Der Vater der Evolutionstheorie war auch ohne Internet weltweit vernetzt – durch Briefe. Das Schreiben der bdw-Redaktion erreicht ihn an seinem 200. Geburtstag.
Dear Mister Darwin, Sie gestatten, dass ich auf Deutsch weiterschreibe. Schließlich haben Sie unsere Sprache gelernt, um mit deutschen Gelehrten Ihrer Zeit korrespondieren und ihre Werke lesen zu können: Alexander von Humboldt, Karl Marx und Ernst Haeckel, um nur einige zu nennen.
Etwa 14 500 Briefe von Ihnen und an Sie sind erhalten. Das ist eine Menge Korrespondenz. Als ich im März vergangenen Jahres, auf Ihren Spuren wandelnd, Down House im Süden Londons besuchte, das Haus, in dem Sie fast 40 Jahre – praktisch die zweite Hälfte Ihres Lebens – verbrachten, erfuhr ich, dass zu Ihrer Zeit dort mehrmals am Tag Briefe und Päckchen für Sie abgegeben wurden. Postkutschen durcheilten England so rasch, dass oft noch am gleichen Tag der Empfänger erreicht wurde. Nur wenn Sie mit Freunden auf fremden Kontinenten Briefe wechselten, mussten Sie Wochen oder Monate auf Antwort warten. Auch wenn Ihnen keine blitzschnelle Technik zur Verfügung stand wie uns Heutigen das Internet – Ihr berufliches Kontaktnetz war mindestens so gut ausgebaut wie das eines Wissenschaftlers von heute.
FÜNF JAHRE AUF REISEN
Als Biologie-Redakteurin greife ich immer wieder gern auf Ihre Werke zurück und kenne darum Ihre Methodik ein wenig. So war ich beeindruckt, als ich jüngst zu dem von Ihnen aufgeworfenen Thema der sexuellen Selektion recherchierte (für meinen bdw-Artikel „ Das schöne Geschlecht – warum die Frau?” in Heft 6/2008): Bei der Frage, ob bei afrikanischen Ureinwohnern die Männer die Frauen aussuchen oder umgekehrt, haben Sie sich keineswegs auf Vorurteile oder aufs Hörensagen verlassen. Nein, Sie korrespondierten mit örtlichen Missionaren. Ein Mr. Winwood Reade stellte Ihretwegen Nachforschungen in West-Afrika an und schrieb Ihnen, „dass die Frauen wenigstens unter den intelligenteren heidnischen Stämmen keine Schwierigkeiten haben, diejenigen Männer zu bekommen, welche sie wünschen”. Und Sie verarbeiteten diese Information im zweiten Band der „Abstammung des Menschen” – obwohl Sie damit Ihre eigene These von der Unterdrückung der Frau bei den „Wilden” erschütterten. Hut ab, das zeugt von gründlicher Recherche und intellektueller Redlichkeit.
Die Reise mit der „Beagle” hat Ihnen die Welt erschlossen. Ich bin Ihrem Onkel Josiah Wedgwood wirklich dankbar, dass er Ihren Vater überredet hat, Sie mit diesem Vermessungsschiff in Richtung Südamerika aufbrechen zu lassen. Fünf Jahre waren Sie unterwegs! Und Sie haben mit Anfang zwanzig Landstriche betreten – Brasilien, Feuerland, Tahiti, die Galapagos-Inseln, Neuseeland und Australien, auf der Rückfahrt Mauritius – die selbst eine reiselustige Natur wie ich noch nicht in Augenschein genommen hat, trotz der bequemen Flugzeuge heute. Und wie haben Sie diese Reise genutzt! Nicht nur die vielen Pflanzen und Tiere – vom Eingeweidewurm eines Meerschweinchens bis zum ausgewachsenen Schnabeltier –, die Sie zum Ergötzen der Einheimischen überall sammelten, in Alkohol einlegten und an Ihren alten Professor in England schickten, nein, auch die 15 Notizbücher, die Sie vollgeschrieben haben!
Das Schiff im Museum
Sie kamen als ein anderer Mensch zurück. „Ganz England erscheint mir verändert”, so schrieben Sie Ihrem Freund, dem Beagle-Kapitän Robert Fitz-Roy nach Ihrer Heimkehr, „außer der guten alten Stadt Shrewsbury und ihren Einwohnern – welche nach allem, was ich sehen kann, vermutlich so weitermachen werden bis zum Jüngsten Tag”. Lieber Mister Darwin, nachdem ich Ihre Geburtsstadt Shrewsbury in Shropshire besucht habe, kann ich Ihren Eindruck nur bestätigen. Ja, es ist hübsch dort, hübsch ländlich, aber doch ein wenig altbacken und provinziell. Also, ich verstehe gut, dass Sie bald nach Ihrer Rückkehr dem Nest den Rücken gekehrt haben und erst einmal nach London gezogen sind.
Shrewsbury hat Ihnen das übrigens nicht übel genommen. Man feiert Sie als großen Sohn der Stadt jedes Jahr mit einem Festival. Und 2009 werden sich die Feierlichkeiten geradezu überstürzen: Man plant Vorträge, Theateraufführungen, Performances und Exkursionen zu Ihren Ehren. Natürlich rüstet sich auch Down House, Ihr Alterswohnsitz, für das Jubiläum. Er ist ja seit 1998 Museum. Haben Sie gehört, dass man Ihre Kabine auf der Beagle in einem der Zimmer nachbauen will? Was halten Sie davon? Eine Schiffskabine in einem Wohnhaus? Nun, eine Attraktion wird es sicher werden, und verhindern können Sie es ohnehin nicht. Im Naturkundemuseum der Stadt Stuttgart wird man übrigens gleich das ganze Schiff nachbauen. Wie überhaupt in Deutschland einiges geplant ist zum „Darwin-Jahr” – Sie dürfen gespannt sein!
EIN SCHICKSALHAFTER BRIEF
Zumal sich nicht nur Ihr Geburtstag jährt, sondern auch die Publikation Ihres Hauptwerks „Über die Entstehung der Arten”. Mit 50 schlossen Sie es endlich ab, das Werk, über dem Sie seit der Schiffsreise gebrütet hatten. Und es hätte vermutlich noch viel länger gedauert, oder Sie wären gar nicht mehr fertig geworden, hätte Sie nicht im Juni 1858 dieser Brief erreicht: Er kam von der Insel Sarawak aus dem malaysischen Archipel und enthielt ein 20 Seiten starkes Manuskript. Eine wissenschaftliche Skizze Ihres 14 Jahre jüngeren Kollegen Alfred Russel Wallace. Wie Sie war er als Naturforscher unterwegs. Ohne Studienabschluss und ohne Ihre durch jahrelanges Kontaktepflegen gewonnene akademische Reputation, hatte er sein Hobby, das Sammeln exotischer Tiere und Pflanzen, zum Beruf gemacht – er lebte vom Verkauf seiner Beute. Und nun war er da draußen in der asiatischen Inselwelt zu ganz ähnlichen Schlüssen gekommen wie Sie beim Studium der Schildkröten von Galapagos und der Beuteltiere Australiens. Wallace schrieb von „Transmutationen”, von der Divergenz der Arten, von Anpassung an den Lebensraum, von natürlicher Auslese („ Selektion”). Das ähnelte bis in den Sprachgebrauch hinein Ihren Ideen! Den wertvollen Ideen, die Sie bisher nur in einer dürftigen Skizze und in einem Brief an den amerikanischen Botaniker Asa Gray zu Papier gebracht hatten. Durch Wallace gerieten Sie in Zugzwang, endlich zu publizieren. Ansonsten wäre sein Manuskript als Erstes erschienen – und wir würden heute womöglich von Wallacismus statt von Darwinismus sprechen.
Lieber Mister Darwin, das war eine heikle Situation! Sie ging gerade noch glimpflich für Sie aus: Ihre Freunde, der Geologe Charles Lyell und der Botaniker Joseph Hooker, nahmen die Sache in die Hand. Sie bastelten in aller Eile aus Ihrer Skizze von 1844 und Ihrem Brief an Gray eine zusammenfassende Darstellung Ihrer Evolutionstheorie und stellten sie gemeinsam mit der Wallace-Arbeit am 1. August 1858 der Linnean Society vor, der schon zu Ihren Tagen ehrwürdigen Biologen-Vereinigung von 1777 (die übrigens noch heute existiert).
Sie konnten an dem Abend nicht dabei sein. Aus einem traurigen Grund: Sie hatten zum dritten Mal ein Kind verloren. Nach Mary, die 1842 kurz nach ihrer Geburt verschied, und der zehnjährigen Annie, die 1851 einer schweren Krankheit (Tuberkulose?) erlag, war nun das jüngste Ihrer zehn Kinder, der anderthalbjährige Charles, an Scharlach gestorben. Sie waren nicht der Mensch dafür, so etwas einfach wegzustecken und zur wissenschaftlichen Tagesordnung überzugehen.
Lieber Mister Darwin, die Wenigsten kennen Ihre private Seite. Meist sieht man Fotos von Ihnen mit weißem Haar, langem Bart und ernstem Gesichtsausdruck. Dass Sie ein liebender Ehemann und ein geradezu moderner, mitfühlender und engagierter Vater waren, weiß kaum jemand. Ich habe Ihr Arbeitszimmer in Down House gesehen, ein winziges Studio, wo Sie auf einem Holzbrett Ihre Briefe und Manuskripte schrieben und wo zerbrechliche Reagenzgläser für chemische Experimente bereitstanden. Dieser Raum, der so wichtig geworden ist für die Menschheit, weil Sie hier Ihre Theorien ausarbeiteten, war keineswegs tabu für Ihre Kinder. Nein, sie rannten hinein und heraus, unterbrachen Sie immer wieder und lärmten im Treppenhaus. Sobald sie größer wurden, nahmen sie an Ihren Experimenten teil und begleiteten Sie auf Ihren täglichen Spaziergängen. Haben Sie denn nie ein Donnerwetter losgelassen, weil Sie Ihre Ruhe haben wollten?
DIE RÄTSELHAFTE KRANKHEIT
Von der Welt außerhalb der Familie zogen Sie sich allerdings in späteren Jahren sehr zurück. Es hing mit dem Unwohlsein zusammen, das Sie chronisch plagte – Schwindelanfälle, Bauchkrämpfe, Erbrechen und Kopfschmerzen. „Meine Gesundheit erlaubt mir nur ein bis zwei Stunden am Tag zu arbeiten” – Sätze wie dieser finden sich immer wieder in Ihren Briefen. Noch heute wird darüber gerätselt, was Ihnen eigentlich gefehlt hat: War es eine Tropenkrankheit? Oder eine psychosomatische Erkrankung? Womöglich eine ausgewachsene Depression? Mein Lieber, wenn Sie Pech haben, wird man noch Ihre alten Knochen exhumieren, um eine postmortale Diagnose zu stellen.
Lieber Mister Darwin, Sie haben die Sonnen- und die Schattenseiten des Lebens in ihrer ganzen Fülle erlebt. Sie haben sich Ihren Mitmenschen, vom Cambridge-Professor bis zu den Wilden Feuerlands, mit Interesse und Respekt genähert – na ja, manchmal auch mit einer gewissen Lästerlichkeit. Auf dieselbe Art – mit Hypothesen im Kopf, aber doch stets aufgeschlossen für Überraschungen – studierten Sie die Natur. Erfolgreich, wie heute jeder weiß.
Lassen Sie sich also feiern zu Ihrem 200. Geburtstag, auch von bdw. In dieser Ausgabe schreibt für Sie Professor Josef H. Reichholf, ein „geborener Naturforscher” wie Sie, vor dem schon als Knabe kein Vogelnest, kein Käfer und keine Kaulquappe sicher waren. Und die bdw-Leser stellen Fragen zu Ihrer Evolutionstheorie, die Ihre Nachfolger gewissenhaft beantworten – hoffentlich zu Ihrer Zufriedenheit. Ich darf mich verabschieden und Ihnen ein rundum erfreuliches Jahr 2009 wünschen!
Ihre Judith Rauch ■
von Judith Rauch
KOMPAKT
· Charles Robert Darwin wird am 12. Februar 1809 in Shrewsbury geboren.
· Er studiert Medizin in Edinburgh (ohne Abschluss) und Theologie in Cambridge (Bachelor of Arts). Daneben betreibt er intensive naturkundliche Studien.
· 1831 bis 1836 ist er als Naturforscher auf dem Vermessungsschiff „Beagle” unterwegs.
· Am 24. November 1859 erscheint „On the Origin of Species” (Über die Entstehung der Arten). Das Buch löst weltweit Debatten aus.
· Weitere Hauptwerke: „Die Abstammung des Menschen” (1871), „ Der Ausdruck der Gemütsbewegungen” (1872)
· Am 19. April 1882 stirbt Charles Darwin. Er wird in Londons Westminster-Abtei beigesetzt.





