Ein Team um den Klimaforscher Mojib Latif hat eine „kurzfristige Klimavorhersage” erstellt. Die Botschaft ist überraschend: In Europa wird es kühler, aber die Erde erwärmt sich trotzdem – langfristig. Mojib Latif (Jahrgang 1954) ist Professor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) der Universität Kiel. Der gebürtige Hamburger mit pakistanischer Abstammung erforscht, wie die Ozeane Klima und Temperatur auf der Erde beeinflussen. Für seine Arbeit und sein Talent, Klimaforschung verständlich zu erklären, erhielt Latif diverse Auszeichnungen, etwa den Max-Planck-Preis für öffentliche Wissenschaft.
bild der wissenschaft: Herr Professor Latif, Sie haben sich an eine Klimavorhersage für die kommenden 15 Jahre gewagt, die auch Meeresdaten mit einbezieht. Warum?
Latif: Das ist zwar für die Öffentlichkeit etwas ganz Neues – aber ich persönlich arbeite nun fast 20 Jahre lang an kurzfristigen Vorhersagen, wenn auch nur theoretisch, um zu zeigen, dass sie prinzipiell möglich sind und wie sie gelingen können. Irgendwann kommt jedoch der Punkt, an dem man auch konkrete Prognosen erstellen möchte.
bdw: Woran sind solche Prognosen bislang gescheitert?
Latif: Für realistische Klimavorhersagen muss man den aktuellen Zustand der Ozeane berücksichtigen. Britische Kollegen haben das im Jahr 2007 probiert und sind dabei ganz klassisch vorgegangen: Sie nahmen alle Temperatur- und Salzdaten der Meere, die sie zur Verfügung hatten, auch die aus der Tiefsee, und starteten dann ihr Klimamodell. Ich glaube aber, dass wir dazu im Augenblick noch zu wenige Messungen haben, vor allem aus der Tiefsee. Dort wird noch nicht lange genug gemessen, um dem Modell mitteilen zu können, wie der Zustand der Ozeane wirklich ist.
bdw: Und wie haben Sie dieses Problem gelöst?
Latif: Wir haben uns gefragt: Welche Meeresdaten gibt es aus den letzten 50 Jahren, die häufig genug und in ausreichender räumlicher Auflösung erhoben wurden? Die Antwort lautet: die Meeresoberflächentemperaturen. Nun mussten wir noch testen, ob wir allein mit diesen Zahlen das Verhalten der Ozeane, etwa Änderungen der Strömungen, vorhersagen können. Wir fütterten dazu unser Klimamodell mit Daten beispielsweise bis zum Jahr 1960 und schauten, ob wir damit das Klima bis 1970 vorhersagen konnten. Und das klappte gut.
bdw: Nach Ihren Berechnungen wird sich die Erde erst einmal nicht weiter erwärmen, Europa sogar etwas abkühlen. Stimmen die bisherigen Prognosen etwa nicht?
Latif: Das Ergebnis hat uns natürlich auch überrascht. Aber die bisherigen Prognosen wie die des Intergovernmental Panel on Climate Change, des IPCC, stimmen auf Dauer trotzdem. Langfristig wird es in jedem Fall durch den Ausstoß von Klimagasen wärmer, doch kurzfristig macht dieser Prozess eine Pause.
bdw: Und wie soll das funktionieren?
Latif: Die Meere sind das Schwungrad im Klimasystem. Sie ändern in bestimmten Rhythmen ihre Temperaturen und Strömungen. Ein bekanntes Beispiel ist der El Niño. Diese Prozesse funktionieren auch unabhängig von äußeren Einflüssen wie vermehrter Sonneneinstrahlung oder der Emission von Klimagasen. Das ist wie eine Schaukel im Wind: Wenn der Wind sie permanent bewegt und die Schaukel dadurch irgendwann mit ihrer Eigenfrequenz angeregt wird, dann schaukelt sie eine Weile, auch ohne weiter angestoßen zu werden. In den Ozeanen dauert dieses Auf und Ab natürlich Jahre oder Jahrzehnte. Zurzeit ist der Pazifik recht kühl, und der Golfstrom, der uns in Mitteleuropa mit Wärme versorgt, wird sich etwas abschwächen. Unsere Berechnungen zeigen, dass das noch etwa 10 bis 15 Jahre lang so bleibt. Danach werden sich die Ozeane vermutlich wieder in die andere Richtung entwickeln und den von den Menschen ausgelösten Temperaturanstieg möglicherweise sogar noch verstärken. Das Gespräch führte bdw-Korrespondent Thomas Willke ■
KNICK IN DER KLIMAKURVE
Die Klimaforscher aus Kiel und Hamburg simulierten die Temperaturen auf der Erde für die letzten 50 Jahre und weiter bis 2030. Der Clou: Mojib Latif und sein Team berücksichtigten erstmals Daten zur Oberflächentemperatur der Ozeane. Die Ergebnisse sind in der Grafik grün dargestellt. Zum Vergleich die Daten einer Simulation des IPCC (blau). Die Modellkurven zeigen jeweils die über 10 Jahre gemittelten Werte, wobei die Balken die Streubreite für Berechnungen mit leicht unterschiedlichen Daten angeben. Die Resultate der Wissenschaftler legen nahe, dass die Weltmeere die Erderwärmung vorübergehend bremsen (gestrichelte grüne Kurve bis 2010) – bevor die globale Durchschnittstemperatur in den nächsten zwei Jahrzehnten wieder deutlich steigt.
VIEL WIRBEL UND EINE WETTE
Für hitzige Diskussionen hat die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse von Mojib Latif und seinen Mitarbeitern – seit Jahren engagierte Verfechter der Prognosen zu einer weltweiten Klimaerwärmung – in der Fachzeitschrift Science gesorgt. So boten mehrere führende Klimatologen, darunter Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Mojib Latif in einem Blog im Internet eine Wette an. Die Wissenschaftler setzen darauf, dass die vorhergesagte Pause der globalen Erwärmung nicht eintreten wird.





