In Stuttgart-Zuffenhausen eröffnet im September 2026 ein Hallenbad, das man einfach abbauen und an anderer Stelle wieder aufstellen kann. Das umzugsfähige Bad ist eine kleine Sensation im Schwimmbadbau. Es trägt dazu bei, Ressourcen zu schonen und gewährleistet, dass niemand aufs Schwimmen verzichten muss.
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Text: Stephanie Eichler
Joachim Maier führt Besuchergruppen gern zu seinem „Baby“. Zimmerleute auf der Walz sind darunter, Mitarbeitende aus kommunalen Bauämtern, Bauphysikerinnen, Vertreter der Internationalen Bauausstellung. „Viele von ihnen staunen bei uns mit offenem Mund“, sagt der Geschäftsführer des Heidenheimer Betriebs POOL out of the BOX, der die Aquabox, wie das Bad heißt, mitentwickelt hat. Sie ist ein kantiger Bau mit großen Fenstern im Obergeschoss. Die Holzfassade trägt unterschiedliche Grautöne, die sichtbar machen sollen, dass das Bad aus einzelnen Holzmodulen zusammengesetzt ist. Dieses Hallenbad auf einem Platz in Stuttgart-Zuffenhausen, auf dem samstags der Wochenmarkt stattfindet, gilt als Novum in der Branche: Es ist umzugsfähig, trägt dazu bei, klimaschädliches CO2 sowie Müll zu vermeiden und liefert obendrein eine Antwort auf ein drängendes Problem in den Kommunen.
Laut einer Befragung des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) im Auftrag der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) droht in den kommenden drei Jahren rund 800 öffentlichen Schwimmbädern das Aus. Viele Hallenbäder weisen einen „gravierenden“ oder „nennenswerten“ Investitionsrückstand auf, wie aus der Befragung hervorgeht. Schon heute findet an mehr als 20 Prozent der Schulen kein Schwimmunterricht mehr statt. Auch in Stuttgart-Zuffenhausen musste das alte Hallenbad geschlossen werden und die Kommune benötigte plötzlich für 14 Schulen und fünf Vereine eine Ersatzwasserfläche. Ohne ein Interimsbad würden Unterricht und Training mindestens drei Jahre lang ausfallen – so lange, bis das neue Schwimmbad steht. Doch wenn die Aquabox nach den Sommerferien eröffnet, „können Schulkinder hier schwimmen lernen, Babys im Wasser planschen und Senioren ihre Bahnen ziehen. Am Abend werden Vereine trainieren“, sagt Joachim Maier. Er hat den Boden des Beckens so geplant, dass er in einem Teilbereich bis zu einer Wassertiefe von zwei Metern stufenlos verstellbar ist, „um auch den Anforderungen der Wasserball-Vereine zu genügen“, sagt der Geschäftsführer. Viele öffentliche Bäder sind nur 1,8 Meter tief.
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So wie Joachim Maier kommt auch Petra Steiner von 4a Architekten häufig auf die Baustelle. Das Stuttgarter Architekturbüro hat sich auf Schwimmbäder und Thermen spezialisiert und hat nun bei der ersten Aquabox mitgeplant. „Es hat mich beeindruckt, zu sehen, wie schnell der Bau voranging“, erinnert sich Steiner. „Am 03. November 2025 hing hier das erste Holzmodul am Haken eines Krans. Am 19. Dezember waren alle Module gesetzt und das Gebäude bereits überdacht.“ Weil der Bau ebenerdig auf einer Plattform steht, musste keine Grube ausgehoben werden. Das hat nicht nur viel Zeit gespart, sondern auch dazu beigetragen, Müll zu vermeiden, der beim Bodenaushub anfällt. Er besteht zwar meist nur aus Steinen und Erde, aber Letztere ist gerade in Städten oft mit Schwermetallen oder Asbestfasern belastet. Laut Umweltbundesamt wurde Bodenaushub im Jahr 2022 zu knapp 87 Prozent verwertet, doch übrig blieben immer noch 16 Millionen Tonnen schwer entsorgbarer Müll. Das ist mehr als der gesamte Restmüll, der jährlich in den Haushalten Deutschlands anfällt.
Ein weiterer Grund, warum die rückbaubare Schwimmhalle in Zuffenhausen so schnell fertig sein wird: Die Fachleute setzten sie wie aus einem Baukasten aus 46 Holzmodulen zusammen. Diese wurden vorproduziert angeliefert und vor Ort auf zwei Stockwerken verbaut. Ins Erdgeschoss kam die Technik, etwa zur Wasseraufbereitung und zur Lüftung, oben soll geschwommen werden. „Anfang des Jahres wurden die acht vorgefertigten Teile des Edelstahlbeckens zusammengeschweißt“, erläutert Steiner. „Wenn das Bad umzieht, trennen wir die Naht wieder auf und schweißen sie dann beim erneuten Aufbau wieder zu.“
Nichts verschwenden, wieder verwenden
Um zu ermöglichen, dass das gesamte Bad zerstörungsfrei zurückgebaut und ohne Verluste wieder aufgebaut werden kann, musste das Gebäude entsprechend geplant werden. Die Fachleute sahen beispielsweise vor, die Holzmodule mit Metallzapfen zusammenzuhalten, damit sie nicht verklebt werden müssen. Solches Design for Disassembly, übersetzt: rückbaubares Design oder zirkuläres Bauen, spielt in der deutschen Baubranche noch eine viel zu kleine Rolle. Das Umweltbundesamt gibt an, dass etwa 40 Prozent des gesamten Rohstoffverbrauchs in Deutschland für den Bau von Gebäuden und Infrastruktur benötigt werden. „Allein die Herstellung, Verarbeitung und Entsorgung von Baustoffen für Gebäude verursachen bereits acht Prozent der deutschen CO2-Emissionen“, informiert die Deutsche Umwelthilfe.
Rohstoffverbrauch und Emissionen könnten deutlich gesenkt werden, wenn mit mehr Recyclingmaterialien gebaut werden würde. Zurzeit stellen sie nur 13 Prozent der Baustoffe. Die gute Nachricht: Bis 2045 könnten in Deutschland durch ambitionierte Maßnahmen der Kreislaufwirtschaft beim Bauen 60 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente vermieden und 66 Millionen Tonnen Ressourcen eingespart werden, hat die Deutsche Umwelthilfe errechnet. Sie hat einen 10-Punkte-Plan aufgestellt, der zeigt, wie das gelingen kann: Es bräuchte bundesweit verbindliche Reduktionsziele zum Verbrauch an Primärrohstoffen. Zudem sollte bei öffentlichen Bauten schon bei der Planung mitgedacht werden, wie sie weiter- oder umgenutzt werden könnten, wie bei der Aquabox in Stuttgart. Ein wichtiger Baustein sei beispielsweise die Verwendung von Holz als Baumaterial, berichtet Maier auf seinen Führungen. Holz kann über Jahrzehnte wieder verwertet werden, zudem vermeidet der Gebrauch von Holz CO2-Emissionen.
Von der Idee zur Serienreife
Auf die Idee für das umzugsfähige Bad ist Maier zusammen mit seinem Kollegen Marco Lassnig gekommen. Auch das erzählt er seinen Besuchern und Besucherinnen auf der Baustelle. Damals wollte eine dänische Kommune wissen, ob die beiden kurzfristig ein Schwimmbad in einer Tennishalle bauen könnten. In Dänemark sei gesetzlich festgelegt, dass jedes Kind schwimmen lernen muss, deshalb sei ein Ersatzbad geplant gewesen. Dann beschloss die Kommune aber, ihr altes Hallenbad abschnittsweise zu sanieren und aus dem Projekt wurde nichts. Doch Maier und Lassnig wollen dazu beitragen, dass auch in Deutschland jedes Kind schwimmen kann. Ertrinken zählt hierzulande zu den häufigsten nicht natürlichen Todesursachen bei Kindern. Obwohl das dänische Projekt platzte, entwickelten die Kollegen ihre ersten Überlegungen mit Containern als Stützen, einem Ring und darin eingehängtem Edelstahlbecken zum umzugsfähigen Holzmodulbad weiter. Auf diesem Weg wurde 2018 POOL out of the BOX gegründet, mit Maier als Geschäftsführer.
„Holzmodulbau ist längst etabliert und Hallenbäder gibt es schon ewig“, sagt er. „Unser Ziel war, beides zusammenzuführen.“ Damit es gelingt, holt POOL out of the BOX 4a Architekten sowie Spezialisten für Holzbau und Technik mit ins Boot. Inzwischen sind zehn Betriebe beteiligt. „Es sind die Besten der Besten“, sagt er, „im kommunalen Bäderbau kennt man diese Firmen. Deshalb wurden wir von Anfang an ernst genommen.“ Dieser Vertrauensvorschuss sei wichtig, betont Maier, dessen Ziel es ist, das umzugsfähige Holzmodulbad zur Serienreife zu bringen. „Wenn Kommunen auf uns zukommen, möchten wir in der Lage sein, Pläne aus der Schublade zu ziehen, die an die jeweiligen Anforderungen angepasst sind“, erklärt er. So könne er beispielsweise auch Bäder mit kürzeren Bahnen planen oder eine andere Wassertiefe umsetzen.
„Darüber hinaus muss das Hallenbad nicht zwangsläufig ein Ersatzbad sein“, betont Maier, „es kann ganz einfach aufgebaut und dann dauerhaft genutzt werden.“ Auch dann genügt das Bad den Ansprüchen des zirkulären Bauens. Die Holzkonstruktion der Anlage lässt sich am Ende der Nutzungsdauer von rund 40 Jahren, die auch bei herkömmlichen Schwimmbädern üblich ist, recyceln. Das Edelstahlbecken kann eingeschmolzen und vollständig wiederverwertet werden.
Kostengünstig und innovativ
Maier nimmt Verwaltungsmitarbeitende gern mit auf die Baustelle. Anfangs seien viele skeptisch und möchten sich lieber auf Zertifikate und lang erprobte Verfahren verlassen. Doch dann ändere sich diese Haltung. Wer die Lösungen vor Ort anschauen kann, gewinne Vertrauen. „Wenn man beim Bäderbetrieb auf aufgeschlossene Menschen trifft, ist das ein großer Vorteil“, findet Maier. Einen solchen Partner fand er in Detlef Szlamma von den Stuttgarter Bädern. „Wir hätten eigentlich drei Ersatzneubauten an unterschiedlichen Standorten gebraucht“, sagt Szlamma. „Die Aquabox erfüllt diese Anforderungen mit einem einzigen Bau.“ Wenn das Holzbad in Zuffenhausen nicht mehr gebraucht wird, soll es zerlegt werden und nach Stuttgart-Möhringen umziehen. Dort muss das nächste Hallenbad ersetzt werden. Auch ein zweiter Umzug innerhalb der Stadt ist schon fest eingeplant. In Untertürkheim wird ebenfalls ein neues Bad benötigt, es wird voraussichtlich die Endstation der Aquabox sein. Sie kostet 15,1 Millionen Euro, hinzu kommen vier Millionen für den ersten Umzug. Doch Szlamma betont: „Dieses Holzbad ist ein Schnäppchen.“ Ein neues Hallenbad in üblicher Bauweise für Untertürkheim hätte allein schon rund 30 Millionen Euro gekostet.
Und wie groß schätzt Szlamma das Risiko ein, dass bei dem Pilotprojekt etwas schiefläuft? „Die kritischen Meilensteine konnten relativ gering gehalten werden. Das lag zum einen am hohen Vorfertigungsgrad im Werk, zum anderen am Generalübernehmer-Verfahren“, sagt er. Das heißt, Maiers Unternehmen übernahm als zentraler Ansprechpartner die komplette Planung und Ausführung, koordinierte alle Projektpartner und trägt die Gesamtverantwortung. Solch ein Modell gilt als „Rundum-sorglos-Paket“, bei dem der Generalübernehmer auch für Fehler von Subunternehmen haftet.
Kürzlich wurde das Interimsbad durch die Internationale Bauausstellung, die 2027 in Stuttgart stattfinden soll, vom Netzwerkprojekt der iba’27 in den Adelsstand eines iba’27-Projektes gehoben. „Der Intendant Andreas Hofer besuchte die Baustelle und ließ sich von mir über die Anlage führen“, erzählt Joachim Maier. „Danach kam der Vorschlag und dann der Beschluss.“ Im März 2026 wurde die Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Dass die Aquabox somit offiziell als „leuchtturmartiges“ Vorhaben für die Stadtentwicklung gilt, ist für den Planer eine besondere Auszeichnung. //
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