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Quinoa: Das „Inkakorn“ aus Südamerika
Der Siegeszug von Quinoa, das aussieht wie Getreide, aber keines ist, begann Anfang der 2000er Jahre mit seiner Entdeckung als „Superfood“. Analysen hatten ergeben, dass die Samenkörner voller wertvoller Inhaltsstoffe stecken. 2013 rief die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ein internationales Quinoa-Jahr aus, um die mögliche Bedeutung der Pflanze bei der Bekämpfung des Welthungers hervorzuheben. Die weltweite Nachfrage nach dem „Nährstoffwunder“ boomte.
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Text: Oliver Abraham
Der Siegeszug von Quinoa, das aussieht wie Getreide, aber keines ist, begann Anfang der 2000er Jahre mit seiner Entdeckung als „Superfood“. Analysen hatten ergeben, dass die Samenkörner voller wertvoller Inhaltsstoffe stecken. 2013 rief die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ein internationales Quinoa-Jahr aus, um die mögliche Bedeutung der Pflanze bei der Bekämpfung des Welthungers hervorzuheben. Die weltweite Nachfrage nach dem „Nährstoffwunder“ boomte.
War Quinoa in den kargen Hochlagen der bolivianischen Anden über Jahrtausende ein Arme-Leute-Essen gewesen, stiegen die Preise nun so hoch, dass die Körner für viele Einheimische unerschwinglich wurden. Wer allerdings investieren konnte, erlebte goldene Zeiten. In Bolivien und anderen Andenregionen wie Peru oder Ecuador wurde die Anbaufläche von Quinoa in kurzer Zeit vervielfacht, große Monokulturen entstanden. Auch Weideland für Lamas wurde zu Quinoa-Feldern umgemünzt.
Einige Jahre ging alles gut, doch dann begannen die Böden auszulaugen. Aufgrund fehlender Nährstoffe blieben die Pflanzen immer kleiner. Der Lama-Dung, der früher auf den Feldern verwendet wurde, war inzwischen rar und teuer. Dazu kamen auf den großen Flächen Probleme mit Bodenerosion und Schädlingsbefall. Der erzielbare Preis für eine Tonne Quinoa sank zuletzt wieder auf das Niveau vor dem großen Boom. Angebot und Nachfrage haben sich eingependelt, Länder wie China, Indien oder Kenia sind auf dem Weltmarkt zu Konkurrenten Lateinamerikas geworden, und einige Staaten haben begonnen, einen Teil ihres Bedarfs selbst anzubauen. Zu Letzteren gehört Deutschland.
Quinoa-Anbau in Deutschland
2023 wurde der Deutsche Bundesverband Quinoa gegründet. Der Verbandspräsident Karl Schmid ist Professor an der Universität Hohenheim und arbeitet derzeit mit seinem Team und einer Fördersumme von mehr als zwei Millionen Euro an der Entwicklung neuer, leistungsstarker Quinoa-Sorten für eine effiziente Produktion in Deutschland. Einige Dutzend Landwirte haben allerdings bereits mit dem Quinoa-Anbau auf ihren Feldern begonnen.
Einer davon ist Niklas Hagen. Der Bauer und Agraringenieur bewirtschaftet mit seiner Familie rund 180 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche bei Werl im Kreis Soest (NRW). Der Familienbetrieb produziert Getreide, Mais, Zuckerrüben, Ackerbohnen – und nun schon im zweiten Jahr Quinoa. Noch ist es ein Versuchsprojekt, man werde sehen, wie es sich entwickle. „Dass der Anbau von Quinoa vielleicht einmal ein zusätzliches Standbein sein wird, möchte ich nicht ausschließen“, sagt Niklas Hagen noch vorsichtig.
Wegen der schwankenden Preise für Mais und Getreide muss er als Landwirt an Alternativen denken. Allerdings braucht er dabei Sicherheit. „Ich wünsche mir für die Zukunft eine langjährige Partnerschaft mit einer garantierten Abnahme der Quinoa-Ernte – dann könnte es klappen“, meint er und erklärt: „Man kann diese Kultur nicht wie beispielsweise Getreide einfach zum nächsten Landhandel fahren, sondern muss gezielt nach Vermarktungsmöglichkeiten suchen. Wir haben anfangs überlegt, die Quinoa selbst zu vermarkten, das war und ist aber vom Aufwand her keine Option“, sagt Niklas Hagen.
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2024 habe sich der Quinoa-Anbau mit einem Ertrag von rund zwei Tonnen pro Hektar für ihn gerechnet, berichtet der Landwirt. Von Vorteil sei, dass keine großen Investitionen nötig waren. Die Quinoa kann ich mit meinem Mähdrescher wie jedes Getreide ernten und dreschen“, sagt er, „anschließend trocknen wir die Quinoa, um sie lagerfähig zu machen.“
Im ersten Jahr seines Quinoa-Anbaus wählte Niklas Hagen eine Sorte, die arm an Bitterstoffen (Saponine) ist. Denn die in der Schale befindlichen Saponine verleiden Schädlingen zwar den Appetit und verringern das Risiko eines Befalles, wie er erklärt, aber sie verleihen der Quinoa auch einen unangenehmen bitteren Beigeschmack, die winzigen Quinoa-Körner müssen daher am Ende geschält werden.
Die bitterstoffarme Sorte habe er aber 2025 nicht mehr bekommen, erzählt Niklas Hagen, da es bei der Saatgutbestellung schnell gehen musste. Ärgerlich. Doch würde alles gut laufen, könnte Quinoa ein wertvolles Produkt für seinen Hof werden, schätzt er nach zwei Jahren Quinoa-Erfahrung die Lage ein. So sei der geldliche Ertrag bei optimaler Ernte pro Hektar wesentlich höher als zum Beispiel bei Getreide.
Mit Chancen und Risiken
Allerdings ist eine optimale Ernte nicht garantiert. „Ein Selbstläufer ist Quinoa sicher nicht, und anspruchslos ist sie auch nicht“, weiß Niklas Hagen inzwischen. So muss es nach der Aussaat regnen und während der Blüte darf es nicht zu heiß sein – zwei Risikofaktoren. Dagegen stehen einige Vorteile: Quinoa braucht beispielsweise deutlich weniger Stickstoff als andere Kulturarten. Zudem kommt sie mit längeren Trockenphasen zurecht – was eine Option auf die Zukunft unter den Bedingungen des Klimawandels sein könnte.Er dünge seine Quinoa-Flächen nicht und verwende auch keine Pflanzenschutzmittel, sagt Niklas Hagen. „Über ein besonderes Biolabel verfüge ich als konventionell arbeitender Landwirt allerdings nicht“, ergänzt er.
In diesem Jahr reift die Quinoa unregelmäßig – hier ist eine Dolde noch unreif grün, dort die daneben schon braun und reif. „Das ist ein Problem“, sagt Niklas Hagen, „ich kann schließlich nur einmal durchfahren und ernten. Bisher habe ich Saatgut aus dem freien Genpool verwendet, aber für das nächste Jahr schaue ich mich nach modernem und optimiertem Saatgut um, das einerseits arm an Bitterstoffen ist und möglichst gleichzeitig reift.“ Nach zwei Anbaujahren weiß Niklas Hagen, was er braucht.
Ab jetzt, Mitte August, sollte es trocken bleiben, sagt der Landwirt, für eine Ernte in ein bis zwei Wochen. Er schaut sich die Dolden an, reibt daran und zerreibt einige auf seiner Hand. Dann füllt er ein Litermaß und nimmt es mit, um auf dem Hof den Feuchtegehalt der Körner, die streng genommen keine sind, zu überprüfen. „Reifegrad und Feuchtigkeitsgehalt korrelieren – werden die Körnchen trockener, ist bald Erntezeit“, sagt Niklas Hagen und steckt sie ein Gerät, das die Feuchtigkeit der Körnchen misst. „Bald werde ich die Quinoa täglich kontrollieren.“
Dann probiert er noch ein paar von den kleinen Quinoa-Körnchen und kommentiert: „Das muss in diesem Jahr unbedingt geschält werden, man schmeckt das Bittere doch deutlich.“
„Ich bin grundsätzlich interessiert an anderen Ackerfrüchten“, sagt Niklas Hagen, „probiere gerne etwas Neues aus.“ Er ist der Typ einer aufgeschlossenen Generation junger Landwirte, die auf dem Acker auch etwas versuchen wollen, zunächst freilich auf kleiner Fläche und mit überschaubarem Risiko. Wenn es klappt, ist es fein, wenn es nicht geht, ist es auch nicht schlimm. Zu Quinoa ist sein Fazit: „Boden und Witterung geben es hier allemal her. Quinoa ist wertvoller als andere Feldfrüchte wie Getreide oder Mais, aber das Risiko ist höher.“ Und was bedeutet das am Ende? „Wenn die Vermarktung klappt, dann bleiben wir dabei – auf jeden Fall!“
15 Landwirte und ein Vermarkter
Jost Gandenberger von Activoland Deutschland ist Quinoa-Vermarkter. Er hat laut eigenen Angaben aktuell Anbauverträge mit 15 Landwirten, die zusammengerechnet auf rund 100 Hektar Quinoa anbauen – dies variiere jedoch von Jahr zu Jahr. Ebenso wie die Erntemengen pro Hektar. Der Quinoa-Experte Gandenberger weiß: „Wenn alles top läuft, können es mehr als drei Tonnen pro Hektar sein, im Schnitt sind es auf konventionellen Flächen circa zwei Tonnen pro Hektar, auf Bioflächen rund eine Tonne.“ Er handelt mit beiden Qualitäten.
„Quinoa ist eine anspruchsvolle Pflanze“, sagt Jost Gandenberger, „aber auf guten Standorten erzielt sie auch gute Erträge. Er warnt aber auch: „Von einem Anbau auf schlechten Flächen, zum Beispiel nährstoffarmen oder steinigen sowie solchen mit üblicherweise hohem Beikrautbesatz oder Staunässe rate ich eher ab – wir haben dahingehend schon viel Lehrgeld bezahlen müssen.“
Sandige, mittelschwere und tiefgründige Böden mit guter Wasserführung würden sich dagegen seinen Erfahrungen nach gut für einen Anbau von Quinoa eignen.
Mit ihrem umfangreichen Wurzelwerk und anderen Ernterückständen bringe die Pflanze auch viel Organik in den Boden und sorge damit für eine natürliche Düngung.
Gandenberger lobt auch, dass Quinoa relativ gut mit Trockenheit zurechtkomme. Die Pflanze entwickle schnell, schon in früher Wachstumsphase, bis zu 30 Zentimeter tiefe Wurzeln. Im Laufe der weiteren Wachstumsphase bilde sich je nach Bodenverhältnissen ein bis zu zwei und mehr Meter in die Tiefe reichendes, feines Wurzelwerk. Damit würde die Pflanze auch an Wasser und Nährstoffe gelangen, die sehr tief im Boden liegen. „2022 war zum Beispiel ein sehr trockenes Jahr – während es ringsherum fast überall braun war, waren manche Quinoa-Felder noch grün“, berichtet Gandenberger, „natürlich hat auch diese Ernte gelitten, aber Quinoa kam mit der Trockenheit besser zurecht.“
Oft kommt es auch auf den Zeitpunkt an. So verträgt Quinoa kaum Konkurrenz durch andere Pflanzen – was aber weniger problematisch ist, wenn ihr Jugendstadium abgeschlossen ist. Dann unterdrückt sie andere Pflanzen ganz gut, erklärt Jost Gandenberger.
Temperaturen ab 28 Grad während der Blütezeit sind ebenfalls ein solch zeitgebundenes Problem. Dauert die Hitze in dieser Phase länger als drei, vier Tage, wird die Blüte geschädigt und bildet keine Körner mehr aus“, berichtet Gandenberger. Andere Witterungsschwankungen könne Quinoa wiederum ertragen.
Für die Zukunft des Quinoa-Anbaus in Deutschland erwartet Gandenberger noch einiges von der Züchtung. Die Saatgutforschung beschäftige sich längst mit einer optimalen Anpassung an hiesige Verhältnisse. Wobei es dabei nicht nur ums Klima gehe. „Nehmen Sie zum Beispiel manche Schädlinge: Zwar ist Quinoa relativ unempfindlich gegen Pilzkrankheiten – aber bestimmte Insekten wie zum Beispiel die Wiesenwanze können zu starken Ernteverlusten führen“, berichtet er. Auch in diese Richtung muss Forschung gehen.
Bis dahin setzt er zwecks Risikominimierung auf verschiedene Standorte seiner Vertragslandwirte, um auf jeden Fall seinen Lieferverpflichtungen nachkommen zu können. Diese habe er in Deutschland und Österreich. Ein großes Potenzial für Quinoa sieht Gandenberger im Bereich des Backens. „Wir beliefern bereits mehrere Bäckereien und Hersteller von Backmischungen,“ erzählt er.
Quinoa: Bio-Qualität und regional
Auch die Bohlsener Mühle verwendet Quinoa. Das Unternehmen setzt sich für die Stärkung des ökologischen Landbaus ein und möchte einen Beitrag zu einer resilienten Landwirtschaft leisten. Deshalb initiierte es gemeinsam mit heimischen Landwirten ein Quinoa-Anbauprojekt und entwickelte Produkte wie „Vitalkekse“ und „Snäckebrot Roggen Quinoa“ mit ausdrücklich deutscher Quinoa aus Bioproduktion.
Wichtig sei dabei gewesen, Landwirten verlässliche Abnahmemengen zu garantieren. Denn nur was sicher verarbeitet werde, werde auch angebaut, heißt es seitens der Bohlsener Mühle. „Wir schaffen bewusst Märkte für regionale Biorohstoffe, die es so noch nicht gab. Mit unserem Quinoa-Projekt zeigen wir: Wenn wir als Verarbeiter langfristige Partnerschaften eingehen und Abnahmegarantien geben, können Landwirte auch in Deutschland alternative Kulturen erfolgreich anbauen“, erklärt Finn Naujoks von der Bohlsener Mühle das Konzept.
Die Bohlsener Mühle mit Sitz im niedersächsischen Gerdau wird von rund 250 Landwirten mit Dinkel, Weizen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Leinsaat, Einkorn und Emmer in den Bioqualitäten Bioland und Demeter beliefert. Zusätzlich verarbeitet das Unternehmen Quinoa in Bioland-Qualität, die sie über den Vermarkter Activoland Deutschland bezieht.
„Bei reinem Quinoa für Bowls oder als Beilage entscheidet im Handel meist der Preis, und da können wir mit den günstigen Importen schwer konkurrieren“, berichtet Finn Naujoks, „deshalb setzen wir auf veredelte Produkte wie Quinoa-Kekse oder Snäckebrot. Hier steht nicht mehr der reine Quinoa-Preis im Vordergrund, sondern das Gesamtprodukt – und da können wir mit Qualität und regionalem Ursprung punkten.“ //
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