Am 26. April 1986 ereignete sich im Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine der Super-GAU: Ein Reaktorblock explodierte und setzte einen radioaktiven Fallout frei, der über halb Europa niederging. Auch in Deutschland wurden Böden vor allem mit dem radioaktiven Isotop Cäsium-137 kontaminiert. Dessen Halbwertszeit beträgt etwa 30 Jahre, theoretisch müsste demnach das 1986 abgelagerte Väsium-137 inzwischen zu rund 60 Prozent zerfallen sein.
Doch was bedeutet dies konkret für die jetzt, 40 Jahre nach Tschernobyl in unseren Wäldern und Wiesen wachsenden Pilze? Pünktlich zur beginnenden Pilzsaison hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) dies untersucht und die Resultate in seinem alljährlichen Pilzbericht veröffentlicht. Für diesen Bericht sammeln und analysieren Forschende verschiedene Speisepilzarten in Teststandorten in Bayern, dem in Deutschland vom radioaktiven Fallout Tschernobyls am stärksten betroffenen Bundesland.

Bodenkontamination mit Cäsium-137 im Jahr 1986. Die aktuellen Werte liegen bei rund 40 Prozent davon. — © Bundesamt für Strahlenschutz
Auf die Pilzart kommt es an
Das Ergebnis: „Aus Sicht des Strahlenschutzes spricht nichts dagegen, selbst gesammelte Pilze zu essen. Die Strahlendosis ist bei einem maßvollen Verzehr gering – auch wenn vereinzelt stärker mit radioaktivem Cäsium belastete Pilze dabei sein sollten“, berichtet Inge Paulini, Präsidentin des Bundesamts für Strahlenschutz. Allerdings unterschiedet sich die radioaktive Belastung der Wildpilze je nach Standort und Art teils deutlich. So weisen Wildpilze in einigen Regionen in Süddeutschland weiterhin auffällige Gehalte an Cäsium-137 auf. Zu den am stärksten kontaminierten Gebieten gehören Teile des Bayerischen Walds, des Donaumooses südwestlich von Ingolstadt und der Region Mittenwald.
Manche Pilzarten nehmen zudem beim Wachstum besonders viel radioaktives Cäsium auf, was bei stärker belasteten Böden zu hohen Messwerten führen kann. Die Liste mit den höchsten Cäsium-137-Werten führen Semmelstoppelpilze (Hydnum repandum) und Rotbraune Semmelstoppelpilze (Hydnum rufescens) an: In einigen Proben aus dem Bayerischen Wald fanden die Forschenden eine radioaktive Cäsiumbelastung von mehr als 2000 Becquerel pro Kilogramm Frischmasse. Immerhin noch rund 1000 Becquerel pro Kilogramm ermittelte der Pilzbericht für Maronenröhrlinge, Trompetenpfifferlinge, Elfenbeinschnecklinge, Seidige Ritterlinge, Dickblättrige Schwärztäublinge und Blassblaue Rötelritterlinge.
Strahlendosis wie drei Flüge nach New York
Was aber bedeutet dies konkret? Ein Beispiel zeigt, wie diese radioaktive Belastung einzuordnen ist: Sind Maronenröhrlinge mit rund 1400 Becquerel pro Kilogramm belastet und ein Erwachsener verzehrt jede Woche eine Portion mit 200 Gramm dieser Pilze, würde er nach einem Jahr eine zusätzliche Strahlendosis von rund 0,18 Millisievert aufnehmen. Das wäre etwas mehr als die Strahlendosis von drei Flügen von Frankfurt am Main nach New York. Isst man demnach nur einmal oder ein paar Mal eine Portion selbstgesammelter Pilze, ist die radioaktive Belastung dementsprechend geringer.
Es gibt aber auch Pilzarten, die der Pilzbericht als unbedenklich einstuft, weil deren radioaktive Belastung selbst stärker belasteten Standorten durchweg unter fünf Becquerel pro Kilogramm Frischmasse liegen. Dazu gehören unter anderem Braunschuppige Riesenchampignons, Dunkelfaserige Champignons, Hasenröhrlinge, Riesenporlinge und Sternschuppige Riesenschirmlinge.
Warum man nicht zu viele Wildpilze essen sollte
Auch für diese Arten gilt jedoch: Wer regelmäßig Wildpilze isst, sollte generell darauf achten, pro Woche nicht mehr als 200 bis 250 Gramm zu sich zu nehmen. Denn unabhängig von der radioaktiven Strahlendosis können Wildpilze auch Schwermetalle wie Blei, Quecksilber und Cadmium anreichern. Wer ganz sicher gehen möchte, der verzichtet auf Wildpilze und greift auf Zuchtpilze wie Champignons, Austernseitlinge und Shiitake zurück. Diese wachsen in Innenräumen auf Substraten, die auf Schadstoffe und Kontaminationen hin geprüft sind.
Quelle: Bundesamt für Strahlenschutz, Pilzbericht





