Im Osten Deutschlands schrumpfen die Städte in einem Tempo, das der technischen Infrastruktur Probleme bereitet. Viele Wissenschaftler bezweifeln inzwischen die Zukunftsfähigkeit zentraler Ver- und Entsorgungssysteme.
An manchen Tagen stinkt es in der Dresdner Altstadt zum Himmel. Dann dringt aus den Gullys der städtischen Kanalisation ein Geruch nach faulen Eiern, zieht durch die Straßen und hinterlässt schimpfende Anwohner und naserümpfende Touristen. Das sind Tage, an denen Rainer Wiesinger, Chef der Dresdner Stadtentwässerung, auf einen Platzregen hofft. Denn die strengen Düfte sind typisch für Schwefelwasserstoff – ein Gas, das entsteht, wenn Bakterien unter Luftausschluss schwefelhaltige Stoffe fressen. In diesem Fall steckt der Schwefel in menschlichen Exkrementen. Ein Schwall Regenwasser würde die Fäulnisherde in der Kanalisation mit sich reißen und die Luft auffrischen.
Mit diesem Problem steht Dresden nicht allein da. Seit dem Mauerfall hat sich der Wasserverbrauch der ostdeutschen Haushalte mehr als halbiert. Sensibilisiert durch Preiserhöhungen und moderne Spartechniken gehen die Bürger heute mit Wasser weit bewusster um als zu DDR-Zeiten. Allerdings: Die Wassermengen, die sie nun beim Spülen, Duschen und Baden sparen, fehlen in der Kanalisation. Die Folgen sind fatal: Das Schmutzwasser fließt zu langsam, Feststoffe bleiben liegen, beginnen zu faulen und setzen Schwefelwasserstoff frei. „An kalten Kanalwänden, die von Kondenswasser durchfeuchtet sind, kann sich das Gas unter bestimmten Bedingungen in Schwefelsäure verwandeln”, erklärt Matthias Koziol, Professor für Stadttechnik an der TU Cottbus. Die Säure frisst den Zement der Betonwände weg, der Kanal beginnt zu lecken und die umweltschädliche Fäkalbrühe versickert im Erdreich.
Aber die Betreiber ostdeutscher Ver- und Entsorgungsnetze haben noch ein größeres Problem: Ihnen kommen die Kunden abhanden. Nach der Wende wurden viele Fabriken geschlossen. Wohnungen, Häuser und ganze Quartiere stehen leer, die Menschen wandern ab, die Städte schrumpfen. In manchen Orten ist die technische Infrastruktur nur noch zu einem Fünftel ausgelastet. Stromversorgung und Kommunikationsnetze verkraften den Einbruch problemlos, doch Wasser-, Abwasser- und Fernwärme-Netze sind schnell am Limit angelangt. „Die kritische Grenze liegt bei etwa 30 Prozent Auslastung”, sagt Koziol.
Die Häuser der Cottbuser Innenstadt werden durch ein 20 Kilometer langes Fernwärmenetz mit Heißdampf beheizt. Dampfsysteme, die mit Drücken bis 8 Bar und Temperaturen um 200 Grad betrieben werden, reagieren äußerst sensibel, wenn die Abnahme unter eine kritische Schwelle sinkt und der Dampf daher länger als geplant in der Leitung steht: Statt in der Wärmestation des Kunden kondensiert ein Großteil des Dampfes bereits in den Verteilleitungen zu Wasser und gelangt über Kondensatleitungen zurück ins Heizkraftwerk. Die Folge: Beim Kunden kommt kaum Wärme an – das System kollabiert.
Viele Städte in den Neuen Bundesländern versuchen, den Leerstand mit der Abrissbirne in den Griff zu bekommen. Die Stadtplaner von Leipzig haben dazu das Leitbild der „perforierten Stadt” entwickelt: Parks und Gärten durchziehen das einst geschlossene Stadtbild und überdecken hässliche Abrisswunden. Doch Matthias Koziol hält das für gefährlich. Er plädiert für kompakte Siedlungsstrukturen: Die Menschen müssen von der Peripherie zurück in die Innenstädte gelockt werden.
„Nur in Städten, die vom Rand nach innen schrumpfen, lassen sich auch Ver- und Entsorgungsnetze von den Enden her rückbauen”, argumentiert Koziol. Das ist beim Leitbild der „perforierten Stadt” nicht vorgesehen: Der Abriss konzentriert sich auf Wohnblocks, in denen nur noch wenige Parteien leben – egal, ob das Haus am Stadtrand oder im Zentrum steht. Doch jeder niedergerissene Block in der Stadtmitte hat gravierende Folgen für das Trinkwassernetz im Untergrund: Der Weg zu den Abnehmern verlängert sich, das Wasser steht zu lange im Rohr und Keime drohen sich anzusiedeln, die zuvor im Wasserwerk aufwendig herausgefiltert wurden.
Dieser Diskussion werden sich auch westdeutsche Stadtplaner stellen müssen, denn die Deutschen werden allgemein weniger. Ab 2015 wird der Bevölkerungsrückgang kaum eine deutsche Stadt verschonen, prophezeit das Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung. Spätestens dann wird sich zeigen, dass auch die Ver- und Entsorgungsnetze im Westen überdimensioniert sind. Der Grund: In den Siebzigerjahren gingen die Stadtplaner von einem stetig steigenden Verbrauch aus und legten die Leitungsnetze mit großzügigen Zuschlägen auf Wachstum aus. Auf den Westen kommen also genau die Probleme zu, die ostdeutsche Stadttechniker schon heute lösen müssen.
Um unterforderte Netze ohne Ausfall betreiben zu können, gibt es verschiedene Methoden: Die Zugabe von Chlor verhindert, dass Trinkwasser zum Gesundheitsrisiko wird. Steht das angereicherte Wasser allerdings zu lange in der Leitung, kann sich Chlor mit organischen Substanzen zu Trichlor-Methan verbinden – einem Stoff, der im Verdacht steht, Krebs erregend zu wirken. Kanalspülungen mit Trinkwasser oder Dosier-Anlagen, die dem Abwasser eine Nährlösung zumischen, unterbinden das Entstehen von Schwefelwasserstoff, doch beide Verfahren sind teuer.
Für Ulrich Peickert sind das halbherzige Provisorien: „Die Zeit zentraler Ver- und Entsorgungssysteme ist vorbei”, glaubt der Architekt, der das Forschungsprojekt „Von der erodierenden Großsiedlung zur solaren Gartenstadt” in Stendal leitet. „ Dezentrale Trink- und Abwassersysteme sind längst entwickelt und werden sich zunächst punktuell und in abgelegenen Dörfern etablieren.” Tatsächlich werden schon kleine Trinkwasseranlagen gebaut, die nach dem Prinzip der Umkehrosmose funktionieren: Ein Mikro-Membranfilter lässt nur Wassermoleküle passieren. Viren, Bakerien und Schwermetalle hält er zurück.
Auch Blockheizkraftwerke, die Wohngebiete beheizen und mit Strom versorgen, sind Stand der Technik. Denkbar ist die Kombination mit Sonnenkollektoren, die das Badewasser erwärmen. Peickert will so leer stehende Plattenbauten in Stendal vor dem Abriss bewahren: „Das sind ideale Tragekonstruktionen”, sagt er. „ Wir werden Fassaden, Dächer, Giebel und Loggien mit Paneelen bestücken und Solar-Kraftwerke daraus machen.” ■
Hartmut Netz
COMMUNITY internet
Im Online-Magazin „Städte im Umbruch” erscheinen regelmäßig Beiträge zu aktuellen Entwicklungen beim Rückbau von Orten:
www.schrumpfende-stadt.de
Das Problem schrumpfender Städte ist ein weltweites Phänomen:
www.shrinkingcities.com
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Wolfgang Kil
luxus der leere
Müller und Busmann, Wuppertal 2004, € 25,–





