Ungefähr 1000 Fischotter leben wieder in Deutschland – doch solche Lichtblicke ändern nichts am Schwinden der Biodiversität. Umweltforscher Carsten Neßhöver hofft auf Sensibilisierung der Öffentlichkeit.
BIS 2010 sollte der weltweite Verlust an biologischer Vielfalt, in erster Linie das Artensterben, zumindest signifikant gebremst sein – so lautete ein 2002 vereinbartes Zwischenziel der von 191 Mitgliedsstaaten getragenen Biodiversitätskonvention, kurz CBD (Convention on Biological Diversity). Das Jahr ist da, das Ergebnis auch: Aus dem „2010 Target” ist nichts geworden. Vögel, Amphibien, Korallen, Säugetiere: Der Artenschwund ist überall ungebremst. Zum Beispiel stieg bei den 9990 Vogelarten der internationalen „Roten Liste” der Anteil der vom Aussterben bedrohten von 11,1 Prozent (1998) auf 12,2 Prozent (2008). Auch im umweltbewussten Deutschland schwindet die biologische Vielfalt. Wolf, Luchs, Biber und Fischotter sind zwar zurückgekehrt. Doch jenseits dieser Vorzeigearten droht 132 Arten der Wirbeltiere – immerhin 28 Prozent – hierzulande das Aus.
Ist die CBD also nur ein Papiertiger, bestehend aus Tausenden Seiten Expertisen, die für und von neun Folgekonferenzen produziert wurden? „Nein, das ,2010 Target‘ hat wenigstens geholfen, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen”, übt sich Carsten Neßhöver vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Optimismus. Doch die CBD hat Geburtsfehler. So enthält die Konvention keinerlei Sanktionen, sie setzt lediglich auf Einsicht. „Es ist aber nicht gelungen, den Schutz der Biodiversität in alle Politikbereiche ausreichend zu integrieren” , resümiert Jutta Stadler vom Bundesamt für Naturschutz auf der Insel Vilm.
Entscheidende Beschlüsse werden weiterhin ohne Rücksicht auf die Biodiversität gefällt. Neßhöver nennt ein Beispiel: „Als Ende 2007 die Agrarminister der EU von einem Tag auf den anderen die Verpflichtung zu Bracheflächen aufhoben, haben schon am nächsten Morgen die Bauern die Traktoren angeworfen und ihre Brachen unter den Pflug genommen.”
Weiterhin hat ein gut gemeintes Konzept für finanzielle Anreize kaum gegriffen. Unter dem Titel „Access and Benefit-Sharing” sollten Entwicklungsländer an ihrem Artenreichtum kräftig Geld verdienen. Die Idee: Pharmakonzerne sollten Tantiemen für Medikamente bezahlen, wenn sie diese mithilfe von Pilzen, Bakterien oder Pflanzen aus einem Drittweltland entwickeln. Doch in der aktuellen, sehr kurzen CBD-Liste dieser Projekte ist das Gros der Arzneimittelhersteller nicht vertreten. Womöglich bieten bald die internationalen Klimaschutz-Abkommen erfolgreichere finanzielle Anreize für den Erhalt tropischer Regenwälder als die CBD.
Noch aus anderen Gründen blicken Biodiversitätsforscher mit Neid auf die Klimafront. Seit 1988 trägt der „Weltklima-Rat” IPCC alle vier Jahre unter enormem Medienecho den Sachstand zum Klima vor. Der Biodiversität fehlt ein solches Gremium. Obendrein hat Klimaschutz heute eine universale Währung: Klimagase lassen sich in CO2-Äquivalente umrechnen, was den weltweiten Handel mit Emissionszertifikaten ermöglicht. „Einen Handel mit Biodiversitäts-Äquivalenten wird es hingegen nie geben”, bedauert Stadler: „Biologische Vielfalt ist eine lokale Währung.” Wer wollte den biologischen Wert eines Regenwaldes mit dem eines Buchenforsts verrechnen?
Seit Kurzem gibt es immerhin erste Versuche, den Schaden durch den anhaltenden Verlust biologischer Vielfalt in Zahlen zu fassen, um die Tragweite klarzumachen. Die neue multinationale Studie „Die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität” (TEEB) errechnet allein aus dem derzeitigen Schwinden der Wälder auf dem Globus einen Vermögensverlust von 1,35 bis 3,1 Billionen Euro – Jahr um Jahr. „Ziffern, die vielleicht doch die Einsicht wachsen lassen, die wir für Fortschritte bei der CBD brauchen”, hofft Carsten Neßhöver. Bernhard Epping ■





