Man weiß zwar, dass es sie gibt – gesehen hat sie aber noch nie jemand: Bahamonde-Schnabelwale waren bisher lediglich aufgrund einiger weniger Schädelfragmente bekannt, die in Neuseeland und Chile gefunden wurden. Doch nun haben Forscher in Neuseeland einen sensationellen Fund gemacht: Erstmals konnten sie zwei vollständige, wenn auch leider tote Exemplare identifizieren. Die beiden Tiere, ein 5,50 Meter langes Weibchen und ihr 3,50 Meter langes männliches Kalb, wurden an einem Strand auf der Nordinsel Neuseelands gefunden. Zunächst wurden sie mit einer anderen Schnabelwal-Art verwechselt, doch die neuseeländische Meeresbiologin Kirsten Thompson und Kollegen konnten durch einen DNA-Test zeigen, dass die beiden Tiere tatsächlich zu den rätselhaften Bahamonde-Schnabelwalen gehören.
Schnabelwale sind wahrscheinlich diejenigen unter den großen Säugetieren, über die man am wenigsten weiß. Von dieser Familie der Zahnwale, die sich durch einen schmalen, schnabelartigen Kiefer auszeichnen, sind zwar immerhin 19 Arten bekannt. Da sie Hochseebewohner sind und sich nur selten in Küstennähe aufhalten, werden sie allerdings kaum beobachtet.
Der Bahamonde-Schnabelwal wurde erst vor wenigen Jahren als eigene Art identifiziert. Die einzigen Hinweise auf seine Existenz waren ein 1872 auf der neuseeländischen Insel Chatham Island gefundener Unterkiefer, ein 1950 vor Neuseeland gefundenes Schädelfragment und ein weiterer, 1986 in Chile entdeckter, teilweise erhaltener Schädel. Eine DNA-Studie hatte 2002 gezeigt, dass all diese Knochen zu der gleichen Art gehörten, die den wissenschaftlichen Namen Mesoplodon traversi erhielt. Doch abgesehen von diesen wenigen Bruchstücken blieb die Art unbekannt.
Wie Thompson und ihre Kollegen nun berichten, ähnelt der Bahamonde-Schnabelwal dem relativ häufigen Camperdown-Wal ( Mesoplodon grayi) äußerlich sehr. Erst die Analyse des Erbgutes brachte Klarheit über die Identität der beiden toten Exemplare. ?Es ist bemerkenswert, dass wir fast nichts über ein derart großes Säugetier wissen?, sagt Co-Autorin Rochelle Constantine von der University of Auckland. Die Forscher vermuten, dass die Art im südlichen Pazifik heimisch ist und häufiger die neuseeländische Bay of Plenty ansteuert, wo vor 140 Jahren der Unterkiefer und jetzt die beiden vollständigen Exemplare gefunden wurden.
Die Gründe für das geringe Wissen über die Meeressäuger sind wahrscheinlich in der Lebensweise der Wale zu suchen: ?Vielleicht sind die Bahamonde-Schnabelwale einfach Lebewesen, die in tiefen Wassern leben und sterben und daher nur selten an die Küste gespült werden?, glaubt Rochelle Constantine. Schnabelwale gelten als hervorragende Taucher. Unter den Säugetieren wagen einzig Pottwale – die allerdings wegen ihres größeren Gewichts mehr Sauerstoff speichern können – noch extremere Tauchgänge: Einige Schnabelwal-Arten können sich bis zu 80 Minuten unter Wasser aufhalten. Tauchtiefen bis 1.900 Meter sind belegt. Vermutlich ernähren sich die Meeressäuger vor allem von Tintenfischen, die sie förmlich in ihr Maul hineinsaugen.
Kirsten Thompson (University of Auckland, Neuseeland) et al.: Current Biology, Bd. 22, Nr 21, R 905 © wissenschaft.de – Ute Kehse





