Ein beneidenswert gutes Gedächtnis, Hilfsbereitschaft und ein funktionierendes soziales Netz: Elefanten imponieren nicht nur durch ihre Größe, sondern auch durch ihre Geistesgaben.
Würde ein Elefant in die Tierschule gehen, dann gehörte er zu den Klassenbesten: Sprache und Kommunikation 1, Geographie 1, Kunst 1, Technik immerhin 2, aber in Arbeits- und Sozialverhalten sogar 1 plus. Seine Sportnote hingegen hinge sicherlich davon ab, ob Geräteturnen auf dem Lehrplan steht. Auch Wissenschaftler stellen den Dickhäutern ein gutes Zeugnis aus: Mit durchschnittlich fünf Kilo besitzen Elefanten die schwersten Gehirne aller Landtiere – drin ist viel Platz für eine ganze Reihe von beeindruckenden Fähigkeiten und Verhaltensweisen.
Dass sie zu den Oberschlauen gehören, ist wohl überwiegend ihrem sprichwörtlichen Elefantengedächtnis zuzuschreiben. „Sie brauchen es, um ihre Großfamilien zu koordinieren”, erklärt die amerikanische Elefantenforscherin Joyce Poole. Elefanten leben in freier Wildbahn in sogenannten Fission-Fusion-Gemeinschaften: Das sind von Matriarchinnen angeführte, sehr emotional aneinander gebundene Gruppen, in denen bis zu 50 Tiere leben. Immer wieder spalten sich davon Untergruppen oder einzelne Individuen ab, zum Beispiel zur Nahrungssuche, um dann später zu ihren Familien zurückzukehren. Kontakt zum Clan zu halten, ist überlebenswichtig und erfordert ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem: Bis zu 200 verschiedene Artgenossen kann eine Matriarchin an den Rufen unterscheiden.
Poole fand heraus, dass die Sprache der Elefanten aus mehr als 6000 verschiedenen Lauten besteht. Nur wenige davon sind entschlüsselt – zum Beispiel „Achtung, Gefahr”, „Auf geht’s”, „ Herzlich Willkommen” und bestimmte Paarungsrufe. Erst vor Kurzem wurde bekannt, dass die Dickhäuter zu 90 Prozent „Rumble”-Töne produzieren – ein für das menschliche Ohr kaum hörbares Rumoren von 5 bis 20 Hertz. Im Gegensatz zu den typischen hellen Trompetenrufen verbreiten Elefanten die Rumpeltöne als unterirdische Vibrationen (siehe bdw 5/2008: „Wenn Füße hören können”). Und das hat Vorteile: „Oberirdisch wird jede Schallwelle spätestens nach zehn Kilometern von der Luft absorbiert”, erklärt Caitlin O’Connell-Rodwell, Wissenschaftlerin am Center for Conservation Biology an der Stanford University. „ Seismische Informationen bleiben dagegen deutlich länger erhalten.” Für die Forscherin erklärt das auch, warum Elefanten auf Ereignisse reagieren, die sich in großer Entfernung von ihnen abspielen: „Wenn es in Angola regnet, dann setzen sich die Elefanten im 160 Kilometer entfernten Etosha-Park Richtung Norden in Bewegung, um Wasser zu suchen.” Ähnliches wurde auch in Angola beobachtet, wo Elefanten von Hubschraubern aus abgeschossen werden. Bei einem solchen Einsatz suchten plötzlich 80 Kilometer vom Tatort entfernte Elefantenherden Schutz unter Bäumen.
JAHRELANGE KINDHEIT
Um dieses komplexe Kommunikationssystem zu beherrschen, müssen Elefanten ausgezeichnet lernen können. Sonst wären sie wohl kaum Bestandteil klassischer Zirkusnummern oder würden in Thailand Touristen damit unterhalten, dass sie elaborierte Kunstwerke mit Pinsel und Farbe auf die Leinwand bringen. Tatsächlich brauchen kleine Elefanten – genau wie Menschenkinder – jahrelang die Hilfe ihrer Familie, bis sie selbstständig werden. Das bezeugt die Entwicklung ihres Gehirns: Während die meisten Säugetiere bereits mit 90 Prozent ihres Erwachsenengehirns auf die Welt kommen, liegt der Anteil bei Menschen und Elefanten mit 28 beziehungsweise 35 Prozent deutlich darunter. Bei Delfinen sind es 43 Prozent und bei Schimpansen 54 Prozent des finalen Gewichts. Joyce Pool vermutet, dass es mindestens 30 Jahre dauert – bei Elefantenbullen sogar 50 Jahre –, bis ein Rüsseltier auf seine gewaltige Gehirn-Endmasse kommt.
Doch Masse ist nicht unbedingt klasse. Als Maßstab für Intelligenz gilt unter Verhaltensforschern zum Beispiel der geschickte Umgang mit Werkzeugen im natürlichen Lebensraum – eine Disziplin, bei der Elefanten nicht gerade glänzen. Zwar können sie sich aus Zweigen eine Fliegenklatsche bauen, doch Schimpansen öffnen eine Nuss mit einem Stein oder benutzen Stöcke, um sich aus einem Termitenhaufen einen Snack zu gönnen. „So eine Fähigkeit ist für einen Elefanten nicht wichtig”, verteidigt Benjamin Hart, Verhaltensforscher an der University of California in Davis, die Dickhäuter. Anders als Menschenaffen, die hochwertige, proteinreiche Nahrung zu sich nehmen, sind die Dickhäuter mit Gras und Blättern zufrieden. Bis zu 18 Stunden am Tag verbringt so ein Sechs-Tonner mit der Nahrungsaufnahme, um auf die erforderlichen sieben Prozent seines Körpergewichts zu kommen, die er täglich in sich hineinschaufeln muss. Und Gras gibt es fast überall.
„Entscheidend ist, dass ein Elefant weiß, wo er in Krisensituationen auf Ressourcen stößt”, sagt Hart. Dann berichtet er von einer außergewöhnlichen Dürre im Tarangire-Park in Tansania, bei der Elefanten außerhalb des Parks nach Wasser suchen mussten. Die von älteren Matriarchinnen angeführten Familien erreichten relativ schnell die entlegenen Wasserlöcher. „ Sie erinnerten sich offenbar an die letzte große Dürre vor 35 Jahren – und daran, zu welchen Oasen sie damals von ihren Müttern und Tanten geführt wurden”, sagt Hart.
RETTENDE ERINNERUNGEN
Was genau macht so ein Elefantengedächtnis zum Lebensretter? Wissenschaftler haben den Hippocampus in Verdacht. Das ist ein Gehirnbereich, der für die Konsolidierung von Informationen zuständig ist. Hier findet zum Beispiel die Überführung von Informationen aus dem Kurz- in das Langzeitgedächtnis statt und auch die räumliche Orientierung. Bei Elefanten ist dieses Organ mit einem Anteil von 0,7 Prozent am Gehirn von allen Lebewesen am größten. Bei Menschen sind es nur 0,5, bei Delfinen sogar nur 0,05 Prozent.
Da der Hippocampus auch für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist, liegt hier eventuell auch der Grund für die außergewöhnliche Empathie der Elefanten. Kaum ein anderes Tier hat vergleichbare Samariter-Qualitäten. „Elefanten bringen verletzte Artgenossen mit ihren Stoßzähnen wieder auf die Beine oder ziehen einem angeschossenen Familienmitglied den Betäubungspfeil heraus”, berichtet Joyce Poole. Diese guten Taten sind offenbar nicht auf die eigene Spezies beschränkt: So weigerte sich ein Arbeitselefant in Asien, einen Baumstamm in einen Laster zu legen. Als sein Antreiber nachschaute, lag dort ein schlummernder Hund.
Weitgehend unverstanden hingegen ist ein Verhalten, das man bei keiner anderen Tierart beobachtet hat: Das Interesse der Elefanten an den Gebeinen verstorbener Artgenossen, ihre sichtliche Trauer um ihre Toten und das fast ritualmäßige „ Begraben” ihrer Verstorbenen mit Ästen und Blättern. „Elefanten werden bis zu 70 Jahre alt und machen in ihrem Leben viele Erfahrungen. Der Tod gehört dazu, und sie verstehen ihn”, bietet Poole als Erklärung an. Die Wissenschaftlerin beobachtete, wie Elefanten tagelang ergriffen waren von dem Verlust eines nahestehenden Familienmitglieds. Immer wieder berührten sie mit ihren Rüsseln den Toten oder fuhren vorsichtig mit ihren Füßen wie mit einem Scanner den leblosen Körper ab.
Dass Elefanten sich nicht nur ihrer Toten bewusst sind, sondern auch ihrer selbst, zeigte jüngst ein „Spiegeltest” (siehe „Sie rufen sich beim Namen”, Seite 19). Die Elefantendame Happy aus dem New Yorker Bronx Zoo posierte zunächst vor einem sechs Quadratmeter großen Riesenspiegel und berührte dann mehrfach ein mit weißer Tinte auf ihre Stirn gemaltes „X”. Um auszuschließen, dass sie auf den Geruch der Farbe reagierte, wurde ein zweites X auf ihre Stirn gemalt, diesmal mit farbloser Tinte. Dieses X interessierte Happy jedoch nicht die Bohne. „Das zeigt, dass Elefanten eindeutig zur kognitiven Elite gehören”, urteilt der Verhaltensforscher Frans de Waal, der die Studie durchführte. Eine 5 in Geräteturnen wäre somit allemal ausgeglichen! ■
DESIRÉE KARGE, bdw-Korrespondentin in San Jose, war nie gut im Geräteturnen – und hätte gern ein Elefantengedächtnis.
von Désirée Karge
MEHR ZUM THEMA
LESEN
Caitlin O’Connell-Rodwell The elephant’s secret sense Oneworld, Oxford 2009, ca. € 20,–
INTERNET
Web-Seite einer Elefanten-Lobbygruppe: www.elephantvoices.org





