „Wir müssen mittlerweile zwei Stunden weit aufs Meer fahren, um noch gute Fanggründe zu finden”, sagt Ali Mohammed Afaan, 45, der der örtlichen Fischerei-Kooperative vorsteht. Er klagt über die Konkurrenz durch die Trawler, die vom Festland aus die Insel ansteuern und rücksichtslos moderne Fangmethoden und Nylon-Schleppnetze nutzen: „Die killen alles.” Die meisten Sokotri halten sich noch weitgehend an die traditionellen Fangmethoden. Sie fahren mit ihren schmalen Holzkähnen aufs Meer, nutzen lange Angelschnüre mit Haken sowie schonende Fallen bei der Langustenfischerei und wechseln die Fanggebiete, um sie nicht zu überfischen. So bestand lange Zeit Nachhaltigkeit ganz von alleine.
KARTIEREN UND SCHÜTZEN
Das ist auch der Punkt, an dem Meeresforscher wie Uwe Zajonz, 42, vom „Biodiversität und Klima Forschungszentrum” (BiK-F) in Frankfurt am Main ansetzen. Seit über zehn Jahren erforscht der Ichthyologe mit seinem Team von europäischen und arabischen Mitarbeitern die Fische und Küstenökosysteme des Archipels. Unter anderem das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) beauftragte das Team damit, Grundla- genforschung für ein Naturschutzkonzept zu betreiben, die damals weitgehend unbekannte marine Biodiversität zu kartieren, ein System von Naturschutzgebieten einzurichten und Pläne zum Fischerei- Management zu erarbeiten. Mit der Erforschung der Landgebiete wurde der Royal Botanic Garden in Edinburgh betraut. Zajonz formuliert seine wesentliche Einsicht so: „Erfolg werden wir nur haben, wenn wir wissenschaftliche und traditionelle Methoden verbinden.”
Es war eine Herkules-Aufgabe, die Zajonz und seine Kollegen des Senckenbergmuseums 1998 übernahmen. Denn seit dem Rückzug der Briten und der Übernahme durch die Demokratische Volksrepublik Jemen im Jahre 1967 waren die wissenschaftlichen Aktivitäten auf der Insel weitgehend eingeschlafen. Der Archipel galt bei Meeresbiologen als weitgehend weißer Fleck. Dabei ahnten sie, dass es sich bei der Region um einen „Hot Spot” der Biodiversität handelt: Extrem isoliert, aber zugleich in der Übergangszone zwischen dem Golf von Aden, dem Arabischen Meer und nahe dem artenreichen Roten Meer wird Sokotra von mehreren großen ozeanischen Strömungen beeinflusst. Zudem wälzen die Monsunstürme des Sommers die Wassermassen gewaltig um und bringen so kaltes, nährstoffreiches Wasser an die Oberfläche, das wiederum die biologische Produktivität der marinen Ökosysteme erhöht. Es war also einiges zu erwarten.
Schon bei der ersten groben Biotop-Kartierung mithilfe von Satellitendaten überraschte der Sokotra-Archipel durch seine Vielfalt. In der Gezeitenzone identifizierten die Wissenschaftler 6 Lebensraumtypen, unter Wasser gar 25: verschiedene Formen mobiler Sandlandschaften, Seegraswiesen, diverse Korallengemeinschaften. „Eine solche Vielfalt findet sich selten auf der Welt”, sagt Zajonz. In den Folgejahren wurden insgesamt 600 Stationen im Archipel betaucht, um Grunddaten der Tiefe, Bodenbeschaffenheit und Tierwelt aufzunehmen: An 60 Stationen erstellte man das umfangreiche „Bioinventar”, das heißt man erfasste Flora und Fauna im Detail. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: In den Gewässern des Archipels haben die Zoologen 253 Korallenarten und an die 800 Fischarten gefunden. Viele von ihnen waren neu für die Wissenschaft.
Das Ergebnis war sogar noch besser als gedacht. Die Forscher hatten erwartet, dass Sokotra das Schicksal vieler Inseln teile, deren Lebensräume bereits teilweise zerstört waren, als die Wissenschaft sich ihrer annahm. Stattdessen fanden die Forscher einen biogeographisch weitgehend intakten Lebensraum vor. Umso klarer wurde, wie wichtig Schutzmaßnahmen sind: Gemeinsam mit der Umweltbehörde Jemens wurde ein Naturschutz- und Nutzungsplan entwickelt, der unter anderem Schutzzonen ausweist und die nachhaltige Nutzung aller Ressourcen verlangt. Zahlreiche Sokotri – Lehrer, Fischer, lokale Fremdenführer – wurden in Sachen Umweltschutz geschult. Und der neue Status als Unesco-Weltnaturerbe wird zumindest dafür sorgen, dass internationale Beobachter ein Auge auf Sokotra haben.
KINDERSTUBE FÜR FISCHE
„Jalla, jalla”, ruft Uwe Zajonz auf Arabisch. „Auf geht’s, auf geht’s!”, treibt er seine Mitarbeiter an und springt in den wartenden Jeep. Ein Tauchgang steht an und Netzfischen in der Ditwah-Lagune. Man wird wohl campen müssen, damit sich die lange Fahrt lohnt. Zajonz, sein französischer Kollege Edouard Lavergne und sein sokotrischer Mitarbeiter Fouad Naseeb aus Hadibu gehen durch das seichte Wasser der Lagune und ziehen im Halbkreis ein grünes Baumwollnetz mit sich. „Ihr trampelt wie die Rhinozerosse” , schimpft Zajonz. „Geht doch vorsichtiger!” Die Lagune ist im Kreislauf des Meeres ein wichtiger Ort, Kinderstube vieler Fischarten, Begegnungsstätte von Land und See. Abends am Land begutachten die Forscher ihren Fang, den sie in schwarzen Plastiktonnen verstaut haben, und beginnen zu fachsimpeln. „Hier, die großen dachziegelförmigen Schuppen, typisch für Ährenfische”, meint Zajonz. „Und das, sind das Meeräschen? Die sind so verdammt schwer zu identifizieren.” Taxonomie ist eine Kunst, und mancher Fang wird endgültig erst im Frankfurter Labor bestimmt werden, wo die dicken Nachschlagewerke und Internet-Datenbanken bereitstehen. Die Forschungsstation in Hadibu, finanziert mit Mitteln des LOEWE-Programms des Landes Hessen, ist noch im Aufbau. Bislang gibt es hier nur ein paar notdürftige Gerätschaften. Manchmal müssen mit Skalpell und Pinzette anatomische Details freigelegt werden, um eine Art eindeutig zu bestimmen.
Doch den Frankfurter Wissenschaftlern geht es um mehr als nur um die Inventarisierung der Küstengewässer von Sokotra, also um Zahl und Art der Meeresbewohner. Edouard Lavergne etwa hat sich bei seiner Doktorarbeit auf die Analyse von „Otolithen” spezialisiert. Diese Hörsteine von Fischen legen, ähnlich wie Bäume, Jahresringe an. Durch mikrochemische Messungen an ihnen kann man herausfinden, wann ein Fisch wo gelebt hat. So lassen sich mithilfe modernster Analysemethoden die Fischwanderungen zwischen Lagune und Meer, zwischen Süß-, Brack- und Salzwasser rekonstruieren. Und solche Daten wiederum sind wichtig für das Fischerei-Management: Man will verstehen, wieso die Fische an manchen Orten ausbleiben, sich die Artengemeinschaften ändern oder wie das Klima ihre Biologie beeinflusst. Unter anderem mit solchen Methoden werden die Frankfurter Forscher in Zukunft schwerpunktmäßig die Auswirkungen des Klimawandels auf die globale Biodiversität in den Gewässern um Sokotra, den arabischen Randmeeren und im Indischen Ozean untersuchen. Denn eines ist klar: Vor dem Weltklima wird sich Sokotra nicht verstecken können.
„so HERRLICH PRIMITIV”
Und auch sonst ist die Welt schon angekommen. Im Hof des Summerland-Hotels in Hadibu, dem führenden Haus am Platze, 35 Euro pro Person das Doppelzimmer, sitzt eine Reisegruppe italienischer Touristen auf weißen Plastikstühlen beim Frühstück. „Es ist so herrlich primitiv hier”, sagt eine Dame aus Bologna mit schicker Sonnenbrille und Spaghettiträgern. Sie schmiert sich zuckersüße jemenitische Erdbeermarmelade aufs Fladenbrot. „ Obwohl, um etwas Papaya und Ziegenkäse hätten die sich schon kümmern können.” Ihre Reisegefährtin im Rüschentop setzt mit fröhlichem Zynismus hinzu: „Uns ist schon klar, dass der Tourismus der Natur schaden wird. Deshalb wollten wir hier vorbeikommen, solange das noch unverbraucht ist.”
Der Wind treibt eine rote Plastiktüte über den Staub der Straße und wirbelt sie durch die Luft, bis sie in den Zweigen eines Busches hängen bleibt. Ziegen laufen quer über die Straße. „ Das mit der Müllabfuhr klappt einfach nicht”, bestätigt Ali Abdulla Ahmed, der Scheich, der von Dubai träumt. „Ein Müllauto für ganz Hadibu, das reicht eben nicht.” Und setzt hinzu: „Die Regierung muss handeln! Und wir brauchen ausländische Investoren!” Dann, ja dann könnten Wohlstand und Reichtum in Sokotra einkehren, dann könnte es so schön werden wie in Saudi-Arabien.
BÄUME ODER MENSCHEN?
Salem Daher, Direktor der jemenitischen Umweltbehörde in Sokotra, gibt sich bescheidener. Er sehe seine Rolle eher als Beschützer des neu erlangten Weltnaturerbe-Status, behauptet er. Leicht genervt sitzt er an seinem Laptop unter einem gerahmten Bild des jemenitischen Präsidenten und verkündet nur beste Öko-Absichten: Müllabfuhr und Wasserversorgung müssten verbessert werden. Hotels sollte es nur in Hadibu geben, auf dem Land dagegen nur Campingplätze. Der Abfall müsste ordentlich entsorgt werden. Mehr als 6000 Touristen pro Jahr könne die Insel nicht ertragen. Aber, mal ehrlich, man dürfe auch die Frage stellen: „ Sind Bäume oder Menschen wichtiger?”
Das ist keine unbillige Frage. Und dennoch ergreift Reisende und Wissenschaftler eine Wehmut, wenn sie im glasklaren Wasser des palmenbestandenen Wadi Dirrho auf dem Dixam-Plateau baden oder am weißen Traumstand von Qalansia die 40 Meter hohen Dünen bestaunen, und sich dabei vorstellen, dass hier schon bald Touristenhotels stehen könnten.
„Die Unternehmer sitzen doch schon in den Startlöchern”, schimpft ein jemenitischer Reiseführer, der seinen Namen auf keinen Fall genannt haben will. Allgemein bekannt sei, dass ein einflussreicher Jemenit ein großes Grundstück an einem der schönsten Korallenstrände vorsorglich gekauft habe, vorbei an allen gesetzlichen Regeln. In ein paar Jahren werde dort ein Luxus-Hotel stehen. Aber vielleicht ist dem ominösen Projekt auch ein Schicksal beschieden wie manchem Straßenbau auf Sokotra, wo – von Fördergeldern finanziert – Bauunternehmer plötzlich mehrspurige Straßen zu Dörfern trieben, in denen vielleicht zwei Autos angemeldet waren. Auch in Hadibu startet eine vierspurige Autobahn, eine Abzweigung führt hinauf zur Dixam-Hochebene – und endet nach 15 Kilometern im Nichts. ■
Der Aufenthalt von ANDREA SCHUHMACHER im Jemen lag zwischen zwei Attentaten, was ihre Begeisterung für die Natur Sokotras nicht dämpfte.
von Andrea Schuhmacher
KOMPAKT
· In den Meereslandschaften rund um die Sokotra-Inselgruppe fanden Zoologen 300 Korallen- und 800 Fisch-Arten. Viele davon waren zuvor unbekannt.
· Doch wenn erst der teils erwünschte, teils befürchtete Ansturm der Touristen kommt, könnte es mit der paradiesischen Ruhe zu Wasser und zu Lande vorbei sein.
„Schützen, was man kennt”
Verträgt die Natur die Touristen, Herr Prof. Schenck?
Ein Problem ist, dass es da eine Eigendynamik gibt: Früher war der Tourismus auf den Galapagos umweltverträglich. Dann gab es Zuwachsraten von 20 Prozent, Investitionen wurden lukrativ. Man baute Hotels, wo man es nicht tun sollte. Außerdem schleppten die Touristen fremde Arten ein.
Sollte man also Menschen aus den Schutzgebieten möglichst fernhalten?
Nein, Reisen ist wichtig, weil Menschen eher schützen, was sie kennen. Nötig sind allerdings hohe Ökostandards, No-Go-Areas in allen Regionen und begrenzte Besucherzahlen, auch im Interesse der Touristen: Wer mit 25 Landrovern um einen Geparden herumsteht, hat kein Wildnisgefühl mehr.
Welche Rolle spielen die einheimischen Bewohner?
Eine entscheidende! Auch Einheimische müssen vom Tourismus profitieren und erkennen, dass das Naturschutzgebiet einen Wert für sie hat. Allzu oft läuft es so, dass ein Investor eine Lodge baut, einen westlichen Manager anheuert und Hotelangestellte aus der Großstadt holt. Besser wäre es, vor Ort auszubilden, denn jeder ortsansässige Angestellte mehr ist ein Wilderer weniger.
Bringt der Naturtourismus viel Umsatz?
Wenn man ausrechnet, wie viel Geld ein Galapagos-Reisender insgesamt ausgibt, und das mit der Zahl der Besucher multipliziert, kommt man auf Millionenbeträge.
Ist ökologisch verträglicher Tourismus nur etwas für Reiche?
Vor allem in Ostafrika versucht man es mit hohen Eintrittsgeldern. Unser Ansatz wäre, der Mehrheit hohe Preise abzuverlangen, aber eine Tür offen zu lassen für Menschen, die wenig Mittel, dafür ein spezielles Interesse haben, Biologiestudenten etwa.





