In vielen Kulturen glauben die Menschen an die Vorbestimmtheit des Schicksals im Karma, in den Sternen oder in der Fügung Gottes ? in heutigen westlichen Gesellschfaten ist an diese Stelle oftmals der Glaube an die “Infantildetermination” getreten: die Vorstellung, dass die frühesten Lebenserfahrungen das spätere Leben entscheidend prägen. Wenn jemand erklären will, warum er heute keine Leber isst, Angst vor Spinnen hat oder Gewaltphantasien erliegt, dann verweist er auf seine früheste Kindheit. Irgendeine Traumatisierung findet sich schon.
Mit diesem provokanten Standpunkt meldet sich die Journalistin Miriam Gebhardt in ihrem nun erschienenen Buch Sünde, Seele, Sex: Das Jahrhundert der Psychologie zu Wort. In dieser Abrechnung mit der Psychologisierung der Kindheit legt sie dar, wie sich die Vorstellung vom kindlichen Determinismus in der Gesellschaft etablieren konnte. Waren es zunächst die ersten fünf Jahre der Kindheit, in der angeblich die Weichen bis ins hohe Alter gestellt werden, sprachen Psychologen vom ersten Lebensjahr, schließlich von den ersten Stunden. Am Ende sollten gar die Monate vor der Geburt entscheidend gewesen sein.
Dieser Glaube setzt die Eltern unter Druck, gibt er ihnen doch das Gefühl, das künftige Lebensschicksal ihrer Kinder in der Hand zu haben. Von dieser Sorge lebt heute ein ganzes Heer von psychosozialen Dienstleistern mit Angeboten vom Schwangeren-Yoga bis zum Mutter-Kind-Tanzen. Den psychologischen Unterbau lieferte unter anderem die Bindungstheorie. “Bindung wurde zum Zauberwort, das es in seiner moralischen Wertigkeit leicht mit dem Begriff Menschlichkeit aufnehmen konnte”, schreibt Gebhardt. “Bindung stand ganz oben auf der Wunschliste von Eltern und Psychologen. Bindung zwischen Mutter und Kind schien die Voraussetzung für alle anderen Tugenden zu sein.”
Dabei stehe die Vorstellung von der Allmacht der Bindung und der kindliche Determinismus wissenschaftlich auf wackligen Füßen, erläutert Gebhardt. Letzterer sei laut dem Harvard-Wissenschaftler Jerome Kagan gar ein “Grundirrtum” der Psychologie: Die Lehre von der Vorherbestimmtheit soll nur darüber hinwegtäuschen, dass letztlich doch die sozialen Verhältnisse über Wohl und Wehe der Menschen entscheiden, glaubt Kagan.
Gebhardt macht in ihrem Buch einen weiteren familiären Mechanismus ausfindig: Eltern benutzen ihre Kinder als besseres Abbild ihrer selbst, als Ideal-Ich. “Sie sollen haben, was an narzisstischer Stabilität den Eltern als Idealzustand vorschwebt ? oder ihnen fehlt, so dass sie dies am und durch das Kind nachholen wollen”, zitiert Gebhardt den Anthropologen Johann August Schülein. Das könne zwar dazu führen, dass Eltern ihre Kinder einfühlsamer erziehen als früher, was zwar ein Fortschritt sei. Doch sie wollten dafür auch mit barer Münze in Form von Selbstbestätigung belohnt werden. Bei allen Bemühungen um den Nachwuchs ? am Ende gehe es immer um die Eltern.
Mehr Informationen zu Miriam Gebhardts Buch finden Sie auf den Seiten der Deutschen Verlags-Anstalt.
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