Der Klimawandel erfordert neue Wege in der Landwirtschaft. Doch die decken sich nicht immer mit den Zielen von Umwelt- und Naturschutz. Ein Beispiel aus der Lüneburger Heide.
Seit Generationen bauen die Landwirte am östlichen Rand der Lüneburger Heide Kartoffeln, Zuckerrüben, Möhren und Zwiebeln an. Auf den Äckern gedeihen Weizen, Roggen und Gerste. Die Feldfrüchte eignen sich ideal für das Klima in Norddeutschland. Doch gilt das auch noch dann, wenn die Szenarien der Wissenschaftler für den klimatischen Wandel in den nächsten Jahrzehnten Realität werden? Viele Modelle lassen vor allem für das Sommerhalbjahr nicht nur höhere Temperaturen, sondern auch weniger Regen erwarten.
Einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, bot den Bauern der ungewöhnlich warme und trockene Sommer 2010, als es in der Heideregion im Juni und Juli bei großer Hitze sechs Wochen lang fast gar nicht regnete. Seitdem folgen immer wieder extrem regenarme Witterungsphasen: So war der Herbst 2011 deutlich zu trocken, der November deutschlandweit sogar der trockenste seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen. Auch im März 2012 fiel nur ein Bruchteil der üblichen Niederschlagsmenge. Für die Pflanzen bedeutet die Trockenheit Stress – und um dem entgegen zu wirken, bleibt den Landwirten nichts anderes übrig, als ihre Felder verstärkt zu bewässern. Ohne künstliche Beregnung würden viele Pflanzen eingehen. „2010 hat sich der Bedarf an zusätzlichem Wasser für die Felder fast verdoppelt”, berichtet Monika von Haaren von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. „ Das wird auch in den kommenden Jahren oft so sein, wie regionale Klimaprojektionen bis 2050 zeigen.”
Die Ostheide ist eine Region, in der Land- und Forstwirtschaft wichtige Einnahmequellen bilden. Obwohl sie zu den relativ trockenen Geestgebieten im Nordosten von Niedersachsen gehört, ist sie eine historisch gewachsene Kulturlandschaft, in der Feldfrüchte und Getreide gedeihen. Schon heute werden dort rund 70 Prozent der Ackerflächen künstlich bewässert. Die Gegend gehört zu den größten Beregnungsgebieten in Deutschland. Doch Grundwasser ist ein Allgemeingut, daher wird die Entnahme streng reglementiert. Jeder Landwirt erhält ein Sieben-Jahres-Kontingent von 560 Litern pro Quadratmeter – das sind 80 Liter pro Quadratmeter im Jahr. Im trockenen Jahr 2010 lag der Bedarf allerdings fast beim Doppelten: rund 150 Liter.
Wachstum im Trockenen
Wasser ist schon heute ein begrenzender Produktionsfaktor, doch der Bedarf wird in Deutschland künftig weiter steigen. Die Klimaforscher erwarten, dass sich die Niederschläge im Jahreslauf zum Winter hin verlagern werden: In der kalten Jahreszeit regnet es mehr, im Sommer weniger. Damit fällt die Trockenheit gerade in die Wachstumsphase, in der Pflanzen besonders auf Wasser angewiesen sind. Mangelt es daran, bilden sie weniger Blätter und verlieren sie auch früher als üblich. Bei Kulturpflanzen bedeutet das eine Ertragsminderung, im schlimmsten Fall kann der Landwirt gar nichts ernten. Gestresste Pflanzen sind zudem anfälliger für Schädlinge – und das werden künftig auch neue Parasiten sein, die das veränderte Klima mit sich bringt.
Um sich gegen dieses Szenario wappnen zu können, arbeiten Wissenschaftler und Landwirte gemeinsam in einem ambitionierten Projekt namens „Zukunftsfähige Kulturlandschaften”. Die Ergebnisse sind wichtig für Gebiete mit geringen Niederschlägen und leichten Böden. Das Projekt ist Teil des großen interdisziplinären Forschungsprojektes „Klimzug-Nord”, an dem sich etliche Universitäten, Forschungsinstitute, Behörden und Unternehmen beteiligen. In dem Projekt beschäftigen sich Wissenschaftler mit Strategien, die zur Anpassung an den Klimawandel in Norddeutschland nötig sind.
Die Regionen entlang der Elbe und ihren Nebenflüssen sind von Klimaveränderungen besonders betroffen. Meteorologen prognostizieren dort nicht nur trockenere Sommer und regenreichere Winter, sondern auch mehr Starkregen und Sturmfluten. Das erfordert Anpassungen auf ganz unterschiedlichen Ebenen, vor allem im Wassermanagement sowie in der Stadtentwicklung und Landwirtschaft.
Verstärkte Spannungen
„Die Landwirte in der Region müssen sich in relativ kurzer Zeit an die Folgen der klimatischen Veränderungen anpassen”, sagt Monika von Haaren. Mehr Grundwasser dürfen sie aber nicht entnehmen. Auch Oberflächenwasser scheidet aus, da die Bäche unter anderem durch die FFH-Richtlinie geschützt sind – die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU, die dem Schutz von Lebensräumen dient und fordert, diese möglichst miteinander zu vernetzen. „Ein steigender Wasserbedarf verstärkt die ohnehin bestehenden Spannungen zwischen Landwirtschaft und Naturschutz”, meint die Geografin, die als Projektleiterin für die Forschung in der Pilotregion Ostheide zuständig ist. Deshalb sei es wichtig, diese Belange in die Planungen einzubeziehen – was in enger Kooperation mit Landwirten, Wasserbauern und Naturschützern geschieht.
Es geht nicht nur um die wirtschaftliche Bedeutung der Region, sondern auch um den Erhalt der Biodiversität. Die ist aus ökologischer Sicht wichtig und steigert zudem die Attraktivität der östlichen Lüneburger Heide für den Tourismus. Und das nützt auch der Wirtschaft vor Ort.
Um der zunehmenden Trockenheit zu begegnen, bieten sich für die Landwirte vor allem zwei Lösungswege an. Erstens: Die Art der Beregnung, die zurzeit ziemlich aufwendig und teuer ist, muss effizienter werden. Zweitens: Die Landwirte sollten Kulturpflanzen anbauen, die von Natur aus besser an Wassermangel und Hitze angepasst sind als Möhren, Zwiebeln & Co.
Was die Bewässerung angeht, soll die derzeit übliche Trommelberegnung von einer effizienteren Kreis- oder Linearberegnung abgelöst werden. Während bei der herkömmlichen Beregnung eine von einer Trommel abgerollte Spritzkanone zur großflächigen Bewässerung dient, werden bei der Kreis- oder Linearberegnung nur die bepflanzten Bereiche eines Ackers bewässert. „Das reduziert den Wasserverbrauch um bis zu 20 Prozent und den Energieverbrauch um bis zu 50 Prozent”, sagt Monika von Haaren. „Das ist ein direkter Beitrag zum Klimaschutz.”
25 Hektar sind das Minimum
Voraussetzung für den Einsatz dieser neuen Technik sind allerdings größere Äcker. Derzeit beträgt die Größe in der Pilotregion durchschnittlich 6 Hektar. Optimal wären, das ergaben Experimente, mindestens 25 Hektar. „Große arrondierte Produktionsflächen, die gut erschlossen sind, senken obendrein die Arbeitskosten”, sagt von Haaren. Um das zu erreichen, haben einige Landwirte, die in dem Forschungsprojekt mitwirken, untereinander ihre Pachtflächen getauscht oder benachbarte Grundstücke hinzugekauft.
Doch während die größeren, an optimale Beregnung angepassten Flächen ein Problem lösen, rufen sie ein neues hervor. Denn aus Sicht des Naturschutzes sind die für die Beregnung optimierten Flächen schlecht, weil dazu Hecken oder Bäume, die im Weg stehen, abgeholzt werden müssen. Dadurch gehen Brutplätze für Vögel verloren, Kleinsäuger und Reptilien verlieren Unterschlupf und Schutz. Dieser Verlust muss ausgeglichen werden, das ist das erklärte Ziel des Projektes. Mit der Umsetzung wurde bereits begonnen: Es wurden Erlen gepflanzt und Grünstreifen an Bächen angelegt. Die Grünstreifen sollen helfen, Lebensräume miteinander zu vernetzen und den genetischen Austausch bedrohter Tierarten zu unterstützen. Wo und wie solche Ausgleichsmaßnahmen umgesetzt werden sollen, bespricht die Projektleiterin mit Betroffenen und verschiedenen Interessengruppen. Bei einem solchen Gespräch prallen manchmal Welten aufeinander.
Am Besten im Kreis herum
Dass die gezielte Kreisberegnung Vorteile gegenüber der Trommelberegnung bietet, ist zwar Konsens. „Das Wasser kommt besser an die Pflanzen heran”, bestätigt Wieland Utermark vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Doch wenn Flächen zusammengelegt werden und die Verbindungswege wegfallen, sei das kritisch. „Über Ausgleich für den Naturschutz muss verhandelt werden”, sagt er.
Beispielhaft dafür ist ein Grünstreifen entlang des Rübenackers von Lutz Meyer, einem Landwirt aus dem niedersächsischen Güstau in der Gemeinde Suhlendorf. An dem Grünstreifen verläuft ein Graben. Lutz Meyer hätte ihn zuschütten können, um auch diese Fläche mit Rüben zu bebauen. Doch er hat den Graben erhalten. „Der Grünstreifen wird mit beregnet, bringt aber keinen Ertrag”, sagt er. Trotzdem zahlt Meyer auch für diese Fläche Pacht und muss sie bei Kündigung in den Originalzustand – sprich Acker – zurückversetzen. Dass er sich mit den Umweltschützern auf die Pflege des Grünstreifens geeinigt hat, ist also nicht selbstverständlich.
„Große Flächen müssen nicht automatisch Monokulturen sein”, sagt Projektleiterin von Haaren. „Auf ihnen können verschiedene Arten von Nutzpflanzen angebaut werden, die durch sogenannte Blühstreifen voneinander getrennt sind.” Sie bestehen aus Kräutern und Stauden oder aus Sträuchern, etwa Weiß- oder Rotdorn. Die etwa 1,50 Meter hohen Sträucher bieten Lebensraum für Insekten, Feldhasen und Vögel. Solche Blüh- oder Ackerrandstreifen sind wichtig für bodenbrütende Vögel wie Rebhuhn, Wachtel, Feld- und Heidelerche sowie die europaweit gefährdete Gartenammer (Ortolan). Der Gesang dieses Vogels – „ ridri-dri-dri-jööj” – soll Ludwig van Beethoven zu seiner Fünften Symphonie inspiriert haben. Vom Ortolan gibt es in der Ostheide eine bedeutende Brutpopulation. Am entsprechenden Schutzprogramm der Landwirtschaftskammer Niedersachsen nimmt auch Landwirt Meyer teil.
Grün- oder Blühstreifen als Ausgleich für größere Äcker und Felder, die effizienter bewässert werden können – das ist die eine Strategie zur Anpassung an den Klimawandel. Die andere ist der Anbau von Pflanzen, die von Natur aus mit Wassermangel und Hitze klarkommen. Das gilt etwa für die in Äthiopien weit verbreitete Zwerghirse, auch Teff genannt. Im Rahmen des Forschungsprojekts Klimzug-Nord hat die eiweißreiche Pflanze ihren Weg in die Heide gefunden, wo sie auf Versuchsfeldern angebaut wird – und prächtig gedeiht. Das glutenfreie Getreide gilt wegen seiner guten Backeigenschaften als Produkt der Zukunft. Es eignet sich für Brot, Kuchen oder Pfannkuchen und ist besonders für Menschen, die unter Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie) leiden, eine Alternative zu Weizen und Roggen.
Weniger Kiefern, mehr Eichen
Die Wissenschaftler und Landwirte im niedersächsischen Pilotgebiet haben noch mehr gemeinsame Pläne. So soll die Aufnahmefähigkeit des Bodens als Grundwasserspeicher verbessert werden. Das kann durch den sukzessiven Umbau des Waldes geschehen: weniger Kiefern, mehr Laubbäume wie Buche, Eiche und neuerdings auch Esskastanie. Unter einem Laubwald bildet sich erheblich mehr Grundwasser als unter einem Kiefernforst. Außerdem ist er ökologisch wertvoller und weniger anfällig für Schädlinge und Waldbrände.
Die ersten drei des auf fünf Jahre angelegten Projektes sind inzwischen um, und die Erkenntnisse können sich sehen lassen. Sie fließen in einen Kulturlandschaftsplan ein, der auch die Belange des Naturschutzes berücksichtigt. Von vornherein haben Landwirte wie Lutz Meyer ihre Unterstützung zugesagt. „Mithilfe des Kulturlandschaftsplans lassen sich Anpassungsstrategien kostengünstig, zeitnah und unbürokratisch entwickeln”, freut sich Monika von Haaren. ■
Monika Rössiger ist Biologin, Wissenschaftsjournalistin und Buchautorin in Hamburg. Ihre Schwerpunkte sind Klima- und Meeresforschung.
von Monika Rößiger
Trockenere Sommer, feuchtere Winter
Prognosen der Klimaforscher deuten darauf hin, dass sich die Niederschläge in Deutschland bis zum Jahr 2100 anders übers Jahr verteilen werden als heute.
Mehr zum Thema
Internet
Forschungsprojekt „KLIMZUG NORD” des BMBF: www.klimzug-nord.de
Regionaler Klimaatlas für Deutschland von der Helmholtz-Gemeinschaft: www.regionaler-klimaatlas.de
Kompakt
· Der Klimawandel bringt Deutschland vermutlich wärmere und trockenere Sommer.
· Die Landwirte müssen sich anpassen – durch gezielte Bewässerung und Anbau neuer Pflanzensorten.





