Wenn wir uns verlieben, will unser Gehirn keinen klaren Gedanken mehr fassen. Dahinter steckt Chemie, die heimlich von uns Besitz ergriffen hat.
Mal ehrlich – kommt Ihnen diese Situation nicht bekannt vor? Sie haben gerade die Wohnung verlassen, um eine Reise anzutreten. Doch während Sie in den Wagen steigen, werden Sie von einem unguten Gedanken gequält: „Habe ich wirklich die Kaffeemaschine ausgestellt, den Netzstecker vom Fernseher gezogen und das Fenster im Bad geschlossen?” Also – es hilft alles nichts. Sie gehen ins Haus zurück und wiederholen ihren Kontrollgang.
Wer alles allzu gründlich überprüft, bevor er die Wohnung verlässt, leidet vermutlich unter einer harmlosen Form von „ Kontrollzwang”. Doch keine Sorge, Sie befinden sich buchstäblich in guter Gesellschaft. „Rein biochemisch betrachtet sind Verliebte in einer ganz ähnlichen Situation”, behauptet die italienische Psychiaterin Dr. Donatella Marazziti von der Universität Pisa. Seit rund zehn Jahren untersucht die Wissenschaftlerin Menschen, die Taten oder Gedanken ständig wiederholen müssen. „Verliebte Menschen sind ebenfalls auf ein Objekt fixiert – die angebetete Person”, verdeutlicht Marazziti. Dieser rätselhafte Zustand sei durchaus mit einer Zwangsneurose vergleichbar. Zuvor hatte Marazziti festgestellt, dass Zwangsneurotiker signifikant höhere Werte des Botenstoffs Serotonin im Blut aufweisen. Sie folgerte, dass sich auch der Zustand des Verliebtseins anhand von Serotonin nachweisen lassen müsse.
Serotonin – ein biogenes Amin, das zu der Gruppe der Indole gehört – wirkt vor allem im Gehirn, also dort, wo auch unsere Gefühle entstehen. Beim erwachsenen Menschen sind etwa 10 Milligramm Serotonin im Körper verteilt. Diese Menge benötigt er für seine seelische Stabilität. Um die geheimnisvolle Wirkung des Serotonins näher zu ergründen, ließ die Wissenschaftlerin eine Gruppe von verliebten Studentinnen zur Ader und verglich deren Serotonin-Werte mit denen von Patienten, die unter Zwangsneurosen litten. Der Test förderte Erstaunliches zutage: So lag der Serotoninspiegel bei beiden Testgruppen im Durchschnitt um 40 Prozent unter dem Normalwert.
Marazziti untersuchte auch solche Studentinnen, die die „Sturm und Drangphase” des Kennenlernens hinter sich hatten, und fand heraus, dass deren Serotoninwerte sich wieder dem normalen Level angenähert hatten. Verliebt sein, so die Quintessenz der Forscherin, mache also wirklich ein wenig verrückt. Sie schuf für diesen Zustand einen eigenen Begriff: Mikroparanoia. Verantwortlich für diese „Krankheit der Verliebten” ist nicht nur das Serotonin, sondern auch ein Hormon namens Phenylethylamin, kurz PEA genannt. Ganz ähnlich wie Serotonin ruft das Hormon eine starke psychische Wirkung hervor, was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass PEA als Grundgerüst in einer Reihe halluzinogener Drogen enthalten ist.
Erste Hinweise auf eine starke psychogene Wirkung des PEA förderte eine britische Studie zu Tage. Sie zeigte, dass depressive Menschen oftmals eine unterdurchschnittliche Konzentration an PEA im Blut aufweisen. Umgekehrt erwies sich bei nachfolgenden Untersuchungen, dass die Konzentration an PEA nach körperlicher Betätigung um durchschnittlich 77 Prozent in die Höhe schnellte, was wiederum mit positiven Begleiterscheinungen für die Psyche verbunden war.
Aus der Sicht eines Chemikers ist es allerdings reichlich erstaunlich, dass PEA als Auslöser der romantischen Liebe fungiert, denn die Substanz ist in reiner Form eine ölige und nach Fisch und Ammoniak riechende Flüssigkeit. Doch so rauschhaft die Wirkung der körpereigenen Droge auch sein mag, sie hält nicht lange vor. Nach spätestens zwei bis drei Jahren, sagt der australische Chemiker Dr. Peter Godfrey von der Monash University in Melbourne, gewöhnen sich die Nervenenden im Gehirn an die erhöhten PEA-Werte. Der Reiz klingt ab und die Phase der Verliebtheit ist – neurochemisch betrachtet – vorüber. Das muss nicht unbedingt von Nachteil sein.
„Für manche ist es das Ende der Liebe, und Langeweile setzt ein – für andere ist es aber erst der Anfang”, meint der polnische Chemiker und Pädagoge Prof. Dr. Janusz Wisniewski von der Universität Warschau. Seiner Meinung zufolge verkörpert diese Phase einer Partnerschaft den Übergang von der romantischer Liebe zum komplexen Glück einer gereiften Beziehung mit dem Wunsch nach Zärtlichkeit, Geborgenheit, sowie körperlicher und geistiger Nähe des Partners: Gefühle also, die über das rein körperliche Begehren hinausgehen. Auch für diese Gefühlsebene, so ernüchternd es klingen mag, ist maßgeblich die Chemie verantwortlich. Forscher haben im Tierversuch herausgefunden, dass chemische Substanzen im Gehirn das Gefühl der Zuneigung auslösen.
Bei Ratten und Mäusen äußert sich dieses beispielsweise durch gegenseitiges Anschmiegen oder Kuscheln: „Bei Mäusen ist es Oxytocin, bei Ratten dagegen könnte das verwandte Hormon Vasopressin an diesem Vorgang beteiligt sein”, berichtet der Hormonforscher Prof. Richard Ivell vom IHF Institut für Hormon- und Fortpflanzungsforschung der Universität Hamburg, der seit kurzem an der University of Adelaide in Australien arbeitet.
Ivell glaubt auch, dass Moleküle wie Oxytocin und Vasopressin das Leben von Anfang an als essenzielle Botenstoffe für Partnerschaft und Treue begleitet haben. „Oxytocin ist ein evolutionär sehr altes Hormon, das sich selbst in einfachen Lebewesen wie Regenwürmern findet”, unterstreicht er. „Für die Beziehung von Menschen untereinander scheint es ebenfalls einen molekularen Zusammenhang zu geben”, ergänzt der Forscher. Diese Auffassung vertritt auch die amerikanische Anthropologin Prof. Helen Fisher von der Rutgers University in New Jersey. Gemeinsam mit Kollegen des Albert Einstein College of Medicine in Stony Brook verfolgt sie ein Forschungsprojekt über die „ Gehirnphysiologie der romantischen Liebe.”
Im Rahmen dieses Projekts legt die Forscherin frisch Verliebte – völlig unromantisch – in die Röhre eines Tomographen. „Ich möchte in ihren Gehirnen lesen, wie sie lieben”, sagt sie. Als „ Lesebrille” dient die Magnetresonanz-Tomographie. Mit dieser Technik können aktive Bereiche im Gehirn über den Sauerstoff- beziehungsweise Energiefluss sichtbar gemacht werden.
Um den Geheimnissen der Liebe auf die Spur zu kommen, zeigt die trickreiche Forscherin den freiwilligen Probanden zunächst ein Foto des Geliebten, danach das Bild einer neutralen Person. In beiden Fällen ist zu erwarten, dass bestimmte Gehirnareale aktiv sein werden. „Wenn man nun die Bereiche, die auf neutrale Personen reagiert haben, von den Bereichen abzieht, die bei der geliebten Person reagiert haben, dann können wir voraussichtlich sehen, welche Gehirnteile ge-nau beim Verliebtsein aktiv sind”, hofft Fisher.
Auf der Basis vorausgegangener Untersuchungen kommt Fisher zu dem Schluss, dass ein spezielles chemisches System für die Anregung der verschiedenen Hirnregionen und damit auch für die unterschiedlichen Liebesgefühle verantwortlich ist. „Wir wissen, dass die Libido bei Männern und Frauen größtenteils durch die Hormone Testosteron und Östrogen gesteuert wird”, erläutert die Liebesforscherin. Die enge Bindung, das dritte entscheidende Gefühl, hinge hingegen mit den Hormonen Oxytocin und Vasopressin zusammen.
Als „Liebes- und Wohlfühlhormon” wird Oxytocin bei zarten oder angenehmen Berührungen, vor allem aber bei sexueller Erregung in ziemlich großen Mengen aktiv.
Einen kräftigen Schub des Hormons produziert das Gehirn nach dem Orgasmus und sorgt so für ein Gefühl tiefer Geborgenheit. Wohlige Nähe und Vertrautheit breiten sich aus. Es könnte also durchaus am Oxytocin liegen, dass sich selbst der schlimmste Beziehungsstress oftmals nach einem erfolgreichen Schäferstündchen wieder abkühlt.
Manche Männer fragen sich, warum Frauen nach dem sexuellen Höhepunkt noch eine Weile kuscheln möchten. Ganz einfach: Das beim Orgasmus ausgeschüttete Sexualhormon Oxytocin lässt Frauen in eine eigene Welt der intensiven Gefühle eintauchen, in ein Paradies der größten Nähe und Verbundenheit, in dem sie möglichst lange verweilen möchten.
Neueren Forschungen zufolge ist Oxytocin ganz wesentlich auch für ein weit verbreitetes Phänomen verantwortlich – nämlich die Tatsache, dass Frauen mit Stress in der Regel besser umgehen können als Männer. Warum das so ist, haben Wissenschaftler der University of California in Los Angeles (UCLA) unlängst untersucht.
Die amerikanische Psychologin Prof. Shelley Taylor – eine Stressforscherin, die sich schwerpunktmäßig mit dem Zusammenspiel zwischen Biologie und dem Verhalten des Menschen beschäftigt – konnte als Leiterin der UCLA-Studie zeigen, dass Oxytocin eine bedeutsame Rolle in Stress-Situationen spielt und wichtig für ihre geschlechtsunterschiedliche Bewältigung ist. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen hat sie beobachtet, dass Frauen in Stress-Situationen offensichtlich intuitiv den Kontakt zu anderen Menschen suchen. „Sie telefonieren, sie unterhalten sich, sie kommunizieren – ,tend and befriend‘ wie wir das nennen, also Hinwendung und Kontaktaufnahme”, veranschaulicht die Forscherin.
Der Studie zufolge spricht eine Menge dafür, dass bei diesem Verhalten spezifisch weibliche Hormonreaktionen eine Rolle spielen. Prof. Taylor bringt die Ergebnisse auf den Punkt. „Wir schütten bei Stress eine ganze Fülle von Hormonen aus, insbesondere das Oxytocin. Die Wirkung von Oxytocin wird durch Östrogene verstärkt, und davon haben Frauen ja eine Menge. Oxytocin ist ein verbindendes Hormon, also weckt es Verbindungen zu anderen Leuten, und es entsteht auch durch den Kontakt mit anderen. Es ist gewissermaßen ein positives Hormon. Manche nennen es hier in den USA das Schmuse-Hormon.”
Dieses „Schmuse-Hormon” ist gemeinhin dafür bekannt, dass es in großen Mengen beim Stillen ausgeschüttet wird. Somit hat es immer auch etwas mit Kontakt zu tun. „Oxytocin spielt offensichtlich bei allen fortpflanzungsbezogenen Aktivitäten eine wichtige Rolle”, erläutert Hormonforscher Ivell. Wenn beispielsweise die Geburt eines Kindes naht, wird es freigesetzt und veranlasst die Gebärmuttermuskulatur zu Kontraktionen, wodurch wiederum die Wehen eingeleitet werden. Ähnliches gilt für den Eisprung oder das Einsetzen der Muttermilch.
Ivell findet es als eingefleischter Hormonforscher selbst verwunderlich, dass das Oxytocin solche Reaktionen auslöst. „Es handelt sich um ein erstaunlich kleines Molekül”, stellt er fest. Rein biochemisch betrachtet ist Oxytocin ein Nonapeptid – also ein aus neun Aminosäuren zusammengesetztes Molekül, dessen Aminosäure-Einheiten über eine Disulfid-Brücke miteinander verbunden sind. Gebildet wird es unter anderem im Hypothalamus, von dem es in den Hypophysenhinterlappen gelangt, der es bei Bedarf ausschüttet.
Einige Hormonforscher wollten ergründen, an welchen anderen Stellen des menschlichen Körpers Oxytocin noch freigesetzt wird. Im Gehirn allein, so wurde vermutet, befindet sich nicht die einzige Quelle für das Hormon. Um die Frage zu beantworten, mussten die Forscher den gesamten Organismus „screenen”, indem sie verschiedene Gewebeproben mit speziellen Lösungen anfärbten und die Ergebnisse hinterher unter dem Mikroskop auswerteten. „ Tatsächlich fanden wir, dass das Hormon auch in den Eierstöcken, der Prostata und den Hoden gebildet wird”, unterstreicht Ivell. Er hat darüber hinaus die weitaus schwierigere Frage zu klären versucht, in welcher Form Oxytocin einen Einfluss auf die Gefühlswelt hat. Mit Gewebeproben kommt man hier nicht weiter. Statt dessen entschied sich Ivell für einen indirekten Nachweis. In einer Studie ließen sich britische Studenten, die sich als Freiwillige für einen Test gemeldet hatten, zunächst ihr Blut untersuchen. Danach wurden sie aufgefordert zu masturbieren. Eine erneute Blutkontrolle, die nach erfolgtem Orgasmus vorgenommen wurde, bestätigte die Vermutung: Der Oxytocin-Gehalt des Blutes war bei allen Teilnehmern um ein Mehrfaches gestiegen. „Es erfolgte ein regelrechter Oxytocin-Stoß ins Blut”, erläutert Ivell.
Das eigentlich verblüffende und entscheidende Resultat wurde mit der gleichen Gruppe jedoch bei einem nachfolgenden Termin erzielt. Auch diesmal wurden die Freiwilligen gebeten, im Dienste von Wissenschaft und Forschung zu masturbieren.
Allerdings bekamen sie vorab einen Oxytocin-Blocker verabreicht – ein Medikament also, welches die Oxytocin-Produktion gezielt hemmt. Als die Studenten anschließend befragt wurden, ob sie einen Unterschied verspürt hätten, berichteten sie übereinstimmend, dass rein körperlich zwar alles normal gewesen sei, es ihnen im Gegensatz zur ersten Sitzung aber überhaupt keine Freude bereitet habe. Ist Oxytocin demnach eine Art „Amuse-Gueule” unter den Hormonen, welches „Appetit auf Sex” macht? „Ja – aber nicht nur das”, stellt Forscher Ivell klar. Vielmehr sei Oxytocin ein ganz erstaunliches Molekül, welches überall dort zum Tragen komme, wo es um Partnerschaft geht. So habe es bereits zahllose Versuche mit Oxytocin an Tieren gegeben. Wenn zum Beispiel Hühnern oder Tauben Oxytocin injiziert werde, würden die Tiere binnen einer Minute balzen, ihre Kämme bearbeiten oder sich sogar bespringen. Über Jahrzehnte hinweg sei Oxytocin aus diesem Grund auch verwendet worden, um Tiere paarungsbereit zu machen.
Eine verblüffende soziale Komponente des Hormons wird offenkundig, wenn man es in das Gehirn von „jungfräulichen” Ratten injiziert. Legt man diesen Tieren anschließend rattenähnliche Attrappen hin, so beginnen sich die weiblichen Ratten um die Puppen zu kümmern und wie Mütter zu verhalten. Ein völlig gegenteiliger Effekt tritt hingegen ein, wenn Mutterratten kurz nach der Geburt der Antagonist von Oxytocin injiziert wird. Die Versuchstiere geben ihre Nester auf und kümmern sich nicht mehr um ihre Nachkommen. ■
Dr. Rolf Froböse ist Chemiker und arbeitet – wie seine Frau Gabriele Froböse – als freier Wissenschaftsjournalist für die Fach- und Publikumspresse. Dieser Text enthält Auszüge aus ihrem soeben veröffentlichten Buch.
Gabriele und Rolf Froböse Lust und Liebe – alles nur Chemie? Wiley-VCH, Weinheim 230 S., € 24,90 ISBN 3-527-30823-7
Dr. Rolf Froböse und Gabriele Froböse





