Im Juli gab es dieses Jahr den ersten Hurrikan-Alarm. Florida hatte es schon im Sommer 2004 hart getroffen: Vier Tropenstürme innerhalb von sechs Wochen. Obwohl Experten den Weg der Hurrikane immer genauer vorhersagen können, fragen sie: Wie soll das weitergehen?
A. Barry Damiano ist kein Cowboy und schon gar kein Held, darauf legt er großen Wert. Sein Arbeitsplatz befindet sich an Bord eines Spezialflugzeugs: einer Lockheed WP-3D Orion, Baujahr 1979. Mit einem 20-köpfigen Team aus Piloten, Bordingenieuren und Wissenschaftlern fliegt er quer durch die stärksten Stürme der Welt. Er ist von Beruf Hurrikan-Jäger, angestellt am amerikanischen Atmosphärenforschungszentrum NOAA.
220-mal hat Damiano in den letzten 18 Jahren das Auge eines Sturms durchquert. Dabei hat er spektakuläre Naturschauspiele beobachtet, aber auch so manche Schrecksekunde erlebt. 1989 waren die Turbulenzen inmitten von Hurrikan Hugo so gewaltig, dass die Maschine außer Kontrolle geriet und die Piloten sie erst 270 Meter über dem Meer wieder in den Griff bekamen. Doch davon erzählt Damiano nicht besonders gern: „Je älter ich werde, desto weniger mag ich das Risiko.”
Technische Fragen hingegen erläutert der studierte Meteorologe ausführlich. Zum Beispiel, dass für den Antrieb des Flugzeugs nur Propeller in Frage kommen, weil Turbinen mit Verzögerung auf die Befehle aus dem Cockpit reagieren. Außerdem vertragen Propeller die extremen Regenfälle besser. Drei Leute braucht es, um die Maschine in einem Hurrikan auf Kurs zu halten: Zwei Piloten, die sich am Steuer festkrallen und einen Flugingenieur, der hinter ihnen sitzt und über zwei lange Hebel regelt, wie viel Schub die vier Propeller des Flugzeugs geben.
Auf dem Weg durch den Hurrikan werfen Damiano und seine Kollegen in regelmäßigen Abständen Sonden ab. Diese senden Messdaten an das Flugzeug – aus verschiedenen Höhen: Temperatur, Windgeschwindigkeit und Luftdruck sowie schließlich die Wassertemperatur des Ozeans. Mit jeder Sonde erfahren die Sturmforscher ein wenig mehr über den Hurrikan: Wie schnell er sich dreht, wohin er sich bewegt, wie viel Energie er in Form von Wasserdampf aus dem Ozean aufnimmt.
„Die Menschen daheim erwarten sichere Vorhersagen, und wir liefern die Grundlage dafür”, sagt Damiano betont nüchtern. Den Naturgewalten will er nicht als Abenteurer, sondern als Wissenschaftler begegnen.
Die Daten der Hurrikan-Jäger werden am National Hurricane Center in Miami verarbeitet, einem Bunker mit zwei dicken Mauern aus Stahlbeton und schweren Metalltüren, die bei einer Sturmflut das Wasser abhalten sollen. In einem großen abgedunkelten Raum mit langen Monitorreihen rollt hier Jack Beven nervös auf einem Bürostuhl zwischen zwei Computern hin und her. Auf dem einen lässt er sich Satellitenbilder anzeigen, auf dem anderen nutzt er eine Datenbank mit allen verfügbaren Informationen über aktuelle und vergangene Tropenstürme. Bevens Aufgabe ist es, Antworten auf die beiden entscheidenden Fragen zu geben: Welchen Weg wird der Hurrikan nehmen? Und: Wie stark wird er sein, wenn er über Land zieht?
In den vergangenen Jahren hat sich die Qualität der Hurrikan-Vorhersagen deutlich verbessert. „Unsere Fünf-Tages-Vorhersagen sind heute so gut wie die Drei-Tages-Vorhersagen vor 20 Jahren”, betont Beven. Trotzdem ist er noch weit davon entfernt, den exakten Weg des Sturms einige Tage im Voraus bestimmen zu können. Nicht immer liefern die verschiedenen Hurrikan-Computersimulationen, die er verwendet, ein eindeutiges Bild. Beven: „Wenn die Modelle unterschiedliche Vorhersagen machen, kommt es nach wie vor auf unsere Erfahrung und Intuition an. Ich lerne mit jedem Sturm dazu.”
Am 13. August 2004 erteilte der Hurrikan Charley Jack Beven eine Lektion. Der Sturm hatte sich als Hurrikan der Kategorie 2 (siehe Kasten „Die Saffin-Simpson-Hurrikanskala”) gemächlich durch den Golf von Mexiko geschraubt, und alles deutete darauf hin, dass er über die Stadt Tampa an der Westküste Floridas ziehen würde. Dann drehte er plötzlich mächtig auf. Der Luftdruck in seinem Auge fiel drastisch ab. Der Wind, der sich um diese Zone herum bewegte, wirbelte rasend schnell. Innerhalb von nur fünf Stunden verwandelte sich Charley zu einem Sturm der Kategorie 4, änderte seinen Kurs und schlug weiter südlich ein als erwartet.
Jack Beven und seine Kollegen haben im vergangenen Jahr viel Kritik einstecken müssen, weil sie Charleys Weg nicht ganz richtig eingeschätzt hatten. Im Fernsehen hatten sie eine Landkarte mit einer roten Linie gezeigt, die Charleys Route beschreiben sollte. „Das aber war nur der wahrscheinlichste Weg – natürlich waren da Abweichungen möglich”, verteidigt sich Beven. Tatsächlich handelte es sich hier weniger um einen wissenschaftlichen Fehler als um ein Kommunikationsproblem. In Zukunft wollen die Meteorologen der Bevölkerung keine roten Linien mehr zeigen, sondern nur noch so genannte Unsicherheits-Kegel, also bestimmte Zonen, die ein Hurrikan mit hoher Wahrscheinlichkeit treffen wird.
Von Charley hat Jack Beven vor allem eines gelernt: Auch wenn er in seiner Wetterzentrale mit immer größeren Computern die Natur der Stürme von Jahr zu Jahr besser versteht, bleibt eine Restunsicherheit. „Ich habe schon viele Hurrikane gesehen, aber Charley hat mir wirklich Angst gemacht.”
Wirklich Angst hatte auch Frank Morgan, als plötzlich das Wasser aus den Deckenlampen und Steckdosen kam, das Dach seines Hauses wegflog und sich sein Pick-Up-Truck vor der Tür überschlug, als wäre er ein Spielzeugauto. Nur zwei Stunden zuvor hatte Morgan erfahren, dass Charleys Auge über seine Heimatstadt Arcadia wandern würde. Er hatte gerade noch genug Zeit gehabt, um seine Gartenmöbel in den leeren Swimmingpool zu werfen und seine beiden Töchter mit einer Matratze in die Badewanne zu setzten. Seine Fenster aber konnte er nicht mehr schützen, weil er an seinem Haus keine Fensterläden angebracht hatte. Ein tragisches Versäumnis, wie sich bald zeigte.
„Bei Windgeschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern kann es leicht passieren, dass ein Gegenstand in ein Fenster fliegt und es zerbricht”, erklärt der Meteorologe Hugh Willoughby vom International Hurricane Research Center (IHRC) an der Unversität Miami. „Im Innern des Hauses baut sich dann ein starker Druck auf, und der Wind, der übers Dach weht, zieht es nach oben wie einen Flugzeugflügel.”
Ein Jahr nach Charley ist das Stadtbild von Arcadia noch immer von blauen Planen gezeichnet, die man nach dem Sturm über die offenen Häuser gezogen hat. „Viele Leute kaufen jetzt Metalldächer, auch wenn die etwas teurer sind”, meint Ariel Holstrum, eine Kassiererin des florierenden Baumarkts in Arcadia. Der Hurrikan-Experte Stephen Leatherman vom IHRC hält das für eine gute Wahl: „Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass Dächer aus Metall, die gut festgeschraubt sind, nicht so leicht vom Wind aufgerissen werden wie Schindeldächer.” Besonders gefährlich sind Dachziegel, die nicht richtig befestigt sind. Der Hurrikan macht aus ihnen tödliche Geschosse.
Den größten Schaden aber richten die extremen Niederschläge an. Das Wasser dringt in die Wände der Gebäude ein. Oft bildet sich nach kurzer Zeit schwarzer, übel riechender Schimmel. Viele Häuser müssen am Ende komplett abgerissen werden.
Viele Einwohner von Arcadia, die ihre Häuser aufgeben mussten, leben jetzt einige Kilometer außerhalb der Kleinstadt in einem Park, den die Federal Emergency Management Agency eingerichtet hat, die Bundesbehörde, die für die Unterstützung nach Katastrophen zuständig ist. Auf einem freien Feld hat man hier weißen Kies ausgestreut und darauf mehrere Dutzend ebenfalls weiße Wohn-Container gestellt, gleichmäßig augereiht wie in einer Kaserne. Auf den Wegen dazwischen schieben viele alte Menschen ihre Geh-Hilfen umher. Nicht wenige von ihnen waren einmal aus dem Norden der USA nach Florida gekommen, um einen angenehmen Lebensabend in der Sonne zu verbringen. Weil die Immobilienpreise in Florida hoch sind, konnten sie sich hier nur sehr einfache Häuser kaufen. Jetzt haben sie auch diese verloren.
Zum Container, in dem die 73-jährige Cheryl Smith wohnt, führt eine lange Rampe aus Holz, so dass sie mit ihrem Rollstuhl hinauf fahren kann. Weil sie allein lebt, stehen ihr 20 Quadratmeter zur Verfügung: eine Küchenzeile, ein Bett, ein Fernseher. „Es ist schon sehr anders als das, was ich gewohnt war”, sagt sie. „Aber ich bin dankbar, dass ich eine Bleibe habe.”
In der Tat hat die US-Regierung hier etwas geschafft, was in vielen anderen von Naturkatastrophen betroffenen Ländern nicht gelingt: Sie hat die Menschen mit dem Nötigsten versorgt. Florida ist zu einem Testfall dafür geworden, wie reiche Länder mit immer bedrohlicheren Naturkatastrophen fertig werden.
Ziel des Krisenmanagements ist es, nach einem Hurrikan möglichst bald wieder zu einem geordneten öffentlichen Leben zurückkehren zu können und so den volkswirtschaftlichen Schaden gering zu halten. „Das ist nur möglich, wenn bereits vor der Katastrophe ein Aktionsplan erarbeitet wurde und dieser im Ernstfall auf allen Ebenen kommuniziert und umgesetzt wird”, betont der Epidemiologe Tom Mason von der Universität Tampa, der das Militär und andere Organisationen beim Management von Hilfseinsätzen berät. Doch die Kommunikation ist ein Problem, wenn das Stromnetz und auch der Mobilfunk ausgefallen sind. Nach Charley wurden Amateurfunker eingeflogen, um es den Hilfskräften zu ermöglichten, ihre Aktivitäten zu koordinieren.
Ein großes Hindernis auf dem Weg zurück zum Alltag sind auch Ampeln ohne Strom, die für verstopfte Straßen sorgen. Die Straßenbaubehörden hatten zwar an wichtigen Kreuzungen Notstromgeneratoren installiert, aber die wurden nachts gestohlen – von Leuten, die Strom für ihre Häuser haben wollten. Der Verkehrsexperte Larry Hagen von der Universität Tampa will nun möglichst bald neue stromsparende LED-Ampeln einführen, die eine Weile auch mit Batterien betrieben werden können.
Langfristig setzen die US-Behörden vor allem auf Information und Ausbildung der Bevölkerung. Jeden Frühsommer wird eine Hurrikan-Vorbereitungswoche ausgerufen, in der jede Familie einen privaten Katastrophenplan erstellen soll. Der Hurrikan-Jäger A. Barry Damiano landet zu Informationstagen mit seinem Flugzeug auf Provinzflughäfen. Lehrer erklären Schülern bereits in den ersten Klassen, dass sie bei der Hurrikan-Vorbereitung Verantwortung übernehmen müssen.
Viele gut vorbereitete Aktionspläne scheiterten jedoch, als im vergangenen Sommer auf Charley drei weitere Hurrikane folgten: am 5., 16., und 25. September landeten Frances, Ivan und Jeanne an der Küste. Kaum hatten sich die Hilfsorganisationen an einem Ort organisiert, mussten sie am anderen Ende des Bundesstaates wieder von vorn anfangen.
Als „Katastrophe in der Katastrophe” bezeichnet es Tom Mason, dass viele nicht wussten, wo und wie sie hätten Hilfe anfordern können. So hätten schneller neue Wasseraufbereitungsanlagen und -leitungen gelegt werden können, wenn die entsprechenden Spezialisten aus anderen Teilen der USA sofort informiert worden wären. „Wir sind überwältigt worden. Aber wir müssen aus diesen Ereignissen für die Zukunft lernen.”
Als Hurrikan Ivan den Norden Floridas traf, wurde deutlich, wie verschiedenartig die stärksten unter den Hurrikanen ausfallen können. Charley war sehr schnell übers Land gezogen, hatte nur in einem sehr begrenzten Korridor Verwüstungen angerichtet und wider Erwarten keine große Flutwelle losgetreten. Ivan hingegen traf auf breiter Front auf Küstengebiete im Norden Floridas und schob eine drei Meter hohe Schicht aus Wasser vor sich her.
Die Flutwelle brachte fünfstöckige Gebäude an der Küste zum Einsturz. Das gab es in der Geschichte der USA davor noch nie. Der Ozeanograph Abby Sallenger und seine Kollegen vom amerikanischen geologischen Dienst, dem US Geological Survey, flogen mit einem Forschungsflugzeug vor und nach den Hurrikanen die Küsten ab und dokumentierten die Entwicklung mit einer großen Anzahl von Fotos. Sie untersuchen nun, in welchen Regionen und unter welchen meteorologischen und geographischen Bedingungen die Häuser zerstört wurden.
„Die Bilder sind schockierend, aber für uns Wissenschaftler sehr nützlich”, erklärt Sallenger. Neben der Fotokamera nutzt er auch ein spezielles Laser-Scanverfahren namens LIDAR. Mit ihm lassen sich präzise Höhenprofile der Strände, Häuser und vorgelagerten Inseln aufnehmen. Weil er mit dieser Technik die Topographie der Küsten genau ermittelt, kann Sallenger inzwischen vorhersagen, welche Teile der Küste eine Flutwelle unter Wasser setzen wird, welche Inseln überschwemmt werden und wo vermutlich der größte Schaden entstehen wird. „Bei Ivan haben wir das erstmals recht gut abschätzen können.”
Besonders aufschlussreich war für Sallenger auch Hurrikan Jeanne. Der Sturm hatte exakt dieselbe Region getroffen wie zwei Wochen zuvor Hurrikan Frances. Besitzer von Strandhäusern, die glaubten, nach dem ersten Sturm mit dem Schrecken davon gekommen zu sein, fanden nach dem zweiten ihr Haus nicht mehr: Die von Frances erzeugte Flutwelle hatte den Boden aufgelöst und weggespült und die Fundamente der Häuser geschwächt, so dass Jeanne leichtes Spiel hatte.
Obwohl immer mehr Menschen am Strand leben, kamen in Florida in den letzten Jahren nicht mehr durch Hurrikane ums Leben als früher. Die Wettervorhersagen und Warnsysteme sind besser geworden, und die meisten Leute an der Küste befolgen die goldene Regel: „Verstecke dich vor dem Wind – aber flüchte vor der Flut.” Nur 117 Menschen sind in Florida durch die vier Hurrikane der Saison 2004 ums Leben gekommen.
„Wer heute in einem Hurrikan stirbt, der hat extrem großes Pech oder ist leichtfertig ein Risiko eingegangen”, erklärt Hugh Willoughby. Er hat die Statistiken der letzten Jahrzehnte analysiert und bemerkt, „dass erstaunlich viele Kinder in den Sturmfluten ertranken”. Offenbar lassen immer noch einige Eltern ihre Kinder im Wasser spielen, wenn ein Hurrikan naht. Außerdem ertrinken deutlich weniger Menschen in ihren Häusern als in ihren Autos. „Die Leute haben sich ein Sports-Utility-Vehicle für 50 000 Dollar gekauft, einen Freizeit-Geländewagen, und glauben, dass sie sich von einem Sturm nicht aufhalten lassen müssen.”
Sieht man von diesen Fällen ab, bedeuten Hurrikane in Florida heute einen gewaltigen Sachschaden. 44 Milliarden Dollar waren es in der vergangenen Saison, etwa die Hälfte dieser Summe war durch Versicherungen gedeckt. Die Gefahr schreckt die meisten wohlhabenden Einwohner Floridas aber nicht. Sie bauen immer mehr Häuser am Strand, obwohl die Grundstückspreise und die Versicherungsprämien hier extrem hoch sind. Und sie stellen sich darauf ein, ihre Strandresidenz ein zweites oder drittes Mal neu zu errichten.
Gerhard Berz, Geo-Risikoexperte der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, fragt sich, wie die Entwicklung weitergehen wird. „Bislang galt Hurrikan Andrew aus dem Jahr 1992 immer als so etwas wie ein Worst-Case-Szenario. Nun müssen wir umlernen: Über einzelne lokal begrenzte Großereignisse hinaus können wir es mit einer ganzen Katastrophen-Saison zu tun bekommen.”
Weltweit haben Zahl und Intensität der Hurrikan- und Taifun-Treffer im Jahr 2004 Rekordwerte erreicht. Japan wurde im vergangenen Jahr zehnmal heimgesucht. Allein der Taifun Tokage kostete 80 Menschen das Leben und brachte 1,4 Milliarden Dollar Sachschaden. Durch den Hurrikan Jeanne starben in Haiti etwa 3000 Menschen durch sintflutgleiche Regenfälle und Überschwemmungen – die Höhe des Sachschadens ist nicht bekannt und lässt sich mangels Versicherungen auch nicht realistisch angeben.
Über Florida waren noch nie vier Hurrikane in einer Saison hinweggefegt, lediglich in den Jahren 1960 und 1896 waren es jeweils drei auf einmal. Ist es möglich, dass die Stürme immer häufiger, größer und vernichtender werden? Welche Rolle spielt dabei der Treibhauseffekt? Markiert diese Saison gar den Beginn einer drastischen Klimaveränderung der Erde?
Fragt man die amerikanischen Hurrikan-Experten, so verweisen sie zunächst darauf, dass sich im Atlantik ein natürlicher Zyklus beobachten lässt, der 25 Jahre lang starke Hurrikan-Aktivität bringt, gefolgt von einer gleich langen schwachen Periode. Derzeit befinden wir uns in einer aktiven Phase, die Anfang der Neunzigerjahre begonnen hat. Dieser Zyklus hängt vermutlich mit einer Strömung im Atlantischen Ozean zusammen, über die warmes Wasser nach Norden gelangt, wo es, aufgrund seines hohen Salzgehaltes, in die Tiefe sinkt und dann zurück nach Süden strömt. Je schneller diese Strömung ist, desto häufiger entstehen Windbedingungen, die günstig sind für die Bildung von Hurrikanen.
Auch das Klimaphänomen El Niño hat offenbar einen deutlichen Einfluss. In Jahren, in denen die warme Strömung über den Ost-Pazifik zieht, bilden sich weniger Hurrikane über dem Atlantik. Welche Wirkung aber eine erhöhte globale Temperatur auf das Zusammenspiel von El Niño und Tropenstürmen weltweit hat, ist noch umstritten.
Fest steht, dass schon eine geringfügige Erhöhung der Temperatur der Meeresoberfläche und der Atmosphäre einen unmittelbaren Einfluss auf die Bildung von Hurrikanen hat. Je wärmer der Atlantische Ozean wird, desto mehr Energie kann er den Hurrikanen bereitstellen und desto gewaltiger können die Stürme werden. Eine Temperaturerhöhung um drei Grad Celsius – ein durchaus realistischer Wert für die nächsten 100 Jahre – bei einer Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent würde bedeuten, dass die Luft über dem Meer 20 Prozent mehr Energie in Form von Wasserdampf speichern kann.
„Derzeit dominiert noch der natürliche Zyklus”, meint Hugh Willoughby. „Aber wir Experten sind uns einig, dass in den nächsten 100 Jahren, wenn noch viel mehr Kohlendioxid in der Luft ist, der Einfluss des Treibhauseffektes deutlich stärker wird.”
Alarmierend sind die Ergebnisse einer Computersimulation von Tom Knutson und Bob Tuleya vom NOAA. Sie gaben den gegenwärtigen Hurrikan-Computersimulationen der Meteorologen eine verdoppelte Kohlendioxid-Menge in die Atmosphäre vor. Das Ergebnis der Modellrechnungen: Der Treibhauseffekt hat keinen Einfluss auf die Zahl der großen Stürme, wohl aber auf ihre Intensität. Die mächtigen Hurrikane wie Charley, Ivan und Jeanne würden noch mächtiger ausfallen und noch stärkere Niederschläge bringen. Stürme der höchsten Kategorie 5 wären demnach keine Seltenheit mehr.
Für Sommer und Herbst 2005 haben die Meteorologen angekündigt, dass erneut eine ungewöhnlich intensive Saison kommen werde. Neun Hurrikane könnten sich dieses Mal über dem Atlantik bilden, heißt es in einer Mitteilung des National Hurricane Center. Welchen Weg die Stürme genau nehmen würden, ist dabei ungewiss. Dass die Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigte sich bereits im Juli: Hurrikan Emily suchte als Sturm der Kategorie 4 Mexiko heim. Zuvor fegte Hurrikan Dennis (Kategorie 3) über Haiti und Kuba, tötete mindestens 30 Menschen, und traf dann Florida fast genau dort, wo Ivan ein Jahr zuvor gewütet hatte. Dennis und Emily waren die stärksten Stürme so früh in der Saison, seit es Aufzeichnungen gibt, das heißt seit 1851. ■
Dr. JAN LUBLINSKI, freier Wissenschaftsjournalist in Köln, möchte in seinem Florida-Urlaub auf keinen Hurrikan treffen.
Jan Lublinski
Ohne Titel
Kategorie und Windgeschwindigkeit (Kilometer pro Stunde)
1 schwach 118–153
2 mäßig 154–177
3 stark 178–209
4 sehr stark 210–249
5 verwüstend mehr als 250
COMMUNITY Lesen
Inge Niedek, Harald Frater (Hrsg.)
Naturkatastrophen
Springer, Berlin 2004, € 25,15
Dieter Walch, Harald Frater (Hrsg.)
Wetter und Klima
Springer, Berlin 2004, € 29,95
Hartmut Grassl u. a.
Wetterkatastrophen und Klimawandel
Pg-Verlag, München 2005, € 29,90
Internet
Aktuelle Informationen vom National Hurricane Center, vom International Hurricane Research Center in Miami sowie vom amerikanischen geologischen Dienst:
www.nhc.noaa.gov/
www.ihc.fiu.edu/
coastal.er.usgs.gov/
Die Münchener Rückversicherungs- Gesellschaft bietet vielfältige Informationen über Naturkatastrophen weltweit:
www.munichre.com/
Ohne Titel
• Die Hurrikan-Vorhersage hat sich über die Jahre wesentlich verbessert. Trotzdem brechen die Wirbelstürme immer wieder unerwartet herein.
• Experten gehen davon aus, dass Anfang der Neunzigerjahre eine 25-jährige Periode begonnen hat, in der es zu besonders vielen und besonders heftigen Hurrikanen über dem Atlantik kommt.
• Der Treibhauseffekt könnte dafür sorgen, dass die großen Tropenstürme noch größer werden.
Ohne Titel
Ein tropischer wirbelsturm, auch tropischer Zyklon genannt, entwickelt sich aus Ansammlungen von Gewitterwolken. Vom warmen Ozean steigt feuchte Luft auf und kondensiert in höheren Schichten. Ein Zentrum mit niedri- gem Luftdruck bildet sich und saugt immer mehr warme, feuchte Luft an.
Dieser Prozess kämen schnell zum Erliegen, wenn der Wirbelsturm sich nicht auch noch drehen würde. Die Rotation erzeugt das Auge des Sturms und sorgt dafür, dass die Luft über dem Meer heranströmt und sich im zentralen Wolkenwall um das Auge („Augenwand”) nach oben schraubt. In 15 bis 20 Kilometer Höhe bilden sich mächtige spiralförmige Wolkenformationen, die nach außen wandern. Das Auge hat einen Durchmesser von 15 bis 50 Kilometern, der gesamte Strudel des Hurrikans misst 1000 Kilometer und mehr.
Außerhalb der Augenwand zwischen zylinderförmigen Wolkenmassen („Regenbändern”) sinkt die Luft wieder nach unten. Unter den Wolkenbändern fällt sintflutartiger Regen, auch in größerer Höhe regnet es, manchmal schneit es sogar.
Die Rotation des Sturms wird durch die Coriolis-Kraft verursacht, eine ablenkende Kraft der Erdrotation. Stürme auf der Nordhalbkugel drehen sich durch sie entgegen dem Uhrzeigersinn, auf der Südhalbkugel mit dem Uhrzeigersinn.
Die Windgeschwindigkeiten können über 200 Kilometer pro Stunde betragen. Oberhalb von 117 Kilometer pro Stunde spricht man auch von einem tropischen Orkan. Im Atlantik und im Nord-Pazifik, östlich der Datumsgrenze, wird ein solcher Sturm Hurrikan genannt, westlich der Datumsgrenze im Nord-Pazifik Taifun, im Süd-Pazifik und im Indischen Ozean Zyklon.
Innerhalb dieser Stürme können Tornados auftreten, kleinräumige Luftwirbel, die sich in Gewittern ausbilden.
Die Wirbelstürme schwächen sich ab, wenn sie über Land oder über kaltes Wasser rasen oder auf trockene Luftmassen treffen.





