Ratten ohne Bauchgefühl
Für das Experiment durchtrennten die Wissenschaftler bei den Ratten die afferenten Nervenstränge zwischen Bauch und Gehirn. Dadurch machten sie die Kommunikation zwischen beiden zu einer Einbahnstraße: Das Gehirn konnte bei den Versuchstieren weiter Prozesse im Bauchraum steuern, erhielt aber keine Nachrichten mehr von dort. Dann setzten sie die Tiere Situationen aus, die typischerweise bei ihnen Angst auslösen: helles Licht und freie Flächen ohne Unterschlupf. Wie sich zeigte, verhielten sich die Ratten mit durchtrenntem Vagusnerv furchtloser als die Kontrolltiere. Gleiches galt auch für das Misstrauen gegenüber fremdem, ihnen unbekanntem Futter: Die Ratten ohne “Bauchgefühl” verloren ihr angeborenes Misstrauen und futterten kräftig drauflos. “Das angeborene Angstverhalten scheint deutlich durch Signale vom Bauch ans Gehirn beeinflusst zu werden”, sagt Seniorautor Urs Meyer von der ETH Zürich.
In einem zweiten Experiment prüften die Forscher den Einfluss des “Bauchgefühl” auf erlerntes Angstverhalten. Die Ratten lernten dafür zunächst, einen neutralen Ton mit einer unangenehmen Erfahrung in Form eines leichten Stromstoßes zu verbinden. Dabei schien der Bauch-Gehirn-Signalweg keine Rolle zu spielen: Die Versuchstiere lernten ebenso schnell wie die Kontrolltiere, den Ton mit negativen Folgen zu assoziieren. Anders sah dies beim “Verlernen” dieser antrainierten Angst aus: Blieb in einem weiteren Durchgang der Stromstoß nach dem Ton aus, brauchten die Ratten ohne “Bauchgefühl” deutlich länger, den Ton mit der neuen, nun neutralen Situation zu assoziieren. Die Rückmeldung vom Bauch spielt damit offensichtlich eine wichtige Rolle dafür, flexibel auf bedrohliche Situationen zu reagieren und im Speziellen zu erkennen, wenn eine Bedrohung nicht mehr besteht. Das passt auch zu den Ergebnissen einer vorhergehenden Studie, wonach die Stimulation des Vagusnervs das Umlernen fördert.
Bauch bestimmt Angstverhalten
Das Bauchgefühl beeinflusst demnach sowohl die angeborene als auch die erlernten Ängste: Fehlt die Rückmeldung aus dem Verdauungsorgan, dann geht die angeborenen Angst verloren, die erlernte dagegen bleibt auch dann erhalten, wenn sie nicht mehr sinnvoll ist. “Wir konnten damit zum ersten Mal zeigen, dass das gezielte Unterbrechen des Signalwegs vom Bauch ins Gehirn komplexe Verhaltensmuster verändert”, sagt Meyer. Bisher wurden solche Verhaltensmuster immer allein dem Gehirn zugeschrieben. Die Ergebnisse der Forscher belegen nun klar, dass der Bauch beim Angstverhalten ebenfalls mitredet. Was der Bauch allerdings genau signalisiert, ist noch nicht klar. Immerhin stellten die Wissenschaftler bei Untersuchung der Rattengehirne fest, dass der Verlust der Signale vom Bauchraum die Produktion von bestimmten Neutrotransmittern im Gehirn veränderte. Die Forscher hoffen, in zukünftigen Studien die Rolle des Vagusnervs und der Zwiesprache zwischen Gehirn und Körper weiter aufzuklären.





