Gewalttäter versuchen mit immer neuen Kniffen, die Spuren ihrer Taten zu verwischen und die Polizei hinters Licht zu führen. Meist misslingt ihnen das. Trotzdem bleiben viele Tötungsdelikte unerkannt.
Längst reicht Wasser nicht mehr aus, um die Hände in Unschuld zu waschen. Moderne Mörder schrubben sich lieber mit Chemikalien die blutige Schliere von den Fingern, klauben geflissentlich ihre Zigarettenstummel vom Tatort auf, wischen penibel ihre Fingerabdrücke weg und legen den Fluchtwagen sorgfältig mit Decken aus. Sie verbrennen ihre Kleidung und das Corpus delicti – die Leiche – gleich dazu.
Auf diese Weise versuchte Jermaine McKinney, vor knapp drei Jahren den Mord an zwei Menschen zu vertuschen. Nachdem er eine 70-jährige Frau in ihrem Haus im US-Bundesstaat Ohio erschlagen und ihre 45-jährige Tochter erschossen hatte, begann er – geradezu professionell – belastendes Beweismaterial zu beseitigen. Wie er dabei vorzugehen hatte, wusste McKinney aus dem Fernsehen. Als dezidierter Fan von „CSI”, jener Serie, in der smarte Beamte Woche für Woche abgefeimte Verbrechen lösen, kannte er die kriminalistischen Methoden, mit denen Ermittler arbeiten – und hatte sich im Umkehrschluss eingeprägt, was er genau tun musste, um nicht erwischt zu werden.
COLUMBOS ZEITEN SIND VORBEI
Diesen „CSI-Effekt” bei Kriminellen beobachten Experten immer häufiger. Die Verbrecher versuchen nicht nur, Fingerabdrücke zu vermeiden oder Fußspuren zu verwischen, wie zu Zeiten des schrulligen Columbo. Vielmehr gilt es, gegen ein Heer von Experten anzutreten, die stumme Leichen zum Sprechen bringen, feine Schmauchspuren nachweisen, verzwickte Einschusswinkel feststellen, psychologische Profile von Verbrechern erstellen, die gewonnene Informationen in Sekundenschnelle mit riesigen Datenmengen abgleichen und anhand weniger Gewebezellen Täter und Opfer identifizieren. Vor allem die Analyse des Erbgutes macht Mördern wie McKinney Angst. Zu Recht: Theoretisch genügen winzige Reste von Blut oder Schweiß, Speichel oder Sperma, ein paar Hautpartikel oder ein ausgefallenes Haar, um das DNA-Profil einer Person zu erstellen. Das kostet maximal 50 Euro. In der Praxis hingegen ist die Tendenz zur genetischen Offenbarung von Mensch zu Mensch verschieden. Will heißen: Manche hinterlassen klare Erbgut-Spuren, andere nicht. „Jemand kann am Tatort eine Wasserflasche aufheben und sie wieder hinstellen – und Sie bekommen aus seinem Schweiß und seinen Hautzellen ein klares genetisches Profil”, sagt Eleanor Graham, DNA-Expertin an der britischen University of Leicester. „Ein anderer kann sogar daraus trinken – und Sie kriegen trotzdem kaum brauchbare Informationen. Sogar aus Wangenabstrichen können wir manchmal kein vollständiges DNA-Profil gewinnen. Warum es diese individuellen Unterschiede gibt, wissen wir nicht.”
McKinney jedenfalls wollte auf Nummer sicher gehen. Er benutzte Bleichmittel, um sich das Blut seiner Opfer von den Händen zu waschen und die DNA zuverlässig zu zerstören. Er legte seinen Wagen mit Decken aus, um keine verräterischen Spuren vom Tatort zu verschleppen. Und er verbrannte die Leichen, weil auf ihnen seine Schweiß- und Spermaspuren zu finden waren. Er hatte die jüngere Frau vergewaltigt. Auch andere Mörder nehmen ihren Opfern nicht nur das Leben, sondern zusätzlich ihre Identität. Sie verstümmeln die Leichen bis zur Unkenntlichkeit, um der Polizei möglichst wenig Anhaltspunkte zu geben. Doch die Ermittler sind in der Lage, auch das zu sehen, was nicht offensichtlich ist. Die Herkunft eines Menschen können sie zum Beispiel aus dem geochemischen Fingerabdruck ablesen, der in Zähnen, Knochen, Haaren und Fingernägeln steckt. Erzeugt wird er durch die Nahrung und das Wasser, die – wie die Dialekte einer Sprache – von Ort zu Ort bestimmte Eigenarten aufweisen und dem Menschen ihr unverkennbares Muster aufdrücken. Eine entsprechende Analyse der Isotope – also der Atome eines Elements, die zwar gleich viele Protonen, aber unterschiedlich viele Neutronen besitzen – war es, die Ötzi als Südtiroler outete. Diese Methode half auch, eine Frau zu identifizieren, die im November 2001 völlig entstellt in Garmisch-Partenkirchen gefunden wurde. Ihr geochemischer Fingerabdruck wies in Richtung Italien, wo am Ende auch ihr Mörder – und ehemaliger Liebhaber – gefunden und verhaftet wurde.
Das SÄUREBAD VERSAGT
Was also bleibt einem Mörder übrig? Die Leiche ganz verschwinden zu lassen? Das ist gar nicht so einfach, denn manche Teile des Körpers lösen sich selbst in Säure nicht vollständig auf. Das musste schon in den Vierzigerjahren der als „acid bath murderer” bekannte Serienkiller John Haigh erkennen, als eine Zahnprothese und drei von Fett ummantelte Gallensteine in der ätzenden Schlacke übrig blieben, in die er sein Opfer getaucht hatte.
Heute brauchen die Ermittler theoretisch nicht einmal mehr die Leiche, um an verräterische Spuren oder an ihr Erbgut zu kommen. Es genügen Käfer und Fliegen, die das wehrlose Fleisch besiedelt und dort ihre Eier abgelegt haben. Die geschlüpften Maden tun sich am toten Gewebe gütlich und verpuppen sich am Ende zu einer neuen Generation ihrer Art. Mit jedem Happen nehmen die gefräßigen Tiere unweigerlich auch Gifte, Medikamente und Drogen auf, die der Mensch intus hatte. Und es ist möglich, im unverdauten Leichenschmaus der Insekten menschliches Erbgut zu finden – und zwar nicht nur vom Opfer, sondern auch vom Täter.
WAS IM MAGEN VON MADEN STECKT
Im Fall der 16-jährigen Jennifer Haack, die im September 2002 im schleswig-holsteinischen Neumünster tot aufgefunden wurde, versuchten die Ermittler aus dem Magen der Maden den genetischen Fingerabdruck des Mannes herauszufiltern, der das Mädchen vergewaltigt hatte. „Jennifer war nur noch mit Socken bekleidet. In ihrem Genitalbereich fand man Insektenlarven. Wenn der Täter Sperma hinterlassen hatte, wäre das von den Tieren sofort gefressen worden – und mit ihm auch seine DNA”, sagt Kai Schlotfeldt vom Landeskriminalamt in Kiel.
In den Insekten haben die Ermittler einen veritablen Verbündeten im Kampf gegen das Verbrechen. Sobald die Lebenszeit eines Menschen abgelaufen ist, beginnt auf seinem Körper die Insektenuhr zu ticken. Die Insektenexperten (Entomologen) richten den Stundenzeiger danach aus, welche Arten von Fliegen und Käfern den Leichnam in Beschlag genommen haben. Fünf bis zehn Arten werden untersucht. Die Tiere legen ihre Eier nicht gleichzeitig ab, sondern in einer bestimmten Reihenfolge. Den Minutenzeiger der Insektenuhr richten die Experten danach, wie weit sich der Nachwuchs der einzelnen Arten beim Fund der Leiche entwickelt hat. In den ersten zwei bis vier Wochen nach dem Tod lässt sich auf den Tag genau feststellen, wie lange ein Körper schon liegt. Danach wird es schwieriger. Bei Jennifer Haack mussten die Maden am Ende doch nicht für die Mörderjagd herhalten. Statt der Krabbeltiere wurde dem Verdächtigen – der bereits wegen anderer Sexualdelikte gesessen hatte – eine Fussel zum Verhängnis, die man am Slip des Opfers fand. Sie stammte von der Jeansjacke des Mannes, einem derart alten und auffälligen Modell, dass die Spur eindeutig war. Dazu kam, dass der Verdächtige stur behauptet hatte, zu der fraglichen Zeit nicht in der Nähe des Tatorts gewesen zu sein. Ein Funkdatenturm, der wenige Hundert Meter entfernt stand, bewies aber das Gegenteil. Während eines Telefonats hatte sich das Handy des Mannes – zu erkennen an der Identifizierungsnummer der SIM-Karte – darin eingewählt.
DAS BIG-BROTHER-PRINZIP
Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 39 200 Mobiltelefone überwacht – verglichen mit 2006 ein Plus von etwa 10 Prozent. Festnetzanschlüsse hingegen werden für die Verbrecherjagd immer seltener angezapft (5078 im Jahr 2007 – ein Minus von 0,5 Prozent gegenüber 2006). Außerdem geraten Mörder zunehmend ins Visier elektronischer Augen. Mehrere Hunderttausend Überwachungskameras gibt es Schätzungen zufolge in Deutschland, mehr als 180 Millionen Euro pro Jahr werden von öffentlicher und privater Hand für entsprechende Anschaffungen ausgegeben. Das Big-Brother-Prinzip ist je nach Standort verschieden: Während das Geschehen auf Bahnsteigen von Sicherheitsbeamten in der Regel live verfolgt wird, sind die Kameras in U- und S-Bahnen normalerweise nicht an Monitore angeschlossen. Sie zeichnen lediglich auf, was in den Waggons passiert – und überschreiben das Bildmaterial nach 24 bis 48 Stunden automatisch. Ursprünglich vor allem als Abschreckung für Langfinger, Drogendealer und Rowdys gedacht, werden Kameras immer mehr für die Aufklärung von Straftaten genutzt. So bekam im vergangenen Jahr der Mörder des kleinen Mitja ein Gesicht, weil er mit seinem Opfer in der Linie 11 der videoüberwachten Leipziger Straßenbahn gefahren war.
Die Zeiten stehen schlecht für Mörder, möchte man meinen. Zu viele Faktoren müssen sie beachten, um nicht aufzufliegen, und selbst falsche Fährten können die Ermittler meist nicht lange täuschen. 96,8 Prozent aller registrierten Tötungsdelikte wurden in Deutschland im vergangenen Jahr aufgeklärt – 2272 an der Zahl und 1,3 Prozent mehr als 2006. Und doch gibt es ihn, den „ perfekten Mord”: jenes Verbrechen, das nicht nur unaufgeklärt bleibt, sondern nicht einmal entdeckt wird. Über 1000 unerkannte Tötungsdelikte gibt es jährlich in Deutschland, schätzen die Rechtsmediziner.
PROBLEM: DIE LEICHENSCHAU
Wie kann das sein? Sind die Mörder so gerissen? Die Ermittler unfähig? „Weder noch”, sagt Bernd Brinkmann, Professor für Rechtsmedizin an der Universität in Münster. „Das Problem beginnt bei der Leichenschau, die in vielen Fällen ihren Namen nicht verdient. Vor allem behandelnde Ärzte ziehen die Leiche dafür oft nicht einmal aus, um den Angehörigen nicht zu nahe zu treten. Stattdessen attestieren sie auf dem Totenschein einfach den natürlichen Tod.” Danach kann nur noch Kommissar Zufall den Tätern in die Quere kommen, beispielsweise wenn die Verstorbenen ins Krematorium gebracht werden, wo eine zweite Leichenschau am nackten Körper ansteht. Einschusslöcher kommen dabei ebenso zutage wie Stichwunden – etwa bei der alten Frau aus Thüringen, die laut den Angaben ihres Arztes an den Folgen eines Krebsleidens gestorben war. Als man ihr im Krematorium Mullbinden am Bauch abnahm, kamen seltsame Schnitte zum Vorschein. Es stellte sich heraus, dass der Ehemann dem Leiden seiner Frau eigenhändig ein Ende gesetzt hatte – mit zehn Messerstichen.
„Wir haben all die zufällig aufgeflogenen Tötungsdelikte und die offiziell registrierten Verbrechen herangezogen und auf die etwa 900 000 jährlich in Deutschland verzeichneten Todesfälle hochgerechnet”, erklärt Brinkmann. Doch da oft ein Verdacht und nicht reiner Zufall hinter den Entdeckungen stecken, verbietet sich eine lineare Hochrechnung. „Deshalb haben wir einen Abschlag von 90 Prozent vorgenommen. Heraus kam eine Dunkelziffer von 1200 bis 2400 unentdeckten Gewalttaten pro Jahr.” Durch regelmäßige – aber teure – Obduktionen ließen sich wohl die meisten dieser Verbrechen nachweisen. Doch in Deutschland landen schätzungsweise nur zwei Prozent der Toten in der Rechtsmedizin. In Finnland sind es zwischen 25 und 30 Prozent, in Österreich immerhin 5 bis 6 Prozent. „In Ländern mit einer hohen Obduktionsrate werden zwei- bis dreimal mehr Tötungsdelikte verzeichnet als bei uns”, sagt Brinkmann. „Sicherlich nicht deshalb, weil die Menschen dort gewalttätiger sind.”
Am Ende werden manchen Mördern schlicht jene Triebe zum Verhängnis, die sie überhaupt zu ihrer Tat gebracht haben. Bei dem eingangs erwähnten Jermaine McKinney war es die blanke Gier. Er benutzte die Kreditkarte eines seiner Opfer und brachte die Polizei dadurch auf seine Spur. Überführt wurde er schließlich anhand des Stemmeisens, mit dem er eine der Frauen erschlagen hatte und das er anschließend versuchte, in einem See zu versenken. Doch weil der zugefroren war, ging die Waffe nicht unter. Auf Wasser können sich Mörder definitiv nicht mehr verlassen. ■
Das Fernsehen als Mörderschule – das wäre bdw- Autorin BETTINA GARTNER vor ihren Recherchen nicht in den Sinn gekommen.
von Bettina Gartner





