Eisbären und Braunbären verbindet eine unerwartet enge Beziehung: Alle heutigen Eisbären stammen mütterlicherseits von einer Braunbärin ab, die vor 20.000 bis 50.000 Jahren im heutigen Irland lebte. Vermutlich kreuzten sich die beiden Arten in den letzten 120.000 Jahren mehrfach, berichtet jetzt ein internationales Forscherteam um die Irin Ceiridwen Edwards. Immer wenn sich das Klima rasch änderte und die Lebensräume sich überschnitten, entstanden Mischlinge.
Braunbären und Eisbären sind zwar eng verwandt, unterscheiden sich aber dennoch deutlich, sowohl im Verhalten als auch im Körperbau. Eisbären sind ausgezeichnete Schwimmer, ernähren sich hauptsächlich von Meerestieren und sind durch ihr Fell und ihre Haut gut an extreme Kälte angepasst. Braunbären, zu denen Grizzlys und Kodiakbären gehören, klettern dagegen gerne, fressen auch mal Pflanzen und leben meist in gemäßigten Klimazonen. In den letzten fünf Jahren wurden in Kanada mehrere braun-weiße Mischlinge (“Pizzly” oder “Grolar”-Bären) beobachtet. Biologen vermuten, dass die beiden Arten sich häufiger begegnen als früher, weil es weniger Eis in der Arktis gibt und die Eisbären daher aufs Land ausweichen müssen. “Wenn sie Kontakt haben, steht einer Paarung offenbar wenig im Wege”, sagt Beth Shapiro, eine der Teamleiterinnen.
Zu folgenreichen Fehltritten ist es auch in der Vergangenheit häufig gekommen, schreiben die Forscher. Wann sich die Linie der Eisbären von den Braunbären trennte, ist unklar. Womöglich entstanden die weißen Polarbären vor 800.000 Jahren, vielleicht aber auch erst vor 150.000 Jahren. Wie Edwards und Kollegen nun herausfanden, tauschten die beiden Arten aber auch danach immer wieder Erbgut aus. “Sie trafen über lange Zeit immer wieder aufeinander und teilten Gene und Lebensraum”, sagt Shapiro.
Um die Verwandtschaftsverhältnisse zu klären, untersuchten die Forscher die sogenannte Mitochondrien-DNA von 242 lebenden und fossilen Eis- und Braunbären. Diese mitochondriale DNA wird direkt von der Mutter an die Kinder weitergegeben und ist daher gut geeignet, die Evolutionsgeschichte einer Art zu erforschen. Das Team stellte fest, dass es von einem bestimmten Gen bei allen heute lebenden Eisbären nur eine einzige Variante gibt. Dieses Gen stammt von einer inzwischen ausgestorbenen Braunbär-Population in Irland. Den Forschern zufolge gelangte das Braunbär-Gen vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit ? vor 50.000 bis 20.000 Jahren ? in das Eisbären-Erbgut. Innerhalb einiger Jahrtausende breitete es sich in der gesamten Eisbär-Bevölkerung aus, so dass alle heute lebenden Eisbären von der gleichen irischen Urahnin abstammen.
Irland war zur Zeit des letzten Kontakts größtenteils vergletschert. Das eisbedeckte Meer rund um die Insel bot einen guten Lebensraum für Eisbären. Für Braunbären waren die Umweltbedingungen weniger freundlich, ihnen blieben nur wenige eisfreie Refugien. Zum Anbandeln gab es damals für die beiden Arten gute Gelegenheiten ? so wie heute auch wieder. Angesichts der eng verwobenen Geschichte der beiden Arten fordern die Forscher, nicht nur Braunbären und Eisbären, sondern auch die gescheckten Mischlinge streng zu schützen. “Sie könnten eine bislang unterschätzte Rolle beim Überleben der Arten spielen”, schreiben sie.
Ceiridwen Edwards (Trinity College, Dublin) et al.: Current Biology, Online-Vorabveröffentlichung, doi:10.1016/j.cub.2011.05.0587 wissenschaft.de – Ute Kehse





