So viel geduscht wie auf dieser Insel wird nirgendwo sonst in Deutschland. Es gibt Handduschen, Ganzkörperduschen und Zwangsduschen – Letztere ein Alptraum für Menschen mit Platzangst. Doch was nach einem absurden Sauberkeitsfimmel klingt, entpuppt sich als dringend notwendige Sicherheitsmaßnahme. Denn die Gefahr ist groß, dass gefährliche Seuchenerreger die winzige Ostseeinsel Riems verlassen könnten. Die Labors des dortigen Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) beherbergen vieles, was jenseits des Sicherheitszauns Furcht und Schrecken verbreitet: Erreger der Maul- und Klauenseuche, Vogelgrippe-Viren, BSE-Prionen. Diese Rinderwahn-Erreger sind zwar keine Viren, sondern Eiweißmoleküle, doch aufgrund ihrer extremen Gefährlichkeit lassen sich nur auf der isolierten Insel Riems ihre Infektionsmechanismen studieren.
Das 1910 gegründete FLI ist das dienstälteste Virusforschungsinstitut der Welt. Es ist der einzige Ort in Deutschland, an dem Tierversuche mit den auch für Menschen gefährlichen Erregern der Vogelgrippe unternommen werden können. Das Isolierstallgebäude, das der hohen Sicherheitsstufe „ L4-veterinär” entspricht, öffnet heute zum ersten Mal einem Journalisten seine Stahltüren. Den Weg über die Insel diktieren Hygienevorschriften. Er beginnt für Besucher und Tiere in der Quarantänestation und endet für die Besucher im Regelfall vor den Hochsicherheitsställen. Die Mitarbeiter können die Sicherheitslabors der Insel über einen schmalen Damm erreichen, der die Insel mit dem Festland verbindet. Von Greifswald aus dauert die Fahrt 20 Minuten. Rechts und links schwappt träge das Ostseewasser an die Dammböschung. „Für mich ist es immer noch etwas Besonderes, morgens hier rüberzufahren”, gesteht Thomas Mettenleiter, Professor für Virologie und seit elf Jahren Präsident dieser Forschungsstätte.
Wenige Meter entfernt schaukeln ein paar Enten und Gänse auf und nieder. Ein friedlicher Anblick, doch seit dem 14. Februar 2006 kann der Präsident ihn weniger genießen als zuvor. Damals wurde auf der Insel Rügen der erste an Vogelgrippe verendete Schwan gefunden. Der Kadaver versetzte Deutschland in eine Panik, die auch vor den Riemser Forschern nicht Halt machte. So beobachtete letztes Jahr ein nervöser Thomas Mettenleiter vor dem Fenster seines Arbeitszimmers einen Schwan, der schon seit geraumer Zeit den Kopf unter Wasser hatte. „Wie lange kann so ein Schwan eigentlich gründeln?”, fragte er schließlich irritiert einen Mitarbeiter. Erst 15 Minuten später atmete der Präsident erleichtert auf – da schwamm der weiße Wildvogel wieder hoch erhobenen Hauptes auf dem Wasser. Also doch kein toter Überbringer der Vogelgrippe.
Ein mit Stacheldraht bewehrter Sicherheitszaun umgibt das gesamte Gelände. Am Gitter neben der Eingangstür prangt das gelbe Schild mit dem Bundesadler. Als Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit gehört das FLI zum Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Die Wache kontrolliert jeden, der hinein oder heraus will. Kein Fremder darf das Gelände ohne Begleitperson betreten. Das war schon zu DDR-Zeiten so: Damals war Riems Sperrbezirk. Der Taxifahrer, der die Journalistin von Greifswald aus herfuhr, war einer der wenigen, die Ende der Siebzigerjahre die Insel besuchten, ohne dort zu arbeiten: „Ich hatte eine Freundin, die auf Riems lebte. Als ihre Eltern mal ein paar Tage weg waren, wollte ich zu ihr”, erzählte der Taxifahrer. Er versteckte sein Moped im Gebüsch, stieg bei Dunkelheit über den Zaun und verbrachte die Nacht bei seiner Freundin. Leider verschliefen die beiden am nächsten Morgen. „Es war schon hell, und am Zaun haben sie mich aufgegriffen. Ich wurde von Kopf bis Fuß mit einem Desinfektionsmittel besprüht und musste für 24 Stunden in Quarantäne. Am nächsten Tag hat mich mein Vater abgeholt und mit einer schallenden Ohrfeige begrüßt”, erinnert sich der ältere Herr und reibt sich die Backe.
der weisse fleck der insel
Die Quarantänestation liegt im hinteren Bereich der Insel. Der Weg dorthin führt zwischen Büschen und Bäumen direkt am Meer entlang. Schon von außen ist zu erkennen, dass die Station aus zwei Abteilungen besteht: links der zweigeschossige Kleintierbereich, rechts das flache Stallgebäude für die Großtiere. Die Tür in der Mitte wird von einer kleinen schwarzhaarigen Frau aufgerissen, die von Kopf bis Fuß weiß gekleidet ist. Energisch weist sie mit den Händen auf den Eingang zu den Umkleideräumen: Jeder, der in das Gebäude will, muss hier einen weißen Kittel anlegen und die Schuhe tauschen. Elke Lang ist die Leiterin der Quarantänestation. „Das ist der weiße Fleck der Insel”, sagt die Veterinärmedizinerin. „Hier gibt es keine Erreger, sondern nur saubere Tiere für die Experimente.”
Die resolute Frau führt ein strenges Regiment. „Meine Mitarbeiter müssen die Hygienevorschriften derartig verinnerlichen, dass sie sie im Schlaf herunterbeten können”, erklärt sie bestimmt und marschiert einen hellen Flur mit weißen Türen entlang. Es riecht wie in einer Zoohandlung. Hinter diesen Türen werden die Mäuse gezüchtet, die später als BSE-Testsystem dienen. Die Mitarbeiter der Mäusezucht können ungewaschen auf der Insel erscheinen – sie müssen zu ihrem Arbeitsplatz „reinduschen” . Nur wer von Kopf bis Fuß frisch gebraust ist, darf sich den Nagern nähern. So wird sichergestellt, dass diese Mäuse später tatsächlich nur an den BSE-Prionen sterben und nicht an eingeschleppten Erregern.
Mal eben rausgehen und einen Kaffee trinken, geht hier nicht, dann müsste der Tierpfleger beim Zurückkommen erneut duschen. „ Eine kleine Unachtsamkeit kann hier fatale Folgen haben”, sagt Elke Lang und deutet auf eine unscheinbare Tür, die vom Kleintier- in den Großtierbereich führt. „Wer diese Tür von der anderen Seite öffnet und vom Stallbereich in den Kleintierbereich geht, bekommt sofort die erste Abmahnung, denn er kann hier alles Mögliche reinschleppen”, sagt sie mit bohrendem Blick. Beim dritten Mal ist die Kündigung fällig. Hinter der Tür sticht Güllegeruch in der Nase. Elke Lang schiebt ein hölzernes Stalltor beiseite und gibt den Blick auf die Kontrolltiere der BSE-Langzeitstudie frei. Zwei der Rinder lassen sich gerade im Außenbereich frische Ostseeluft um die Nase wehen. Elke Lang verlässt die Bucht, säubert auf der Desinfektionsmatte routiniert ihre Gummistiefel und steuert auf die nächste Tür zu. „Das hier ist Prinz, mein ganzer Stolz”, sagt die Tierärztin. „Erschrecken Sie nicht, der tut nichts.” Trotz der Warnung stockt angesichts von zwei braunen Augen und einer zuckenden Schnauze der Atem. Sie gehören einem riesigen Wildschwein-Eber. Etwas weiter hinten raschelt seine „Prinzessin” im Stroh. „Die beiden bekommen hoffentlich bald Nachwuchs”, sagt Elke Lang, die neben dem imposanten Tier noch zierlicher wirkt. Die Wissenschaftler brauchen die Ferkel für ihre Untersuchungen zur Bekämpfung der klassischen Schweinepest bei Wildschweinen.
Das Verlassen der Station ist unkompliziert. Lediglich Name und Anwesenheitszeit werden in einem Buch am Ausgang vermerkt. Schließlich kann hier nichts raus-, sondern höchstens reingeschleppt werden. Im nächsten Gebäude ist das umgekehrt. In den L2-Trakt dürfen alle ungeduscht rein, müssen aber nach Arbeitsende „rausduschen”. Obligatorisch ist auch hier die weiße Arbeitskleidung. Sogar Socken und Unterwäsche müssen vor Betreten der L2- Labors abgelegt werden, damit am Ende nur der nackte Mensch die Duschräume verlässt. Hinter den Umkleideräumen leitet Timm Harder das nationale Referenzlabor für Geflügelpest, dem Bundesbürger seit dem Frühjahr 2006 besser bekannt unter dem Namen Vogelgrippe. Aus Harders Sicht hatten die Ausbrüche der durch Influenza-Viren verursachten Krankheit im vergangenen Jahr auch etwas Gutes: „Der Druck wurde so groß, dass die neuen Analysemethoden in der EU schneller in die Rechtsetzung Eingang gefunden haben, als das üblicherweise möglich ist”, sagt er und legt die Hand auf einen grauen summenden Kasten. 96 Proben können in dieser Maschine von der Größe einer Getränkekiste gleichzeitig analysiert werden, ein Durchlauf dauert zweieinhalb Stunden. Während dieser Zeit erhitzt und kühlt die Maschine die Reaktionsgefäße präzise auf die Temperaturen, die für die einzelnen Schritte zur Vermehrung des Viren-Erbguts, der RNA, notwendig sind. Diese Vermehrung macht selbst winzige Virusspuren am Ende nachweisbar. Noch während die sogenannte Polymerase-Kettenreaktion (PCR) läuft, können die Mitarbeiter auf dem Computerbildschirm ablesen, ob eine der Proben die RNA eines Influenza-Virus enthält. „Wir können sogar quantitative Rückschlüsse ziehen und errechnen, wie viel Erreger-RNA in der Probe war”, erläutert Harder begeistert die Vorzüge der „ Real-Time-PCR”.
die vogelgrippe schlägt wieder zu
Auch 2007 war die Vogelgrippe wieder in den Schlagzeilen. Am 27. August wurden alle 160 000 Enten eines Mastbetriebs in Wachenroth bei Erlangen gekeult, nachdem die Riemser in verendeten Tieren des Hofs die hochinfektiöse H5N1-Virusvariante nachgewiesen hatten. Schon am 8. September folgten die 205 000 Tiere aus zwei Entenmastbetrieben in der Oberpfalz. Der Erreger schlummert höchstwahrscheinlich immer noch in Wildvögeln. In einem bundesweiten Überwachungsprogramm werden daher pro Monat etwa 1200 bis 1800 Proben tot aufgefundener Wildvögel sowie Kotproben lebender Vögel auf Influenza-Viren untersucht. Was den Landesuntersuchungsämtern verdächtig erscheint, wird zur genauen Diagnostik auf die Insel geschickt. Harder bekommt in ruhigen Zeiten etwa zehn Proben pro Woche.
Harders Kollege Martin Groschup residiert ein Stockwerk tiefer. Er ist Leiter des Instituts für neue und neuartige Tierseuchenerreger, und zu seinen größten Feinden zählen falsch gefaltete Eiweiße, die als Prionen BSE auslösen können. Solange er und seine Mitarbeiter in den Labors nichts in den Mund stecken, besteht keine Infektionsgefahr. Allerdings könnten sich leicht bekleidete Menschen in seiner Abteilung einen Schnupfen holen. Denn hier lagern in einem Kühlraum bei minus 70 Grad Celsius die 180 000 Proben, die seit 2003 im Rahmen einer BSE-Langzeitstudie von infizierten Rindern genommen wurden. Groschup stellt sie unter anderem Firmen zu Verfügung, die einen Test für den Nachweis von BSE im Blut lebender Tiere entwickeln wollen. Bisher ist allerdings kein Lebendtest in einem Stadium, das eine baldige praktische Anwendung ermöglichen würde. Wissenschaftler der Universität Göttingen behaupteten zwar 2005, einen solchen entwickelt zu haben. „Aber wir haben denen Blindproben geschickt, die sie mal analysieren sollten – da hätten sie die Ergebnisse auch gleich würfeln können”, sagt der BSE-Experte mit einem Grinsen. Spätestens in drei Jahren bekommt Martin Groschup es mit zwei neuen Erregern zu tun: dem Hendra- und dem Nipahvirus. Diese Erreger aus der Familie der Paramyxoviren besitzen wie die Vogelgrippe ein „zoonotisches Potenzial”, wie die Insider sagen. Das heißt: Sie können von einem Tier, in diesem Fall vom Pferd oder Schwein, auf den Menschen überspringen und ihn krank machen. Todesfälle gab es bereits in Australien, Malaysia, Pakistan und Bangladesch.
„L4-human” kostet 150 millionen
Auf Riems ist ein 150 Millionen Euro teurer Neubau geplant, in dem 2010 unter anderem ein Labor der höchsten Sicherheitsstufe „ L4-human” eröffnet werden soll. „Dann werden wir hier auch mit Erregern arbeiten, die für Menschen hoch ansteckend sind”, sagt der Institutsleiter. Momentan können Experimente an Großtieren mit diesen Viren nur in Australien oder Kanada unternommen werden. Groschup schaut erwartungsvoll auf die große freie Fläche vor seinem Fenster, wo demnächst die Bauarbeiten beginnen werden.
Wenn die neuen Labors und Isolierställe fertig sind, wird der BSE-Forscher allerdings die geräumigen Duschanlagen des L2-Traktes gegen eine zwei Quadratmeter große Stahlkammer mit Zwangsdusche tauschen müssen, wie sie für L4-Bereiche vorgeschrieben sind. Im Isolierstallgebäude der Insel, das der Sicherheitsstufe „L4-veterinär” entspricht, gibt es bereits vier dieser vollautomatischen Duschkabinen – zwei für Männer, zwei für Frauen. „Da müssen Sie durch, das ist der einzige Weg nach drinnen”, sagt Henning Stenzel, der als Ingenieur am FLI mit der Technik dieses Gebäudes bestens vertraut ist. „Das ist nichts für Menschen mit Platzangst”, fügt er mit breitem Lächeln hinzu. Warum nur fällt beim Anblick der Stahltür mit dem kleinen Bullauge plötzlich das Atmen schwerer? „Sie müssen sich vollständig entkleiden und dann in die Duschschleuse steigen. Erst wenn Sie die Einstiegstür fest verriegelt haben, lässt sich fünf Sekunden später die Tür auf der anderen Seite öffnen”, erklärt er. Und wenn nicht? Aber Stenzel ist bereits in der Männerumkleide verschwunden.
Rein geht es noch trockenen Fußes. Mit einem Seufzer öffnet sich die Tür in eine Welt des Unterdrucks. Der Neuankömmling schluckt – froh, der engen Stahlkabine entflohen zu sein, und um die 150 Pascal Unterdruck in den Ohren auszugleichen. Auf der anderen Seite wartet ein Stapel Arbeitskleidung. Der Gang hinter der Umkleide erinnert mit den dicken Rohrleitungen unter der Decke und den grauen Stahltüren mit Dreh- und Hebelverschlüssen an einen Bunker. Erleichtert bleibt der Blick an einem lächelnden Henning Stenzel hängen, neben dem Bernd Haas steht, der Leiter des Nationalen Referenzlabors für Maul- und Klauenseuche (MKS). Die weiß gekleideten Mitarbeiter sind das einzige Helle und Freundliche hier. Stenzel erläutert den Sinn der Panzertüren: „ Jede Stalleinheit weist weitere 50 Pascal Unterdruck gegenüber dem Rest des Gebäudes auf. So strömt Luft immer nur zu den infizierten Tieren hin, niemals anders herum.” Aha – deshalb fehlt hier der Stallgeruch. Die Abluft wird über große Filterkammern, die dem Sicherheitsstandard der Filteranlagen von Atomkraftwerken entsprechen, nach draußen geleitet.
muhen hinter der panzertür
Zu jeder Stalleinheit gehören zwei Zugänge. Durch den größeren werden die Tiere hereingeführt. Danach wird er fest verschlossen und während des gesamten Versuchs nicht mehr geöffnet. „Durch diese kleinere Stahltür gelangen wir zu den Tieren”, sagt Bernd Haas und klappt die beiden Sicherheitshebel nach oben. In einem Vorraum legen die Tierpfleger Gummistiefel, Schutzanzüge und Schutzmasken an, ehe sie den Durchgang zum Stall öffnen. Der Bereich, in dem die Rinder stehen, sieht wie eine geflieste Waschküche aus. Durch zahlreiche Spalten in der Mitte des Fußbodens werden Abwasser, Kot und Urin entsorgt. „Stroh darf es hier nicht geben, die Pflanzenfasern würden die thermische Abwasseranlage des Gebäudes verstopfen”, sagt der MKS-Wissenschaftler. Und fügt hinzu: „Aus dem gleichen Grund bekommen die Rinder, die hier mit MKS infiziert werden, kein Heu, sondern ein spezielles Pelletfutter, damit ihr Kot nicht so viele Faserreste enthält.” Die Hühner für Experimente mit H5N1-Viren hocken auf Stangen in kleinen Edelstahlboxen. „Wir halten uns hier streng an die Tierschutzvorschriften”, betont der Wissenschaftler. „Aber in erster Linie müssen wir natürlich die Sicherheit der Mitarbeiter gewährleisten.” Bevor die den Stallbereich verlassen dürfen, müssen sie – wie könnte es anders sein – duschen, damit sie die Viren nicht unversehens in den Sozialraum schleppen. Eine Tasse Kaffee und Kollegengespräche: ein Stück Normalität in dieser Bunkerwelt.
Nach Versuchsende landen alle Tiere in der großen Sektionshalle. Das ist das Reich von Jens Teifke, dem Leiter des Labors für Pathologie. Wenn er hier mit H5N1 infizierte Hühner seziert, verwandelt er sich in ein gelbes Michelin-Männchen. Beim Anlegen des Vollschutzanzugs braucht er Hilfe. Mit den grünen Sicherheitshandschuhen ist es schwierig, nach Umklappen des Kopfteils den Reißverschluss im Nacken zu schließen. Am Hinterkopf des Anzugs ist ein Steckanschluss, in den der Schlauch eines kleinen Kompressors geschoben wird, den Teifke sich mit einem Gürtel um die Hüfte schnallt. „Dieser mobile Atemschutz saugt die Umgebungsluft durch Partikelfilter, pustet sie in meinen Anzug und versorgt mich mit erregerfreier Luft”, sagt der Pathologe. Er muss fast schreien, um das Rauschen des Kompressors zu übertönen.
ab in die zwangsdusche
Es gibt einen gewichtigen Unterschied zwischen den Sicherheitsstufen L4-veterinär und L4-human: Zwar wird in beiden Fällen in Überdruckanzügen gearbeitet – in L4-human-Labors müssen sie aber fremdbelüftet sein. „Das kennen Sie sicherlich aus dem Film ,Outbreak‘, da wird die Luft über Schläuche, die von der Decke herunterhängen, in die Anzüge geblasen”, sagt Teifke. Auch hier auf der Insel hängen in der Sektionshalle Schläuche von der Decke – die sich allerdings als Handduschen entpuppen, mit denen die Pathologen die Sektionstische säubern. Teifke marschiert zu einem dieser Tische und geht routiniert mit Sägen und Skalpellen zu Werke. Für ihn scheint das Arbeiten mit Überdruck in dieser Unterdruck-Welt ganz normal zu sein. Am Ende wandern die Überreste der sezierten Tiere in die Tierkadaver-Verwertungsanlage, die entnommenen Proben in die Labors und der Pathologe samt Anzug noch in der Sektionshalle unter die Dusche. In der Umkleidekabine atmet Teifke dann doch erleichtert auf, als er das Visier herunterklappt: Das Hantieren in dem aufgeblasenen Anzug ist anstrengend. Doch der lange Arbeitstag ist noch nicht zu Ende. Es wartet die Zwangsdusche. Henning Stenzel ist wieder zur Stelle und erklärt: „Wenn Sie die Duschschleuse betreten, werden die Türen für fünf Minuten elektronisch verriegelt. Erst wenn das Wasser zum zweiten Mal ausgeht, haben Sie fünf Sekunden Zeit, die Tür auf der anderen Seite zu öffnen.” Und wenn das nicht gelingt? „Dann müssen Sie eben nochmal duschen”, sagt Stenzel grinsend.
Das leise Klicken verrät, dass die Stahlzelle jetzt verriegelt ist. Trotz der angenehmen Wassertemperatur fällt es schwer, nicht dauernd daran zu denken, dass es hier kein Entkommen gibt. Wasser aus – zwei Minuten Zeit zum Einseifen. Für das Abspülen wurde zu viel Zeit eingeplant. Der Blick heftet sich auf das kleine Bullauge. Endlich wieder das leise Klicken: Jetzt aber nichts wie raus. Draußen vor dem Gebäude gibt es schon wieder eine Dusche: Es regnet, aber das macht nichts. Der Seewind riecht frischer als sonst, und trotz der tief hängenden Wolken ist der Himmel herrlich weit. Die Insel ist nur noch im Rückspiegel des Taxis zu erkennen, nach der nächsten Kurve ist sie ganz verschwunden. Aber jeder, der im Riemser Isolierstall war, bleibt noch volle sieben Tage lang mit ihr verbunden: Als potenzieller Virenträger muss er in dieser Zeit jeglichen Kontakt mit Nutztieren meiden. Kein Problem – Hauptsache, es muss nicht jedes Mal vor dem Verlassen der Wohnung zwangsgeduscht werden. ■
MANUELA RÖVER ist Biologin und freie Wissenschaftsjournalistin. Seit ihrem Riems-Besuch sieht sie Wasservögel mit anderen Augen.
Manuela Röver
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· Nur im Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems bei Greifswald dürfen Tierversuche mit Vogelgrippe-Viren und BSE-Erregern unternommen werden.
· Dort werden auch verdächtige Tierkadaver aus ganz Deutschland auf die gefährliche H5N1-Variante der Vogelgrippe getestet.
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COMMUNITY FERNSEHEN
Die Kollegen vom TV-Wissensmagazin „nano” haben in Zusammenarbeit mit bdw einen Fernsehfilm über Riems gedreht. Er wird Donnerstag, 25. Oktober, um 18.30 Uhr das erste Mal in 3Sat ausgestrahlt. Weitere Sendetermine unter:
www.3sat.de/nano
LESEN
Gabi Hoffbauer
VOGELGRIPPE
Fakten – Gefahren – Schutzmaßnahmen
Ullstein, Berlin 2006, € 6,95
internet
L4-Labors für Großtiere: Friedrich-Loeffler-Institut www.fli.bund.de
Australian Animal Health Laboratory
www.csiro.au/places/aahl.html
Canadian Science Centre for Human and Animal Health
www.phac-aspc.gc.ca/laboratories_e.html





