natur: Herr Niggli, wir erreichen Sie in einer Schule. Bis kurz vor unserer Videokonferenz haben Sie dort einen Vortrag zum Nachhaltigkeitsproblem der Welternährung gehalten – das trifft sich gut. Verraten Sie uns doch, in einem Satz: Was ist die Lösung?
Niggli: Wir müssen zu einer suffizienten Ernährungskultur kommen, also unseren Lebensmittelkonsum mäßigen und uns bewusster ernähren. Die Frage, wo wir etwas ändern können in Ernährung und Landwirtschaft, hat auch die Schüler elektrisiert. Sie haben viele Vorschläge gemacht, etwa stärker mit staatlichen Vorschriften zu arbeiten, mit Werbeverboten für Fleisch, aber auch mit Verführung – also zum Beispiel mit einer kreativen veganen Küche.
Schon heute ist die Landwirtschaft nicht nachhaltig – und die Weltbevölkerung wird weiter wachsen. Frau Unmüßig, was wäre aus Ihrer Sicht als Allererstes zu tun?
Unmüßig: Vor allem die globalen Mittel- und Oberschichten ernähren sich übermäßig mit Fleisch, Milchprodukten und Eiern. Die Stellschraube Nummer eins ist, die Fleischproduktion massiv zu reduzieren. Denn wir nutzen 40 Prozent der weltweiten Ackerflächen für Futtermittel. Die zweite Stellschraube ist die Eindämmung der Verschwendung. Mehr als ein Drittel aller Ernten geht verloren, auf den Äckern, beim Transport oder wir schmeißen Nahrungsmittel zuhause in den Müll. Wenn wir diese Fehlentwicklungen stoppen, dann müssen wir nicht – wie oft behauptet – Agrarflächen ausweiten und die Produktivität massiv erhöhen. Wir könnten übrigens heute schon zehn Milliarden ernähren, wenn Nahrung gerechter verteilt wäre.
Allerdings wollen viele Menschen Fleisch essen, das ist Genuss, oft auch Statussymbol. Wollen Sie ihnen das verbieten?
Unmüßig: Es geht definitiv um weniger, nicht um ein Verbot. Da bin ich ganz bei Herrn Niggli: Es geht auch um Suffizienz. Der Umbau unserer Agrar- und Ernährungssysteme muss zudem demokratisch geschehen. Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, wie groß der ökologische Fußabdruck unseres Ernährungsstils ist, über Kampagnen, über Appelle. Falls Aufklärung allein nicht mehr weiterhilft, müssen wir eben auch regulieren.

Fleischkonsum und Verschwendung reduzieren – Herr Niggli, was halten Sie von diesen Stellschrauben?
Niggli: Ich bin da vollständig einverstanden. Das Problem ist aber, dass global gesehen die Tier- und damit auch die Sojaproduktion bislang weiter massiv ansteigt. Das Szenario, das Frau Unmüßig eben schön beschrieben hat, das ist auch mein Plan A: dass wir alle gute, vernünftige Menschen sind und unser Ernährungsverhalten ändern. Aber ich habe auch einen Plan B entwickelt – und mich für den Fall, dass wir eben nicht vernunftbegabte Wesen sind, dass wir auf Bedrohung zu spät reagieren, einem breiteren Innovationsspektrum geöffnet. Nicht nur gegenüber sozialen, ökologischen und institutionellen Innovationen – die in jedem Fall notwendig sind –, sondern auch gegenüber technologischen Innovationen. Wir kommen wohl nicht umhin, uns auch der besten Lösungen aus der Molekularbiologie, der Digitalisierung und der Nanotechnologie zu bedienen.







Barbara Unmüßig, Jahrgang 1956, ist Politologin. Seit 2002 ist sie Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, der parteinahen Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen. 2015 veröffentlichte sie zusammen mit Thomas Fatheuer und Lili Fuhr das Buch „Kritik der Grünen Ökonomie“. Das von der Böll-Stiftung 2019 publizierte Dossier „Neue Gentechnik – Die große Versuchung“ ist 