Ekelerregende Nützlinge
Nachdem sie dort ihre Sache gut gemacht hatten, führte man sie als Blattlaus fressender Nützlinge – erkennbar an einer helleren Färbung und zahlreicheren Punkten – vor rund 30 Jahren gezielt nach Frankreich ein. Von dort aus breiteten sie sich die fleißigen Fresser rasch aus. 1999 wurden sie in Deutschland erstmals gesichtet, seit 2002 sind sie in ganz Europa verbreitet, bringen Biobauern zwar weiterhin Glück, lösen bei Normalmenschen in Haus und Hof allerdings regelmäßig im Herbst Widerwillen und Ekel, zuweilen sogar Allergien aus. Denn die Käfer suchen sich im Herbst warme Plätze wie besonnte Mauerflächen, Tür- und Fensterritzen zum Überwintern und locken mit chemischen Signalen weitere Artgenossen an. Auch Weinbauern sind trotz Lausfraß alles andere als begeistert, wenn die Tiere massenhaft zwischen den Trauben versteckt mitgepresst werden und der Wein – dank Plastikkorken zwar nicht mehr “korkt” – jetzt aber “käfert”. Außerdem verdrängen die ins Land geholten Marienkäfer zunehmend einheimische Arten.
Andreas Vilcinskas, Leiter des Instituts für Angewandte Zoologie der Universität Gießen, konnte nachweisen, dass die Überlegenheit der Asiaten gegenüber dem Zwei- oder Siebenpunkt in seinem starken Immunsystem begründet ist. Er war von der Hypothese ausgegangen, dass sogenannte invasive Arten, die es schafften, sich weltweit auszubreiten, ein stärkeres Immunsystem haben müssen als nicht invasive. Denn in unterschiedlichen Ländern und Lebensräumen müssen sie gegen unterschiedlichste neue Krankheitserreger gefeit sein.
Vilcinskas verglich gezielt das Immunsystem des global erfolgreichen Asiatischen Marienkäfers mit dem einheimischer Marienkäfer und entdeckte im Blut der Asiaten tatsächlich hochwirksame Substanzen, die Erregern den Garaus machen können, die die Einheimischen nicht zu bieten haben. Allen voran Harmonin, das sogar gegen Tuberkulose und Maralia-Erreger wirkt. Darüber hinaus besitzt der Asiatische Marienkäfer Harmonia axyridis mehr als 50 weitere antimikrobiell wirkende Substanzen. So viel wie kein anderes Tier und keine andere Pflanze.
Das macht den Krabbler für Vilcinskas in einer weiteren Funktion hoch interessant. Der Biologe leitet nämlich neben dem Institut an der Uni auch noch eine Fraunhofer-Projektgruppe, wo es um Insekten-Biotechnologie geht, also darum, Insekten oder ihre Moleküle in Produkte und Dienstleistungen zu verwandeln, sprich: in Wirkstoffe, die dem Menschen als Medikamente nützlich sein können.
Marienkäfer gegen Malaria
Bei dem Stoff Harmonin konnten die Forscher schon feststellen, dass es – im Unterschied zu bislang verwendeten Anti-Malaria-Medikamenten, die nur gegen einzelne Stadien halfen – sogar gegen verschiedene Entwicklungsstadien des Malaria-Erregers wirksam ist. Zwar werden noch viele Jahre ins Land gehen, bis ein medikamentenfähiges Molekül, das die Eigenschaften von Harmonin hat, entwickelt sein wird, meint Alexander Vilcinskas, aber die Richtung sei als eine Art Leitstruktur vorgezeichnet.





