Forscher um Ramon Luengo-Fernandez von der University of Oxford haben nun die erste umfassende Berechnung aller wirtschaftlichen Kosten aufgestellt, die Krebserkrankungen in den 27 Mitgliedsstaaten der EU verursachen. Für das Jahr 2009 kommen sie auf eine Gesamtsumme von 126 Milliarden Euro. Das entspricht 102 Euro pro Einwohner. 51 Milliarden Euro entfielen dabei auf Ausgaben für die Behandlung – Medikamente, Krankenhausaufenthalte, Arztbesuche. 52 Milliarden Euro entgingen der Wirtschaft, weil Arbeitnehmer krankgeschrieben waren oder starben. 23 Milliarden Euro entfielen schließlich auf die unbezahlten Arbeitsstunden, die Freunde und Familie bei der Pflege der Kranken leisteten. Lungenkrebs verringerte die Arbeitsleistung der Kranken am deutlichsten; Brustkrebs verursachte die höchsten Ausgaben für Medikamente.
Der interessanteste Aspekt der Studie sind jedoch die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Mit 35 Milliarden Euro liegen die Gesamtkosten in Deutschland so hoch wie in keinem anderen Land. Bei den Ausgaben pro Bürger liegen wir mit 182 Euro hinter Luxemburg auf Platz Zwei. Schlusslicht ist Bulgarien mit 16 Euro pro Kopf. „Der wichtigste Treiber der Kosten, die Krebserkrankungen verursachen, ist der Wohlstand einer Nation”, erklärt Luengo-Fernandez. „Reichere Länder neigen dazu, mehr für ihr Gesundheitssystem und damit für die Behandlung von Krebs auszugeben – sowohl im Ganzen, als auch anteilig am Bruttosozialprodukt”.
Dringend gesucht: Verlässliche Daten
Auch die Kosten für Medikamente spielen eine Rolle, ebenso wie die Anzahl der Tage, die Patienten im Krankenhaus verbringen – ein Wert, der in Deutschland besonders hoch ist. „Wir können nicht alle Muster erklären, die wir gefunden haben”, räumen die Forscher in der Studie ein, die in der Fachzeitschrift „The Lancet Oncology” erschienen ist. Weitere Untersuchungen seien nötig, um die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern zu erklären. Die Erkenntnisse sollen Politikern und Behörden helfen, ihr Geld im Kampf gegen den Krebs möglichst sinnvoll zu investieren. Einfach mehr Geld ins System zu pumpen ist jedenfalls nicht die Lösung. Zwar fanden die Forscher in ihrer Studie einen Zusammenhang zwischen höheren Ausgaben und verringerter Sterblichkeit, er war jedoch nicht signifikant. Gary Lyman von der Duke University betont in einem Kommentar zur Studie: „Belastbare Daten dazu, dass bei Krebserkrankungen eine Steigerung der Ausgaben zu verbesserten Ergebnissen führt, fehlen weiterhin.”





