Ein bereits zugelassenes Krebsmedikament hat sich in Tierversuchen als wirksam gegen die Symptome von Alzheimer erwiesen: US-Forscher konnten mit dem Wirkstoff die typischen krankhaften Veränderungen im Gehirn sowie Verhaltensstörungen bei Mäusen reduzieren, die an einer alzheimerähnlichen Krankheit leiden. Ob sich die Ergebnisse auch auf den Menschen übertragen lassen, müssen nun allerdings erst weitere Untersuchungen zeigen.
Der Fall Rudi Assauer hat die heimliche Volkskrankheit Alzheimer wieder ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerückt: Der Ex-Manager von Schalke 04 präsentierte schonungslos seinen Zustand im deutschen Fernsehen und machte die teils erschreckenden Auswirkungen der Demenzerkrankung unmissverständlich klar. Assauer ist beispielsweise nicht mehr in der Lage, dem Zifferblatt einer Uhr Zahlen zuzuordnen, und er vergisst sogar den Namen seiner Tochter. So wie ihm geht es rund 1,3 Millionen Alzheimer-Patienten in Deutschland. Weltweit suchen Forschergruppen schon seit einiger Zeit nach einem Mittel gegen die neurodegenerative Erkrankung ? bislang ohne großen Erfolg. Die aktuellen Ergebnisse des Teams um Paige Cramer von der Case Western Reserve School of Medicine in Cleveland geben nun möglicherweise Anlass zur Hoffnung.
Für ihre Studie nutzten die Forscher eine extra für die Alzheimerforschung entwickelte Zuchtlinie genetisch veränderter Mäuse. In den Gehirnen der Nager bilden sich die für Alzheimer typischen Eiweiß-Ablagerungen, die sogenannten Plaques aus Beta-Amyloid, die nach der gängigen Theorie die Ursache für einen fortschreitenden Verlust von Nervenfunktionen sind. Ähnlich wie beim Menschen leiden auch die Tiere in der Folge unter Gedächtnisstörungen und sind nicht mehr zu normalen Verhaltensweisen in der Lage, beispielsweise zum Nestbau. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung bilden sich die Plaques nicht durch eine Überproduktion der verantwortlichen Beta-Amyloid-Proteine, sondern durch deren unzureichende Beseitigung. Cramer und ihren Kollegen war zu Studienbeginn bekannt, dass der Wirkstoff Bexaroten bestimmte Eiweißstoffe aktiviert, die an Abbaufunktionen beteiligt sind. Wie die Ergebnisse nun nahelegen, kann Bexaroten auf diese Weise offenbar tatsächlich auch der ?Müllabfuhr? in den Nervenzellen des Gehirns auf die Sprünge helfen.
Behandelte Mäuse können wieder Nester bauen
Nachdem sie die Mäuse zwei Wochen lang mit Bexaroten behandelt hatten, seien 75 Prozent der Plaques verschwunden, berichten die Wissenschaftler. Sogar schon nach wenigen Stunden sei der Abbau der Amyloid-Plaques zu beobachten gewesen. Diese Wirkung spiegelte sich auch im Verhalten der Tiere wider, wie anschließende Experimente zeigten: Die behandelten Mäuse schnitten wieder besser in Lern- und Gedächtnistests ab und konnten bereits 72 Stunden nach der ersten Behandlung wieder ein Nest bauen. Eine ähnlich schnelle und effektive Wirkung habe bisher noch kein Alzheimer-Mittel gezeigt:?Bisher benötigten die besten vorhandenen Behandlungen von Alzheimer bei Mäusen mehrere Monate, um die Ablagerungen im Gehirn zu reduzieren?, sagt Paige Cramer.
Noch ist allerdings nicht klar, ob Bexaroten beim Menschen ähnlich effektiv gegen Alzheimer wirkt wie im Mausmodell. Vermutlich können Versuche am Menschen aber schon bald beginnen, da der Wirkstoff bereits als Mittel gegen bestimmte Formen von Lymphdrüsenkrebs zugelassen ist. Es gilt bislang als ein Medikament mit gutem Sicherheits- und Nebenwirkungs-Profil, sagen die Forscher.
Paige Cramer (Case Western Reserve School of Medicine in Cleveland) et al.: Science, doi: 10.1126/science.1217697 © wissenschaft.de ? Martin Vieweg Mehr zum Thema Alzheimer finden Sie in unserem Archiv unter folgenden Links: Senioren in der Muckibude, Ausgabe 12/2011 Blaualgen gegen Alzheimer , Ausgabe 11/2011 Zur Alzheimer-Diagnose: Immer der Nase nach!, Online (11/2011) Frühe Alzheimer-Diagnose, Ausgabe 9/2011 Braaks fataler Verdacht, Ausgabe 6/2011 Eine ganz seltene Chance, Ausgabe 6/2011 Alzheime beginnt schon in der KIndheit, Online (5/2011) Kampf dem Vergessen, Online (3/2011) Der Kampf gegen Alzheimer, Ausgabe 1/2011 Das Alter sportlich nehmen, Ausgabe 1/2011





