Im Alter läuft’s nicht mehr rund
Je länger ein Organismus jedoch lebt, desto mehr Sand gerät sozusagen ins Getriebe – desto mehr Fehler macht die Zelle. Das kann beispielsweise dazu führen, dass die Mitochondrien deutlich mehr ROS produzieren als sonst oder aber dass die Schutzmechanismen nicht mehr so effektiv arbeiten wie zuvor. Dadurch entwischen einige der aggressiven Substanzen den Abwehrtruppen und verursachen erste Schäden an den Zellbestandteilen – an wichtigen Eiweißmolekülen, an den Membranen innerhalb der Zelle oder auch direkt an der Erbsubstanz DNA selbst. Im Lauf der Zeit sammeln sich solche Schäden dann an, bis die Zelle, ein bestimmtes Gewebe oder ein Organ nicht mehr voll funktionsfähig ist. Der Alterungsprozess nimmt seinen Lauf.
Als logische Konsequenz daraus galt dann bisher auch: Wenn man die antioxidative Kapazität stärkt, müssten die Schäden eigentlich zurückgehen – und die Lebenserwartung dementsprechend zunehmen. Das schien sich eine Zeitlang auch zu bestätigen. Allerdings tauchen seit einiger Zeit immer mehr Untersuchungen auf, die Zweifel an einem derartig einfachen, geradlinigen Zusammenhang aufwerfen. So haben Mäuse, die von Geburt an viel Vitamin E – ein starkes Antioxidans – bekommen, zwar tatsächlich eine längere Lebenserwartung, aber mitnichten weniger durch ROS verursachte Schäden in ihren Zellen. Umgekehrt verlängert Vitamin C, das ebenfalls stark antioxidativ wirkt, das Leben der Tierchen überhaupt nicht.
Wühlmäuse auf Vitamin-Kur
Betrachtet man nun die neue Studie, verstärken sich die Zweifel weiter. Die Wissenschaftler um Colin Selman von der University of Aberdeen hatten nicht normale Labormäuse, sondern in freier Wildbahn eingefangene Erdmäuse – aus der Unterfamilie der Wühlmäuse – untersucht. Sie teilten die Tiere ab einem Alter von zwei Monaten in jeweils drei Gruppen ein: eine bekam normales Futter mit den für Labortiere gängigen Vitamin-Zusätzen, bei der zweiten gaben die Forscher eine große Menge Vitamin E zum Futter hinzu und bei der dritten eine große Menge Vitamin C. Die Hälfte aller Wühlmäuse lebte anschließend in einem Raum, in dem die Temperatur kühle sieben Grad betrug. Dieses Klima begünstigt normalerweise die Produktion von reaktiven Sauerstoffspezies, und es wurde von den Wissenschaftlern gewählt, weil sie hofften, etwaige Effekte der Vitamin-Supplementation unter diesen Bedingungen noch deutlicher sehen zu können. Die restlichen Mäuse lebten bei angenehmen 22 Grad.
Überraschenderweise hatten die Vitamine jedoch nicht etwa eine lebensverlängernde Wirkung – im Gegenteil: Während die Gruppe mit dem normalen Futter im kalten Raum eine Durchschnittslebenserwartung von 477 Tagen hatte, schaffte es die Vitamin-E-Gruppe nur auf 424 und die Vitamin-C-Gruppe sogar nur auf 353 Tage. Ähnliche Verhältnisse gab es im warmen Raum, hier lag die Lebenserwartung allerdings insgesamt niedriger.





