Am Morgen nach dem Orkan ist es am Strand von Borkum fast unwirklich still. Die Nordsee hat sich mit der Ebbe weit zurückgezogen und grollt nun vor der Küste. Der Sand liegt da wie frisch gewaschen und ist an vielen Stellen von dem übersät, was das aufgewühlte Meer in den letzten Stunden an Land geworfen hat. Nach Sturmnächten wie diesen kommt so manches ans Licht, was die See sonst unter ihrer Oberfläche verbirgt.
Was es an diesem Vormittag wohl zu entdecken gibt? Und ob sich alle Geheimnisse so einfach lüften lassen? Denn wer kennt schon eine Tote Seemannshand, wer eine Seemaus – Vertreterin der vielborstigen Ringelwürmer? Wer hier als Urlauber Zeit verbringt, scheitert doch oft schon an der ganz gewöhnlichen Flora und Fauna des Wattenmeeres. Für alle diese Fälle gibt es jetzt den „BeachExplorer“, eine App zur Bestimmungshilfe von Strandfunden – der elektronische Ersatz für einen Rucksack voller Bücher, wie Rainer Borcherding, Mitentwickler der App, sie beschreibt (siehe Interview). Gleich am Strand lässt sich mit dem Smartphone ermitteln, was man gefunden hat, dazu bietet die App Erklärungen und Wissenswertes, um den Fund einzuordnen. Meldet man seine Funde, so werden diese zur wissenschaftlichen Erforschung der Küste gesammelt und ausgewertet.
Die Definition der Art muss man selbst erarbeiten
Besonders am BeachExplorer ist, dass nicht nur ein Foto aufgenommen und zur Identifikation durch die Datenbank gejagt wird. Mit dem BeachExplorer erarbeitet man sich das Ergebnis selbst, vor Ort, am konkreten Fund. Aufgebaut in Klassen, zum Beispiel „Schalentiere“, und Untergruppen, wie „Muscheln“, „Schnecken“ oder „Krebse“, kommt man seinen Entdeckungen auf die Spur. Bei Fischen gibt es die „normalen Fische“, aber auch „Sonderfische“ wie Seepferdchen oder Rochen. Die Eingabe ist weitgehend intuitiv – unter der Klasse „Sonstige seltsame Dinge“ kann man sich zum Beispiel weiter vorarbeiten zu Untergruppen wie „Glibberige Dinge“, „Harte Klumpen“, „Sonstige Klumpen“ oder „Missbildungen und Rätsel“. Bei der Detektivarbeit lernt der Nutzer durch die Auswahlmöglichkeiten zum einen, genau hinzuschauen, und zum anderen, was die Unterschiede bei den einzelnen Arten sind.
Auch André Thorenmeier, mein Begleiter auf der heutigen Strandtour, hat die App auf seinem Smartphone. „Der BeachExplorer ist ein toller Begleiter für jeden Strandspaziergang, aus der Praxis für die Praxis“, lobt Thorenmeier die App. „Er ist gut strukturiert mit allen erdenklichen Funden unserer Küsten und ist ohne Vorkenntnisse nutzbar.“ Thorenmeier leitet das Nationalpark-Haus „Feuerschiff“ auf Borkum und kennt die Küste gut, doch alles kann auch er nicht wissen. Was allerdings gerade vor uns im Sand liegt – länglich, oval, flach, leicht, rau, weiß und hell schimmernd –, ist ihm allerdings vertraut. Das ist ein Schulp, der Auftriebs- und Stabilisierungskörper eines Tintenfisches, klärt Thorenmeier auf. Solche Schulpe liegen dutzendfach am Strand, gerade nach Sturm.





