Menschen sind bekanntlich ausgesprochen individuell – doch das gilt auch für viele Tierarten, wie die Forschung der letzten Jahre immer klarer gezeigt hat. Dabei wurde auch deutlich, dass Merkmale wie Aggressivität, Risikofreude, Neugierde oder Geselligkeit weitreichende Auswirkungen auf den Fortpflanzungserfolg und das Überleben haben können. Forscher der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben sich in diesem Zusammenhang nun mit einem Wildtier auseinandergesetzt, das für unsere heimischen Waldökosysteme eine wichtige Rolle spielt: dem Wildschwein.
Wenn Schweine “Fußball spielen”
Um Informationen über die Persönlichkeitsmerkmale von in Gehegen gehaltenen Versuchstieren zu gewinnen, konfrontierten die Forscher ihre Wildschweine mit unbekannten Gegenständen wie zum Beispiel einem Fußball, einem Kübel oder einem Plastiktier. Anhand von Videoaufnahmen wertete das Forschungsteam danach aus, wie die verschiedenen Individuen auf diese neuen Objekte reagierten. Zusätzlich erfassten die Biologen das Verhalten der Bachen untereinander. Aus diesen Beobachtungen erstellten sie dann einen Persönlichkeitsprofil für jedes Tier, das sie später mit der Anzahl ihrer großgezogenen Jungen vergleichen konnten. Ein Hauptcharakteristikum der Schweine ist dabei offenbar der Grad der “Schüchternheit”: Es gibt eher vorsichtigere Tiere und eher aggressive und risikofreudige Bachen.
Außerdem variierten die Forscher im Rahmen der Studie das Nahrungsangebot ihrer Versuchstiere auf eine für die Natur typische Weise: In manchen Jahren, den sogenannten Mastjahren, produzieren die Bäume sehr viele Bucheckern und Eicheln, in anderen hingegen nur wenige. Diese natürlichen Schwankungen wurden bei den Versuchen in den Wildgehegen durch variable Zufütterungsmengen imitiert.
Schüchternheit kann vorteilhaft sein
Wie sich herausstellte, scheint es eine Wechselwirkung zwischen der Persönlichkeit und der Nahrungsverfügbarkeit auf das Überleben der Jungen zu geben, berichten die Biologen: War genug Futter für alle da, konnten die vorsichtigeren Mütter mehr Frischlinge großziehen als die aggressiveren und risikofreudigeren Bachen.
Der Grund für den größeren Erfolg der schüchternen Tiere in guten Futterjahren könnte ihr vorsichtigeres Verhalten und ihre höhere mütterliche Fürsorge sein. “Es ist wahrscheinlich, dass die Jungen zurückhaltender Bachen in einem beschützten Umfeld aufwachsen und dadurch höhere Überlebenschancen haben”, sagt Sebastian Vetter. Bei einem reduzierten Nahrungsangebot verschwindet dieser Effekt offenbar, zeigten die Auswertungen.





