Text: Sylvia Meise
Königskerzen! So weit das Auge reicht – und mittendrin ein Mensch mit Strohhut und Hacke. Wie ein Bild von Matisse, jedenfalls wenn man den Kleinbus am Feldrand ignoriert. Ungewohnt – und doch gibt es ähnliche Felder an einigen Stellen in Deutschland. Diese majestätischen Kerzen blühen in Hohenlohe, einer bäuerlichen Gegend mit rauem Klima in Baden-Württemberg. In der Regel prägen hier Mais, Gerste, Raps und Mastbetriebe das Bild. Bunte Wildpflanzenfelder sind die Ausnahme. Nicht nur Königskerzen fallen auf. Auch Malve, Wildgräser, Kleearten und Hunderte andere Wiesenkräuter werden hier von Rieger-Hofmann aufgezogen wie andernorts Gladiolen oder Brokkoli. Der hohenlohische Betrieb ist einer der größten und ältesten unter den 120 Wildsaatgutproduzenten Deutschlands. Auf die Frage, warum er Wildpflanzen kultiviert, entfährt dem Chef Ernst Rieger eine emotionale Antwort: „Na, weil’s nix mehr gibt! Weil die Artenvielfalt zurückgeht. Da muss man doch was tun – oder?“
Prinzip Heuwiese
Zerschneidung und Zerstörung von Biotopen sowie intensive Landwirtschaft haben vielerorts die heimischen Wildblumen fast völlig verdrängt. Mit ihnen verschwinden Insekten, die sich im Lauf der Evolution an genau diese Pflanzen in genau diesem Habitat angepasst haben. Die Blüten werden so nicht immer befruchtet – und schließlich sterben die Pflanzen aus. Um das zu verhindern, werden sie nun felderweise angepflanzt. Man muss doch was tun … Also Blühstreifen und Wildbienenwiesen anlegen? Ernst Rieger wiegt den Kopf und sagt: „Hm, ist gut gemeint. Es bringt aber nur was, wenn man’s richtig macht.“ Mit „richtig machen“ meint er, Wildsaatgut und wenig Dünger verwenden, Wildblumenwiesen ein- bis dreimal mähen oder beweiden lassen, Blühstreifen mindestens fünf Jahre stehen lassen.
Ohne die Pflege sinke die Artenvielfalt auf Wiesen sogar, weil Gräser zügiger wachsen und den Wildpflanzen so Licht und Platz nehmen. Hier seine Anleitung: „Wenn’s am schönsten blüht, gehört’s zum ersten Mal gemäht oder beweidet. So hat man’s jahrhundertelang gemacht: das erste Mal Ende Mai, Anfang Juni. Wenn man im Mai die Wucht von der Wiese wegbringt, sind die Gräser geschwächt, und die Blumen blühen den ganzen Sommer durch. Zwischen dem ersten und zweiten Mähen samt die Wiese aus. Zweites Mähen Ende August, drittes im Oktober als Pflegeschnitt.“ Wie wichtig so eine Wiese für den Artenschutz ist, verdeutlicht dieser Zusammenhang: Von den 15.000 heimischen Insektenarten sind 90 Prozent auf Wildpflanzen als Nahrung oder für den Nestbau angewiesen, manche sind sogar auf nur eine Pflanzenfamilie spezialisiert.
Das Sammeln, Vermehren und Verschicken wilder Samen macht der Gartenbau schon seit Jahrhunderten, doch 1977 gab es einen Booster. Damals verlangte das Bundesnaturschutzgesetz erstmals bei Renaturierungen von Naturwunden durch Straßenbau oder andere Baumaßnahmen, Wildpflanzen-Saatmischungen zu nutzen. Bis dahin gab es nur zwei Wildsaatgutbetriebe in ganz Deutschland – und die hatten mit einem Mal alle Hände voll zu tun. Hier war Geld zu verdienen, deshalb bekamen sie bald Zuwachs. Auch für Rieger war dies vor fast 40 Jahren einer der Gründe einzusteigen, doch einfach ist das Metier nicht. Wildpflanzen sind eigen. Auf Dünger stehen sie nicht und manche wollen jahrelang in Ruhe gelassen werden, bevor sie keimen.





