Text: Oliver Abraham
Dicke Baumstämme ragen eindrucksvoll in die Höhe und ausladende Kronen aus verzweigten Äste strecken sich gen Himmel, an ihren Enden sitzen lange, spitz zulaufende gelbbraune Blätter. Einst reihten sich im Kanton Tessin unzählige der wärmeliebenden Esskastanienbäume aneinander und prägten die Landschaft. Im Herbst fielen ihre stacheligen Früchte – botanisch gesehen eigentlich Nüsse – in Massen herunter und bedeckten Boden und Wege.
Um die 12.000 Hektar Kastanienhaine gab es zu Hochzeiten der Kastanienkultur Mitte des 18. Jahrhunderts in der Südschweiz. „Esskastanien wurden hier von den Römern gepflanzt, zunächst vor allem für ihr Holz“, berichtet Luca Plozza, Forstingenieur beim Amt für Wald und Naturgefahren in Roveredo (Schweiz). Kastanienholz ist aufgrund seiner Härte ideales Bauholz. Sein hoher Anteil an Gerbsäure (Tannin) macht es besonders widerstandsfähig gegen Pilze, Insekten und Fäulnisbakterien. Später rückten die Früchte der Kastanie in den Mittelpunkt. „Seit dem Mittelalter und noch bis ins 19. Jahrhundert wurde sie dann als wichtiges Grundnahrungsmittel in den Tälern der Südalpen bewirtschaftet.“ Da in den Bergregionen oft kein Getreideanbau möglich war, lieferten die Kastanien wichtige Kohlenhydrate.
Mit den Kastanienhainen, als Selven bezeichnet, schufen die Menschen in dieser Region eine spezifische Kulturlandschaft. Die einzelnen Bäume stehen mit großem Abstand zueinander, dazwischen befinden sich weite Grasflächen, die früher häufig als Weideflächen genutzt wurden. Diese offene Struktur ist nötig, weil Kastanienbäume viel Licht brauchen. Ein Kastanienhain benötigt ständige Pflege: Die Bäume müssen von konkurrierenden Baumarten freigehalten und die Grasflächen beweidet werden, damit sie nicht verbuschen. Auch um die Bäume selbst muss man sich kümmern. „Wenn sie nicht regelmäßig gepflegt werden, werden sie schwach und sterben ab“, weiß der Naturschutzbiologe Marco Moretti von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL in Birmensdorf.
Früher wichtiges Grundnahrungsmittel
Doch der Aufwand lohnte sich: Die Esskastanie war für die Bevölkerung ein überlebenswichtiges Nahrungsmittel, gerade in Regionen mit kargen Böden, wo außer Kastanien kaum etwas Essbares wuchs. Außerdem sind die Nüsse mit ihrem hohen Zucker- und Stärkegehalt sehr nahrhaft. Sie etablierten sich als Grundnahrungsmittel, das viele Familien der ärmeren Bevölkerung durch den Winter brachte. Daher auch die alternative Bezeichnung „Brotbaum“. Da Kastanien jedoch von Natur aus süßlich und glutenfrei sind, eignen sie sich nur bedingt fürs Brotbacken. Durch die Glutenfreiheit fehlt dem Kastanienmehl Bindekraft, was Backwaren daraus ohne weitere Zutaten sehr hart macht, zudem ist die Süße ein deutlicher Geschmacksfaktor. Überlieferte Rezepte gehen daher eher in Richtung Fladen, Brei, Püree, Suppen oder Füllungen für Nudeln und Pfannkuchen.





