Im Tierreich gilt: Nur wer einen Partner findet und sich fortpflanzt, kann seine Gene an die nächste Generation weitergeben – und nur der ist im Sinne der Evolution erfolgreich. Um die Dame ihrer Wahl zu bezirzen, legen sich viele männliche Tiere daher mächtig ins Zeug. Sie vollführen Tänze, kämpfen mit Konkurrenten, machen der Umworbenen Geschenke oder stellen ihre optischen Reize zur Schau – zum Beispiel ein prächtiges Federkleid oder ein imposantes Geweih. Bei vielen Arten hat die Natur die Männchen mit solchen besonderen Eigenschaften ausgestattet, um sie für einen potenziellen Partner attraktiv zu machen. Das männliche Geschlecht sieht daher oft anders aus und zeigt andere Verhaltensweisen als das weibliche Pendant. Wissenschaftler nennen diese nicht auf die Geschlechtsorgane bezogenen Unterschiede Sexualdimorphismus.
Der Preis des Luxus
Bei manchen Arten nimmt dieses Phänomen extreme Ausmaße an. Männchen investieren für den Erfolg in Sachen Partnerschau dann einen Energieaufwand, der im Sinne der natürlichen Selektion eigentlich einen klaren Nachteil darstellt. Ein Paradebeispiel für dieses sogenannte Handicap-Prinzip ist das Pfauenrad. Das Zurschaustellen von Luxus kann dem Vogel mit dem besonders großen und schönen Rad kurzfristig Erfolg bescheren. Aber um welchen Preis? Einige Forscher vermuten, dass die für die Sexualwerbung investierte Energie auf Kosten von Ressourcen geht, die die Tiere zum Überleben brauchen – insbesondere dann, wenn sie sich an neue Bedingungen in ihrer Umwelt anpassen müssen. Das würde bedeuten: Spezies mit einem stark ausgeprägten Sexualdimorphismus sind anfälliger dafür auszusterben. Doch stimmt das auch?
Wie die Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen das Überleben einer Art beeinflussen, ist im Nachhinein schwer zu bestimmen. Denn oft lässt sich anhand von Fossilien nicht mehr erkennen, zu welchem Geschlecht ein Exemplar zu Lebzeiten gehörte. Maria João Fernandes Martins vom National Museum of Natural History in Washington und ihre Kollegen haben sich nun einer seltenen Ausnahme gewidmet: den sogenannten Ostrakoden, zu deutsch Muschelkrebse. Vertreter dieser von einer zweiklappigen Schale umhüllten Krebstiere besiedeln unseren Planeten bereits seit fast 500 Millionen Jahren. Während die Männchen typischerweise über eine langgezogene Körper- und Schalenform verfügen, ist die der Weibchen tendenziell kleiner und untersetzter. Für seine Studie untersuchte das Team Gestalt und Größe von 6.000 Ostrakoden-Fossilien, die 93 unterschiedlichen Spezies angehörten und im späten Kreidezeitalter vor 65 bis 85 Millionen Jahren gelebt hatten.
Zehnmal höherer Aussterberate
Die Auswertung zeigte: Manche Arten tauchten immer wieder auf und hatten offenbar während der gesamten 20 Millionen Jahre langen Zeitspanne kontinuierlich existiert. Fossilien anderer Spezies stammten dagegen lediglich aus einem kurzen Zeitraum von wenigen hunderttausend Jahren. Die Langlebigkeit einer Art schien dabei tatsächlich entscheidend von der Ausprägung ihres Sexualdimorphismus abzuhängen: “Wenn Männchen sehr viel größer und länglicher waren als die Weibchen, hatten diese Arten in der fossilen Überlieferung in der Regel nicht lange Bestand”, berichtet Martins Kollege Gene Hunt. “Sie hatten ein höheres Aussterberisiko.” Je deutlicher sich die Geschlechter voneinander unterschieden, desto schneller verschwand eine Spezies demnach. So war die Aussterberate bei den am stärksten dimorphen Ostrakoden bis zu zehnmal höher als bei denen, die am wenigsten geschlechtsspezifische Unterschiede aufwiesen.





