Promiskuitive Weibchen – Männchen mit dicken Hoden
Dieter Lukas und Elise Huchard von der University of Cambridge sind nun systematisch der Frage nachgegangen, welche Merkmale einer Tierart mit dem männlichen Infantizid verknüpft sind. Sie untersuchten dazu systematisch das Paarungs- und Sozialverhalten von insgesamt 260 Säugetierarten. Bei 119 von ihnen kommt es zu Isolchen Kindstötungen, bei 141 der untersuchten Spezies gibt es das rabiate Verhalten hingegen nicht. Die Auswertungen der Forscher belegten: Männlicher Infantizid ist tatsächlich typisch für Tierarten mit Sozialsystemen wie bei den Löwen: Der Konkurrenzkampf der Männchen untereinander ist hoch und führt zu Siegern, die für eine gewisse Zeit die Fortpflanzung dominieren. Ein weiterer Faktor ist: Die Weibchen können jederzeit wieder fruchtbar werden.
Die Untersuchungen der Forscher zeigten auch auf, dass offenbar eine bestimmte Entwicklung bei manchen Arten den Infantizid wieder verschwinden ließ: Die Weibchen haben eine Gegenstrategie entwickelt – sie paaren sich in kurzer Zeit mit so vielen Männchen wie möglich. Damit ist die Vaterschaft der Nachkommen völlig unklar. So würden Männchen beim Infantizid Gefahr laufen, die eigenen Nachkommen zu töten, sagen die Forscher. Bei diesen Arten hat sich der Fortpflanzungs-Wettbewerb deshalb auf die Ebene der Spermien verschoben: Die Männchen produzieren immer größere Mengen an Samenzellen, um ihre Chancen auf eigenen Nachwuchs zu steigern.
Ein skurriler Spielball des Geschlechterkampfes
Dies spiegelt sich den Forschern zufolge in charakteristischer Weise in der Größe der Hoden wider: Sogar eng verwandte Arten, bei denen es bei der einen zu Infantizid kommt und bei der anderen nicht, unterscheiden sich in diesem Merkmal. Interessantes Beispiel: Schimpansen und ihre zierlicheren Verwandten die Bonobos. Bei Letzteren gibt es männlichen Infantizid nicht, beim Schimpansen durchaus. Der Vergleich der Hodengröße zeigt: Bonobos haben um 15 Prozent größere Hoden – der Erklärung der Forscher zufolge, um sich mehr Fortpflanzungschancen bei der Paarung mit den promiskuitiven Weibchen zu sichern. Diesen Zusammenhang haben die Forscher bei einigen Tierarten aufgedeckt.
Ihnen zufolge handelt es sich beim männlichen Infantizid um eine variable Verhaltensweise, die im Laufe der Evolution entsteht, wenn das jeweilige Sozialsystem der Tierart den Männchen damit einen Vorteil verschafft. „Der männliche Infantizid erscheint und verschwindet im Laufe der Entwicklung einer Tierart je nach dem aktuellen Stand des Wettstreits zwischen den Geschlechtern”, resümiert Huchard.





