Das Darwin-Jahr 2009 wartete gleich mit zwei Jubiläen auf: Vor 200 Jahren wurde der große Naturforscher geboren – und vor 150 Jahren erschien sein Hauptwerk „On the Origin of Species”. Der gefeierte Biologe war selbst ein Bestseller-Autor. Schon seine 1839 erschienene Beschreibung der fünfjährigen Schiffsreise mit dem Vermessungsschiff „Beagle” wurde sofort zu einem Publikumserfolg. Der Mare-Buchverlag hat eine schöne Ausgabe mit einer doppelseitigen Faltkarte herausgebracht, und es gibt das Werk auch als Fischer-Taschenbuch. Wie der Schriftsteller Daniel Kehlmann im Vorwort schreibt, haben wir es hier mit dem „jungen Darwin zu tun, nicht dem Zerstörer von Dogmen und Sicherheiten, sondern dem Entdecker, dem Reisenden”. Der präsentiert das große Abenteuer seiner Fahrt in Form eines akribischen, nachträglich literarisch überarbeiteten Tagebuchs. Bei aller Sachlichkeit lässt es tief in Darwins politische Seele blicken: „Am 19. August verließen wir endlich Brasiliens Gestade”, schreibt er im Rückblick. „Gott sei Dank werde ich nie wieder ein Sklavenland besuchen. Bis zum heutigen Tage erinnere ich mich, wenn ich von fern einen Schrei höre, mit schmerzlicher Lebhaftigkeit daran, was ich empfand, als ich an einem Haus nahe Pernambuco vorüberging und das erbarmungswürdigste Stöhnen hörte, das mich nur eines vermuten ließ, nämlich dass da gerade ein armer Sklave gequält wurde.” Darwin hinterließ auch eine lesenswerte Autobiografie für seine Kinder und Enkel („Mein Leben”, Insel-Verlag). Doch wie der Zoologe Josef Reichholf richtig bemerkt, klammert er darin Schwächen, Ängste und Schicksalsschläge, kurz: „sein Menschsein”, weitgehend aus. Reichholf schreibt dies im Vorwort zu „Darwins Welt”, einer Biografie von Angela und Karlheinz Steinmüller. Die Autoren, sie Mathematikerin, er Physiker und Philosoph, füllen die Lücken und verankern den Menschen Darwin in seiner Zeit. Der Leser erfährt beispielsweise von den politischen und wirtschaftlichen Veränderungen während seiner Jugend: von Napoleons Aufstieg und Niedergang, vom Beginn der Industrialisierung. Und er lernt Darwins Großvater kennen, den visionären Erasmus Darwin. Der dachte bereits über einen möglichen Artenwandel nach und ging davon aus, dass alle Formen von einem einfachen „lebenden Filament”, einem Faden also, ihren Ausgang genommen hätten. Das Buch ist eine klassisch erzählte Lebensbeschreibung und auch für Jugendliche geeignet.
Der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht analysiert in seinem biografischen Porträt vor allem die wissenschaftliche Arbeitsweise des Jubilars. Endlich versteht man, warum Darwin nach der Beagle-Reise nicht sofort seine Evolutionstheorie ausformulierte, sondern sich zunächst jahrelang mit kleinen Krebschen, den Cirripedia oder Rankenfüßern, beschäftigte: „Die Rankenfüßer lehren Darwin auf plastische Weise die Vielfalt der Natur, das Variieren innerhalb und zwischen den Arten; sie liefern die Anschauung und lassen ihn erst verstehen, wie groß die natürliche Variabilität, die spezifische Abweichungsrate in der Natur, tatsächlich ist.”
Wer lieber eine rasant und im Reportagestil verfasste Darwin-Biografie lesen möchte, ist beim amerikanischen Wissenschaftsjournalisten David Quammen an der richtigen Adresse. Er lässt die Beagle-Reise aus. „Darwins spätere gedankliche Abenteuer sind meines Erachtens noch aufregender als die zügellosen Streifzüge durch Patagonien und auf den Galápagos-Inseln”, meint Quammen.
Nicht nur über das Leben, sondern auch über das Werk von Charles Darwin und darüber, wie es von seinen Nachfolgern fortgeführt wurde, sind interessante Bücher erschienen. Zwei grundverschiedene Neuerscheinungen beschäftigen sich mit der Anwendung der Evolutionslehre auf das Denken und Fühlen des Menschen, also mit evolutionärer Psychologie: Thomas Junker und Sabine Paul nehmen sich Schlüsselthemen wie Ernährung, sexuelle Selbstbestimmung, Heldentum und Terrorismus vor und widmen sich dann über weite Strecken der Entwicklung der Kunst. Der Grazer Evolutionsbiologe Adolf Heschl erklärt die Entstehung des menschlichen Bewusstseins vor allem aus Erkenntnissen der aktuellen Verhaltensforschung an Primaten. Verblüffende Unterschiede ergeben sich in der Sicht des Gorillas: Junker und Paul beschreiben unseren evolutionären Vetter als rechten Primitivling, dem wir zum Glück nicht gleichen, vor allem nicht im Sexualleben. Heschl dagegen sieht im Gorilla geradezu einen Geistesverwandten, dem wir in vielem mehr ähneln als dem näher verwandten Schimpansen: etwa in der Körperhaltung, im Gebrauch der Hand und in der Empathie gegenüber Leidenden. Beim Sex betont er die Rolle des Gorilla-Weibchens: „Es nimmt dabei das Männchen aktiv bei der Hand und zieht es erwartungsvoll zu sich heran. Sex ist hier also nicht mehr bloß ein instinktives Sichabreagieren, sondern eine schon etwas subtilere Angelegenheit.” Wer hätte das gedacht!
Philosophisch wird es bei Chris Buskes. Der Niederländer zeichnet gut verständlich nach, wie die Evolutionslehre nach Darwins Tod Wissenschaft und Gesellschaft beeinflusst hat, welche Denker ihm nachfolgten, ihn interpretierten, welche Themen sie herausgriffen: die Evolution der Sprache, der Kultur, der Religion und der Moral beispielsweise. Und er warnt vor den Denkfallen des Sozialdarwinismus und der Eugenik.
Wer sich zum Abschluss des Darwin-Jahres einen besonders schönen Bildband auf den Couchtisch legen möchte, dem sei Ernst Peter Fischers „Das große Buch der Evolution” empfohlen: großartige Naturfotografie, informative Grafiken, ein durchkomponierter Begleittext. Hier wird Evolution nicht nur lesbar, sondern erlebbar.
von Judith Rauch
Ohne Titel
Adolf Heschl DARWINS TRAUM Die Entstehung des menschlichen Bewusstseins Wiley-Blackwell Weinheim 2009 € 29,90
Ohne Titel
Thomas Junker, Sabine Paul DER DARWIN-CODE Die Evolution erklärt unser Leben C.H. Beck, München 2009 € 19,90
Ohne Titel
Matthias Glaubrecht „Es ist, als ob man einen Mord gesteht” Ein Tag im Leben des Charles Darwin Herder, Freiburg im Breisgau 2009, € 17,95
Ohne Titel
Charles Darwin MEIN LEBEN Insel, Frankfurt am Main 2008 € 10,–
Ohne Titel
Ernst Peter Fischer DAS GROSSE BUCH DER EVOLUTION Fackelträger Köln 2009, € 39,95
Ohne Titel
David Quammen CHARLES DARWIN
Der große Forscher und seine Theorie der Evolution Piper, München 2008 € 19,95
Ohne Titel
Chris Buskes EVOLUTIONÄR DENKEN Darwins Einfluss auf unser Weltbild Primus, Darmstadt 2008
€ 29,90
Ohne Titel
Angela und Karlheinz Steinmüller Darwins Welt Aus dem Leben eines unfreiwilligen Revolutionärs Oekom, München 2008, € 24,90
Ohne Titel
Charles Darwin Die Fahrt der Beagle Mare-Buchverlag Hamburg 2007, € 39,90 Fischer Taschenbuch Frankfurt 2008, € 12,95





