Bleibt der Name eigentlich im Gedächtnis?
Obwohl Forscher also bereits eine ganze Menge über diese Signaturpfiffe wissen, blieb eine Sache bisher völlig ungeklärt: Was passiert, wenn sich die Gefährten nach einer Zeit trennen? Gilt dann “aus den Augen, aus dem Sinn” für die individuellen Pfiffe? Oder behalten die Delfine die Namen früherer Begleiter im Gedächtnis? Sinn ergeben würde eine solche Strategie durchaus, erläutert Jason Bruck von der University of Chicago, der sich aktuell mit dieser Frage beschäftigt hat. Denn zum einen begleitet der eigene Signaturpfiff einen Delfin, soweit man weiß, sein gesamtes Leben über – und das völlig unverändert.
Und zum anderen leben Delfine in einer sehr komplexen Gesellschaftsstruktur, einem sogenannten Fission-Fusion-System: Immer wieder verändert sich ihre Gruppenzusammensetzung, weil beispielsweise junge Männchen ihre ursprüngliche Schule verlassen und sich zu Junggesellenverbänden zusammenschließen, um sich dann später in eine neue Gruppe einzufügen. Ein gutes soziales Gedächtnis wäre daher von großem Nutzen für die Tiere – schließlich ist es sehr viel einfacher, potenzielle Feinde oder Allianzen zu erkennen, wenn man weiß, ob man sein Gegenüber schon kennt oder nicht.
Bruck wendete sich daher an ein Zuchtprogramm, das sechs Einrichtungen für Delfine umfasst und in dem die Tiere immer wieder zwischen diesen Einrichtungen hin und her transportiert werden. Insgesamt 43 Delfine und ihre jeweilige Geschichte nahm der Verhaltensforscher in den Fokus plus weitere 20 in einer Forschungseinrichtung in Kalifornien. Zunächst bestimmte er, welche Tiere welche Artgenossen kannten und wie lange sie jeweils zusammen in einem Becken gehalten worden waren. Berücksichtigt wurden Beziehungen von mindestens drei Monaten, wobei die längste mehr als 18 Jahre gedauert hatte. Die Tiere mussten zudem mindestens sechs Monate lang getrennt gewesen sein. Die längste Trennung, die Bruck erfasste, dauerte 20,5 Jahre.
Zuhören, bis die Langeweile siegt
Anschließend identifizierte er die zugehörigen Signaturpfiffe der Tiere und startete seine Untersuchung. Dazu spielte er seinen Testobjekten zunächst die Pfiffe ihnen unbekannter Delfine per Unterwasserlautsprecher vor, und zwar so lange, bis sich die Meeressäuger langweilten. Dann folgten entweder ein weiterer unbekannter Pfiff oder aber der Pfeif-Name eines Artgenossen, den die Testdelfine aus ihrer Vergangenheit kannten. Entscheidend für Bruck war dabei die Reaktion der Delfine auf diese verschiedenen Pfiffe: Wendeten sie den Kopf in Richtung Lautsprecher? Näherten sie sich ihm und wenn ja, wie nah schwammen sie heran? Versuchten sie gar, körperlichen Kontakt mit dem Lautsprecher aufzunehmen? Je intensiver die Reaktion, desto mehr Punkte vergab Bruck – möglich waren bis zu vier, wobei 0 keine Reaktion bedeutete.





