Mühsam wuchtet die kleine Truppe schwere Austernsäcke die steile Böschung hinauf. Wenn Célia Rodrigues sie abstellt, klingt es, als würden Legosteine in einer Kiste purzeln. Salz liegt in der Luft, hier an Portugals Atlantikküste. Am Himmel kreischen Möwen auf der Suche nach Futter. Gemeinsam mit zwei Kollegen arbeitet Rodrigues im Bereich einer ehemaligen Saline. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in den künstlich angelegten Becken im Mündungsgebiet des Sado, einem der größten Flüsse des Landes, Salz gewonnen. Heute wächst dort nach langer Abwesenheit wieder eine Delikatesse heran.
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Célia Rodrigues arbeitet voller Energie. Routiniert rammt sie die Gummistiefel ihrer Wathose in den Hang, um nicht abzurutschen. Von unten, hüfttief im Wasser, reicht ein Mitarbeiter Austernsäcke hoch, ein anderer gibt sie an Rodrigues weiter. Die begehrten Muscheln sind in den geschützten Becken herangewachsen. In wenigen Tagen werden sie für acht Monate in den Sado umgesetzt und anschließend in den Verkauf gegeben.
Ein Sack nach dem anderen landet auf dem Boden, jeder wiegt etwa 13 Kilogramm. „Bevor wir die Austern in den Fluss bringen, müssen wir sie sortieren. Ich hoffe, es geht allen gut“, sagt Rodrigues. Sie öffnet einen Sack, holt einige Exemplare heraus und mustert die Weichtiere und ihre Schalen aufmerksam. Der Winter war außergewöhnlich hart. Heftige Stürme und wochenlange Regenfälle ließen den Salzgehalt des Wassers zeitweise auf nahezu null sinken. Für Austern lebensgefährlich, viele der Tiere starben. Die Klimakrise ist längst auch an Portugals Atlantikküste angekommen. Nur langsam stabilisiert sich das empfindliche Gleichgewicht wieder. Rodrigues greift nach einem Sack, schüttelt ihn leicht und lächelt. „Hm … sie riechen wie das Meer. Das heißt, dass sie gesund sind.“
Seit 2012 betreibt die 53-Jährige in Setúbal, knapp eine Autostunde südlich von Lissabon, ihre Austernfarm Neptun Pearl und beliefert damit rund 40 Restaurants im ganzen Land. Rodrigues war damals die Erste, die die Portugiesische Auster nach deren Verschwinden in den 70er Jahren wieder in ihre Heimat zurückbrachte. Heute gibt es im Sado-Delta mehr als ein Dutzend Austernbetriebe. Als Grundlage für die Zucht dienen Larven von Exemplaren aus Frankreich, die ursprünglich selbst von portugiesischen Exportmuscheln abstammten.
Während einer von Rodrigues‘ Mitarbeitern mit dem Sortieren beginnt, watet die Geschäftsfrau zurück ins Becken. Dort hebt sie etliche Säcke knapp unter die Wasseroberfläche und schüttelt diese kräftig. „So haften die Austern nicht aneinander. Und kleine Brüche in der Schale regen ihr Wachstum an.“ Einige der Muscheln befinden sich seit mehr als zehn Jahren in der Zucht. Sie werden über ein Kilo schwer.
Das Wasser, in dem sie heranwachsen, wirkt trüb und schlammig. Doch genau das macht es für das Flussdelta und seine Bewohner so wertvoll. Es ist reich an Nährstoffen und Plankton – der Nahrungsgrundlage für Fische, Krebse und zahlreiche Vogelarten. Seegraswiesen, Austernriffe, Salzwiesen und Watt bilden teils über, teils unter der Wasseroberfläche ein eng verbundenes Ökosystem. Zwischen den langen Halmen der Seegräser wachsen junge Fische heran. Seepferdchen finden in den Unterwasserwiesen Schutz und unzählige Schnecken, Muscheln und Krebstiere nutzen sie als Nahrungsquelle. Auch Europas einzige dauerhaft in einem Mündungsgebiet angesiedelte Population Großer Tümmler ist auf dieses Mosaik verschiedener Lebensräume angewiesen. Das Sado-Delta ist ein unverzichtbares Ökosystem für Millionen von Lebewesen – letztlich auch für den Menschen.
Lange sah es hier allerdings ganz anders aus. Industrieabwässer gelangten ungefiltert ins Delta, an den Ufern trieb Müll. Bagger vertieften die Fahrrinne zum Hafen von Setúbal und zerstörten damit Lebensräume, die über lange Zeit gewachsen waren. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verschwanden große Teile der Seegraswiesen und damit die Kinderstube vieler Fischarten und eines der wichtigsten Habitate des Deltas. Was seither verloren ging, kehrt nur langsam zurück.
„Als ich 1980 nach Setúbal kam, hatte kaum jemand ein Bewusstsein dafür, dass dieses Gebiet geschützt werden muss“, sagt Rodrigues und schlürft eine frisch geöffnete Auster. Sie schließt die Augen und genießt.
Schon ihre Eltern und Großeltern lebten vom Meer und sie ist ebenfalls damit aufgewachsen: „Als Teenager war ich eine Rebellin. Das normale Leben an Land interessierte mich nicht. Ich wollte nur ein Boot und raus auf den Ozean.“ Wenn sie von ihrer Zeit als Rettungsschwimmerin erzählt, davon, wie sie bis zur Erschöpfung schwamm, um Leben zu retten, und sich schon früh gegen die Männer in ihrem Umfeld behaupten musste, beginnen Rodrigues‘ braune Augen zu leuchten: „Im Wasser fühle ich mich zu Hause. Das Meer ist mein Zufluchtsort.“
Vielleicht kämpft die Portugiesin gerade deshalb für das Delta: weil sie hier nicht nur arbeitet, sondern hingehört. Und in ihrem Kampf ist sie längst nicht mehr allein. In den vergangenen Jahren ist rund um die Mündung des Sado ein ganzes Netzwerk von Menschen entstanden, die sich auf ganz unterschiedliche Weise für den Ort einsetzen. Sie arbeiten in der Austernzucht und Fischerei, als Lehrkraft oder in der Wissenschaft. Und es sind vor allem Frauen, die ihre Heimat nicht länger nur wahrnehmen, sondern sich aktiv für den nachhaltigen Schutz der Region einsetzen. Eine von ihnen kämpft besonders hartnäckig und intensiv.
Gemeinsam für das Ökosystem
Die Meeresbiologin Raquel Gaspar, 56, gründete 2015 gemeinsam mit ihrer langjährigen Freundin Sofia Jorge die Organisation Ocean Alive. Ihre Idee war ebenso einfach wie ungewöhnlich: Naturschutz beginnt nicht mit Verboten, er beginnt mit den Menschen. Gaspar wusste früh, dass sich ein Ökosystem nur dauerhaft retten lässt, wenn die Bewohner vor Ort ein Teil der Lösung werden. Also begann sie, ein Netzwerk aus Frauen in der Fischergemeinde aufzubauen: die „Hüterinnen der Meere“.
Heute kartieren die engagierten Mitglieder Seegraswiesen, begleiten wissenschaftliche Projekte, gehen in Schulen und organisieren Müllsammelaktionen. Vor allem aber sprechen sie mit denjenigen, die täglich vom und im Delta leben. „Die größte Gefahr für uns ist Zeit“, sagt Gaspar, „sie läuft uns schneller davon, als wir reagieren können.“
Dennoch lässt sich die positive Entwicklung inzwischen auch wissenschaftlich belegen. Die Wasserqualität des Sado hat sich verbessert, Seegraswiesen breiten sich aus und Arten, die über Jahrzehnte verschwunden oder extrem selten geworden waren – darunter die Portugiesische Auster sowie mehrere Schnecken- und Krebsarten –, vermehren sich inzwischen wieder in den Gewässern der Gegend. Auch bei den Großen Tümmlern beobachtet die Meeresbiologin einen bemerkenswerten Wandel. Während die Population in den 90er Jahren überwiegend aus älteren Tieren bestand, leben heute wieder deutlich mehr junge, fortpflanzungsfähige Delfine im Sado. Solche Veränderungen passieren nicht innerhalb weniger Jahre und gelten als einer der stärksten Hinweise darauf, dass sich ein Ökosystem langfristig erholt.
Networking und Aufklärung
Am Vormittag hat Gaspar mit der Fähre von Setúbal auf die andere Seite des Deltas übergesetzt, nach Tróia. Um dort den ganzen Tag das zu tun, was die Grundlage ihres Erfolgs ist: Sie redet mit Menschen. Sie trinkt Kaffee mit Fischerfamilien, spricht mit Hotel- und Restaurantbesitzern, diskutiert mit Hafenbetreibern und erklärt Abgeordneten immer wieder, warum ein Stück Seegras manchmal wertvoller sein kann als ein neuer Anleger.
„Viele glauben, Müll sei unser größtes Problem“, sagt sie. „Dabei ist das Verhalten der Menschen viel entscheidender.“ Renaturierung bedeutet für die Meeresbiologin deshalb weit mehr als das Pflanzen neuer Seegraswiesen. „Wir müssen zuerst die Ursachen beseitigen.“ Wo Anker den Meeresboden aufreißen, Muschelernten Seegraswurzeln zerstören oder alte Mooring-Ketten zur Verankerung über den Grund schleifen, könne sich das Ökosystem kaum erholen. „Wenn wir diese Belastungen beseitigen“, betont Gaspar, „macht die Natur den Rest oft selbst.“ Fachleute sprechen von passiver Wiederherstellung. Der Mensch repariert das Ökosystem nicht. Er schafft lediglich die Bedingungen, unter denen die Natur ihre erstaunliche Widerstandskraft wieder entfalten kann.
Genau darin sieht auch Gaspar die größte Hoffnung für das Delta. Wie dieser Ansatz in der Praxis aussieht, zeigt sich wenig später am Pier von Carrasqueira, einer kleinen Fischergemeinde auf Tróia. Gaspar läuft über einen langen Holzsteg und die Bohlen knarzen unter ihren Füßen. Die Zeit scheint hier stillzustehen. Dutzende Stelzen stecken schief im Schlamm, verzogen vom Wind und von den Gezeiten vieler Jahrzehnte. Bunt angemalte Holz- und Wellblechhütten säumen die Stege. Dieser Ort erzählt viel über das Delta, über seine Schönheit und Verletzlichkeit.
Gaspar erkundigt sich bei zwei Fischern, wie sehr ihnen die Auswirkungen des Wintersturms noch zu schaffen machen. Viele haben Netze im Wert von einigen Tausend Euro verloren. Doch während viele Landwirte für ihre Ernteausfälle entschädigt wurden, gingen die Fischer leer aus und fühlen sich allein gelassen.
Jeder hier kennt Raquel Gaspar. Und Raquel Gaspar kennt jeden. Als sie Ocean Alive vor zwölf Jahren ins Leben rief, erinnern sich die Männer, seien viele misstrauisch gewesen. Will diese Frau uns das Fischen verbieten? Uns unsere Lebensgrundlage nehmen? Heute sehen sie, was sich verändert hat. Weniger Müll. Sauberes Wasser. „Davon profitieren auch wir Fischer“, räumt einer von ihnen ein.
Jeden Sommer, wenn besonders niedrige Springtiden den Meeresboden freigeben, laufen die Hüterinnen der Meere gemeinsam mit Forschenden die Grenzen der Seegraswiesen ab. Schritt für Schritt. Seit 2019 wird jeder Meter nach demselben Verfahren per GPS vermessen. Erst damit werden Veränderungen sichtbar, die dem Auge sonst verborgen bleiben würden.
„Früher haben wir einfach gearbeitet, ohne uns groß Gedanken zu machen“, sagt einer der Fischer. „Heute schauen wir anders hin.“ Vielleicht ist genau das Gaspars größter Erfolg. Nicht, dass die Leute plötzlich Naturschützer geworden wären. Sondern dass sie begonnen haben, ihre Heimat mit anderen Augen zu sehen.
Auf dem Rückweg zur Fähre bleibt Gaspar auf dem Pier stehen und blickt zum Horizont. „Dort vorne“, sagt sie und zeigt hinaus aufs Delta, „soll mein Traum entstehen. Ein kleines Schutzgebiet, in dem sich das Meer selbst erholen kann. Und an dem die Menschen sehen, dass Artenvielfalt nicht nur etwas ist, das wir nutzen und ausbeuten, sondern etwas, das unser eigenes Leben trägt.“ Dass dieser Traum durchaus Realität werden kann, verdeutlichen erste Erfolge. Vor einigen Jahren entdeckte Ocean Alive vor der Küste ein fast 200 Meter langes Mooring-Kabel, das bei jeder Gezeitenbewegung über den Meeresboden schleifte. Es riss dadurch eine breite Narbe durch eine Seegraswiese. Nachdem das Kabel entfernt worden war, kehrte das Seegras von selbst zurück. Rund 800 Quadratmeter konnten sich regenerieren. Speziell umgerüstete Ankerplätze verhindern heute, dass weitere Ketten den Meeresboden beschädigen.
Célia Rodrigues und Raquel Gaspar kämpfen auf verschiedene Weise für denselben Ort. Beide wissen jedoch: Wenn das Sado-Delta wieder kippt, verliert nicht nur die Natur. Dann verliert auch eine ganze Region ihre Identität. //
Das Sado-Delta zählt zu den bedeutendsten Feuchtgebieten Portugals. Regelmäßig rasten hier mehr als 20.000 Wasservögel. Außerdem gehört es zu den wenigen Orten des Landes, an denen alle drei heimischen Seegrasarten gemeinsam vorkommen (Zostera noltii, Zostera marina und Cymodocea nodosa). Dabei zählen Seegraswiesen zu den am stärksten bedrohten marinen Lebensräumen Portugals. Sie stabilisieren Sedimente, speichern Kohlenstoff und dienen zahlreichen Fisch- und Wirbellosenarten als Kinderstube und Rückzugsraum. Im Sado lebt zudem eine von Europas wenigen standorttreuen Gemeinschaften Großer Tümmler. Die kleine Gruppe wird seit den 80er Jahren wissenschaftlich untersucht und Langzeitstudien zeigen, dass ihre Entwicklung eng mit der Qualität ihres Lebensraums verknüpft ist.
Text: Florian Sturm, Fotos: Goncalo Fonseca
Florian Sturm
berichtet seit vielen Jahren aus Portugal, einem Land, dem er als Surfer, Apnoetaucher und Wissenschaftsjournalist eng verbunden ist. Rodrigues‘ Vergangenheit hat ihn sehr beeindruckt.
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