Pierce und ihre Kollegen haben dies nun anhand von Kindern untersucht, die als Kleinkinder aus China nach Frankreich gekommen und von französischen Eltern adoptiert worden waren. Die Kinder waren bei Adoption im Durchschnitt erst ein Jahr alt und hatten ab diesem Zeitpunkt kein Wort chinesisch mehr gehört oder gesprochen. Zum Zeitpunkt der Studie waren diese Kinder zwischen 10 und 17 Jahre alt. Für ihr Experiment spielten die Forscher den Kindern eine Reihe von Pseudowörtern vor und baten sie, immer dann auf einen Knopf zu drücken, wenn sie ein französisch klingendes Wort hörten. Während des Tests zeichneten die Wissenschaftler die Hirnaktivität ihrer kleinen Probanden mittels funktioneller Magnetresonanz-Tomografie /fMRT) auf. Den gleichen Test führten die Wissenschaftler mit zweisprachig chinesisch-französisch aufgewachsenen Kindern durch und mit französischen Kindern, die rein einsprachig aufgewachsen waren.
Gehirn reagiert wie bei Zweisprachigen
Das Ergebnis: Bei den rein französischen Kindern waren während der Aufgabe vor allem die Areale aktiv, die den phonologischen Arbeitsspeicher unseres Gehirns bilden – wie erwartet. Bei den zweisprachig aufgewachsenen Kindern kamen dagegen weitere Hirnareale hinzu, die allgemein für Aufmerksamkeit und non-verbales Gedächtnis zuständig sind. “Das zeigt, dass das Gehirn dieser Kinder alternative Systeme hinzuzieht, um die Aufgabe zu bewältigen”, erklären die Forscher. Das Überraschende aber: Das gleiche Muster der zusätzlichen Aktivierung zeigte sich auch bei den Kindern, die zwar als Kleinkind Chinesisch gehört hatten, aber seither komplett einsprachig aufgewachsen waren. “Dies deutet darauf hin, dass diese Kinder das Französische heute anders verarbeiten als komplett einsprachige Kinder”, sagt Pierce. Von ihrem Gehirn her sind diese Kinder noch immer zweisprachig – selbst wenn sie kein Wort Chinesisch mehr können.
Dass das Gehirn die typischen Laute der ersten Sprache tatsächlich nie vergisst, zeigte ein weiterer Test: Spielten die Forscher den adoptierten Kindern chinesische Laute vor, reagierte ihr Gehirn genauso wie bei einsprachig chinesisch aufgewachsenen – obwohl die Kinder keinerlei bewusste Erinnerung mehr an ihre ursprüngliche Sprache besaßen. Nach Ansicht der Forscher belegt dies, dass der erste Kontakt mit einer Sprache das Gehirn dauerhaft prägt. Selbst wenn wenig später eine zweite Sprache zur Muttersprache wird, bleibt sie für das Gehirn die Sekundärsprache – egal wie fließend und automatisch sie gesprochen wird. “Überraschend ist dabei, dass selbst relativ kurze Verzögerungen beim Lernen des Französischen oder ein nur kurzes Gewöhnen an eine andere Sprache schon ausreicht, um die neuronalen Muster beim Verarbeiten der Sprache zu verändern”, betonen die Forscher.





