Die Vorfahren des Menschen und aller sozial lebenden Primaten begannen vermutlich recht plötzlich, Kontakte mit ihren Artgenossen zu knüpfen: Laut einer neuen Studie eines Evolutionsbiologenteams entwickelten sie sich sehr schnell von Eigenbrötlern zu Gruppenwesen. Die Triebfeder dahinter sei der Wandel von einer nachtaktiven zu einer tagaktiven Lebensweise gewesen, sagen Susanne Shultz von der University of Oxford und ihre Kollegen. In Gruppen konnten sich die Primaten besser gegen die Raubtiere verteidigen, die tagsüber umherstreifen, so ihre Erklärung. Bei der Evolution des Primaten ?Mensch? gipfelte die Entwicklung des Sozialverhaltens schließlich in einer einzigartigen Flexibilität, betonen die Forscher.
Ihre Schlussfolgerungen ziehen Shultz und ihre Kollegen aus Modellen, die sie aus umfangreichen Datenanalysen zu der Lebensweise heutiger Primaten, deren Verwandtschaftsbeziehungen und Stammbäumen entwickelt haben. Bei den 217 untersuchten Arten haben sich demnach viele verschiedene Formen des Sozialverhaltens entwickelt: Paarbindungen, kleine Familien, Gruppen aus gemischt- oder getrenntgeschlechtlichen Individuen, Harems und so weiter. Die Besonderheit des Menschen sei es in diesem Zusammenhang, in all diesen Varianten leben zu können ? von der Kleinfamilie über große Sippen bis hin zu Staatsgebilden, mit jeweils einem breiten Spektrum kulturell geprägter Sitten und Gebräuche.
Anhand ihrer Analysen gehen die Forscher davon aus, dass vor etwa 52 Millionen Jahren die ersten Wesen in der Ahnenreihe der heutigen Primaten und des Menschen Gruppen bildeten. Dies habe parallel zur Umstellung von nachtaktivem zu tagaktivem Verhalten stattgefunden, sagen die Forscher. Den Schutz der Dunkelheit ersetzten die Tiere dabei durch die vielen wachsamen Augen der Gruppenmitglieder und die vereinte Verteidigungskraft. Offenbar war dieses ?Zusammenrotten? ein Erfolgskonzept, denn die meisten Primatenarten leben heute in Gruppen und nur noch wenige Arten einzelgängerisch.
Anfangs waren die Bindungen vermutlich noch locker ? jedes Individuum konnte nach Belieben kommen und gehen, sagen die Wissenschaftler. Ähnliches findet man auch heute noch bei den Lemuren Madagaskars, die evolutionär gesehen eine urtümliche Primatengruppe repräsentieren. Aus diesen lockeren Bindungen entwickelten sich dann später bei vielen Arten komplexere Systeme wie beispielsweise die männlich dominierten Harems der Paviane und Gorillas bis hin zu den vielschichtigen Sippenstrukturen der Zwergschimpansen, bei denen häufig auch weibliche Tiere die Führungsposition in gemischtgeschlechtlichen Gruppen übernehmen. Je höher die Intelligenz, desto komplexer und flexibler sei auch das Sozialverhalten der jeweiligen Primatenart, ergaben die Daten. An der Spitze dieser Entwicklung steht dabei zweifellos der Mensch: “Es ist uns in einer erstaunlich flexiblen Weise gelungen, Kontakte zu knüpfen, sowohl in Gruppen als auch in der Gesellschaft?, kommentiert Susanne Shultz. “Die große Bandbreite der Sitten und Gebräuche bezüglich der Sozialstrukturen in den verschiedenen Kulturen der Erde spiegeln dies eindrucksvoll wider.”
Susanne Shultz von der University of Oxford et al.: Nature, doi: 10.1038/nature10601 wissenschaft.de – Martin Vieweg





