Waren die ersten Bauern in Mitteleuropa Einwanderer aus dem Nahen Osten? Oder lernten die hiesigen Jäger und Sammler im 6. Jahrtausend von einigen „Entwicklungshelfern” die neue Art des Wirtschaftens (bild der wissenschaft 2/2004, „Deutschland in der Steinzeit”)? Jetzt gibt es die ersten Schritte zu einer Antwort auf diese Kernfrage der mitteleuropäischen Urgeschichte.
Seit drei Jahren feilen die Anthropologen Prof. Kurt W. Alt und Dr. Joachim Burger an der Universität Mainz von genetischer Seite an einer Antwort. Sie isolieren DNA-Proben aus steinzeitlichen Skeletten Mitteleuropas und des Vorderen Orients, um den Verwandtschaftsgrad zu ermitteln. Bei einer massiven Einwanderung von Landwirten aus dem Vorderen Orient müssten sich in Mitteleuropa die Gene der einheimischen Jäger deutlich von denen der Bauern unterscheiden. Das Erbgut der Bauern dagegen müsste in beiden Regionen ähnlich sein.
Dasselbe gilt für die Haustiere, die in den ersten bäuerlichen Siedlungen neu auftreten: Sind Rind, Schwein, Schaf und Ziege Züchtungen der mitteleuropäischen Bauern aus einheimischen Wildformen – oder haben die Fremden sie aus Nahost, wo die allerersten Domestikationen von Wildtieren stattfanden, mitgebracht?
Für Schaf und Ziege ist die Frage schnell beantwortet: Die haben in unseren Breiten keine wilden Verwandten, müssen also von Einwanderern importiert worden sein. Die Vorfahren von Hausrind und Hausschwein – Auerochse und Wildschwein – lebten aber auch hierzulande. Die ersten Bauern könnten sie also nach dem Vorbild der domestizierten Schafe und Ziegen hier – zum zweiten Mal – aus Wildtieren gezüchtet haben.
In ihrer Doktorarbeit hat die Diplombiologin Ruth Bollongino die Frage für die Rinder beantwortet: Unsere Hausrinder sind Frischfleisch-Einfuhr. „Es hat keine sekundäre Domestikation gegeben. Die Rinder wurden aus dem Nahen Osten mitgebracht.” Die Proben aus Deutschland, Frankreich, der Slowakei und Ungarn sprechen dieselbe Sprache: Die von der Mainzer Biologin isolierten DNA-Sequenzen zerfallen in zwei völlig getrennte Gruppen – mitteleuropäischer Auerochse und orientalisches Hausrind.
„Ein weiterer Hinweis auf Import ist, dass die neolithischen Rinder Europas genetisch eine sehr homogene Gruppe bilden”, erklärt die Mainzer Wissenschaftlerin. „Tiere mit so gleichförmigem Erbgut entstehen nur, wenn sich die gesamte Population auf nur wenige Individuen gründet.” Für den Zug nach Mitteleuropa stellten die Exilanten nur eine kleine Herde zusammen. Bollongino: „Mitbringen ist auch wesentlich leichter als Domestizieren.” Schaf und Ziege beweisen, dass das Mitführen von Herden aus dem Vorderen Orient funktionierte.
Für die Rinder ist die Frage der Herkunft damit beantwortet – für den Menschen allenfalls indirekt: Die Tiere kamen nicht alleine. Beim Menschen ist die Gewinnung von DNA ungleich schwieriger. Steinzeitliche Menschenknochen haben sich schlechter erhalten als die dicken Rinderknochen. Hinzu kommt die Gefahr einer Kontaminierung der Probe durch modernes Erbgut. Jeder Bearbeiter – vom Ausgräber bis zum Genetiker – hinterlässt Spuren, wenn er sich nicht extrem vorsieht. Die Forscher arbeiten denn auch in Schutzanzügen. DNA-Jäger Kurt Alt schätzt, dass er noch ein Jahr braucht, bis er eine ausreichende Menge an authentischen Steinzeit-Proben zusammen hat und die Frage – massenhafte Einwanderung oder einzelne orientalische „Missionare” ? – beantworten kann.
Durch einen Ideentransfer allein wurde der mitteleuropäische Jäger vermutlich nicht zum Bauern. Nur, wie viele Einwanderer kamen ins Land? Bollongino: „Ein regelrechter Treck wäre nicht möglich gewesen, wenn man als Bauer leben wollte und Land kultivieren musste. Wahrscheinlicher als ein Bevölkerungsauszug ist eine sukzessive Ausbreitung – der Kultur wie der Tiere – von Siedlung zu Siedlung.” ■
Almut Bick





