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Kakteenraub: Das Geschäft mit den Stacheln
Der illegale Handel mit seltenen Zierpflanzen boomt – und trifft auf schwache Kontrollen, enorme Nachfrage und ein sich wandelndes Klima. Wie mehr als 1.000 aus der Wüste gestohlene Kakteen nun zu einem Präzedenzurteil in Italien führten.
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Text: Roman Goergen
Am frühen Morgen ist das Licht in der Atacama-Wüste noch ein schummriges Grau. Der Boden ist stellenweise feucht – benetzt von einem Nebel, der bei Tagesbeginn in sanften Wellen über Felsen und Geröllhänge fließt. Camanchaca nennen die Menschen im Norden Chiles dieses Wetterphänomen, das dort Leben bringt, wo es manchmal jahrzehntelang nicht regnet. Dank des besonderen Klimas wachsen hier an den steilen Küstenhängen rund um den kleinen Ort Paposo einige der seltensten Kakteengattungen der Welt: die Copiapoa. Diese Pflanzen beziehen ihr Wasser fast ausschließlich aus dem maritimen Nebel, der in dieser lebensfeindlichen Region eine überraschende Vielfalt möglich macht.
Die Wüstenwanderer
Mauricio González kennt diese Wüste am Pazifik wie kaum ein anderer. Mit seiner Freiwilligengruppe, den Caminantes del Desierto (Wüstenwanderer), ist er regelmäßig in der Atacama unterwegs – zu Fuß, mit Notizbuch, Kamera, Wasser und viel Geduld. Die Naturschützer kartieren Bestände, dokumentieren Veränderungen, bewässern die Kakteen und entfernen Müll.
In den vergangenen Jahren haben die Caminantes dabei alarmierende Veränderungen festgestellt. „Wir haben den Tod ganzer Kakteenpopulationen mitangesehen – Hunderte von Pflanzen, die in bestimmten Gebieten einfach verschwinden“, sagt González. Wenn der Nebel nicht mehr ausreicht, um die Pflanzen zu bewässern, wird es ihnen zu heiß.
Die Helfer bringen den dürstenden Kakteengewächsen zwar Wasser, doch oft kommen sie zu spät. „Dann finden wir nur noch Reste – regelrecht verkohlt von der Sonne“, so González.
Die Copiapoa haben sich den Extremen der Wüste angepasst und viele Exemplare sind so über 100 Jahre alt geworden. Doch neben dem Klimawandel mit höheren Temperaturen, trockenen Winden und weniger Nebel macht ihnen jetzt noch etwas anderes zu schaffen: „Wir haben auch massive Entnahmen seltener Arten für den illegalen Handel beobachtet“, sagt González. Der Chilene berichtet von Einheimischen, die die Kakteen gezielt für den florierenden internationalen Schwarzmarkt ausgraben. „Ein Verlust, der ohne die Hilfe von Fachleuten und der Öffentlichkeit nicht wiedergutzumachen sein wird.“
Bedrohte Stachelträger
Die Copiapoa gehören zu den am stärksten bedrohten Kakteengattungen der Welt – und zu den am wenigsten verstandenen. Die Forschung ist sich nicht ganz einig über die Einordnung von Arten oder Unterarten, doch die Weltnaturschutzunion IUCN hat 39 Taxa der Gattung bewertet und 29 davon als bedroht auf ihre Rote Liste gesetzt. Sechs sind demnach „vom Aussterben bedroht“, die restlichen 23 entweder „stark gefährdet“ oder „gefährdet“. Daher ist der internationale Handel mit ihnen nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen CITES eigentlich entweder verboten oder eingeschränkt. Für Pablo Guerrero, einen Botaniker an der Universidad de Concepción in Chile und Mitglied der IUCN-Expertengruppe für Kakteen, ist dabei besonders der steil ansteigende illegale Trend besorgniserregend: „Unsere neue Bewertung für die IUCN ist wesentlich schlimmer als jene, die wir zehn Jahre vorher durchgeführt haben.“ Die Hauptursachen für diese negative Entwicklung überlagern sich Guerreros Einschätzung nach. „Der Klimawandel wirkt nicht isoliert. Er interagiert mit anderen Bedrohungen wie Habitatverlust oder sinkender Habitatqualität“, sagt der Experte.
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Hinzu kommen die sehr langsame Entwicklung und hohe Standorttreue der Pflanzen. Manche Arten wachsen nur wenige Millimeter pro Jahr und benötigen Jahrzehnte, um überhaupt blühfähig zu werden. Wie groß die Klimasensitivität der Gattung ist, hat Michiel Pillet von der Universität Lausanne erforscht. Der Pflanzenökologe hält vor allem die typische öffentliche Wahrnehmung, Kakteen seien extrem anpassungsfähig, für problematisch: „Auch Kakteen sind an die Bedingungen angepasst, die sie in ihrem jeweiligen Verbreitungsgebiet vorfinden. Wenn sich diese verändern, wie es unter dem menschengemachten Klimawandel bereits der Fall ist, müssen sich Arten entweder anpassen, ausweichen – oder sie sterben aus.“ Pillets Modellrechnungen zeigen, dass Copiapoa wegen steigender Temperaturen und veränderter Nebelbildung bis zu 60 Prozent ihres Lebensraums verlieren könnten. Hinzu kommt der Druck durch die Wilderei. Laut einer Studie sind weltweit 31 Prozent aller Kakteenarten durch illegalen Handel gefährdet – eine der höchsten Quoten unter allen Pflanzengruppen.
Dass die illegale Entnahme nicht nur für die Art selbst problematisch ist, wird in der Atacama-Wüste deutlich. Copiapoa sind keine isolierten Lebensformen, sondern Teil eines fragilen Netzwerks. Ihre dichte, flachkugelige Struktur spendet Schatten, speichert Feuchtigkeit und bietet Lebensräume für andere Arten. „Sie erzeugen Mikroklima-Zufluchten, wo Wirbeltiere leben und sich nicht nur vor der rauen Umwelt, sondern auch vor Fressfeinden schützen können“, erklärt Pablo Guerrero. Auch die Pollen seien eine wichtige Ressource für Insekten und andere Wirbellose.
Werden auch nur wenige Exemplare aus diesem einzigartigen, komplexen Trockenökosystem entnommen, kann das gravierende Folgen haben. Das Verschwinden vieler kommt damit einem Desaster gleich.
Beispielhaftes Urteil
Mehr als 12.000 Kilometer Luftlinie trennen die weite Landschaft der Atacama-Wüste von Ancona, einer alten italienischen Hafenstadt an der Adria. In dieser so andersartigen Umgebung wurden im historischen Gerichtssaal bis ins Frühjahr 2025 die Details eines Copiapoa-Raubs völlig anderer Dimension offengelegt und in einem Verfahren verhandelt. Der Fall, dessen ungewöhnlich umfangreiche Ermittlungen als „Operation Atacama“ bekannt wurden, könnte zu einem folgenreichen Wendepunkt für die juristische Aufarbeitung von Vergehen gegen Natur und Artenvielfalt werden.
Die Affäre begann im Februar 2020, als Polizeibeamte der Naturschutzabteilung Carabinieri Forestali im norditalienischen Senigallia Hinweisen des Botanikers Andrea Cattabriga nachgingen. Cattabriga unterstützt innerhalb der Europäischen Union als Sachverständiger oft Behörden bei Ermittlungen zum illegalen Zierpflanzenhandel, hilft vor allem bei der Identifikation der Gewächse, was entscheidend dafür ist, ob ein Vergehen vorliegt oder nicht. In der Wohnung des Händlers Andrea Piombetti entdeckten die Ermittler tatsächlich mehr als 1.000 Copiapoa, darunter Exemplare, die laut CITES überhaupt nicht kommerziell gehandelt werden dürfen, und weitere Kakteen, denen entsprechende Papiere fehlten. Geschätzter Marktwert: über eine Million Euro.
„Meine erste Reaktion, als ich die Copiapoa sah, war Bestürzung – denn es gab bereits einen ähnlichen Vorfall mit diesem Händler einige Jahre zuvor, als er nicht verurteilt werden konnte“, berichtet Cattabriga. Im weiteren Verlauf der Ermittlungen wurde klar, dass Piombetti zwischen 2016 und 2019 mehrfach Chile bereist und dabei Hunderte von Kakteen illegal außer Landes geschafft hat. Nachgewiesen wurde dies durch forensische Beweisführung und Bodenproben an den in seiner Wohnung sichergestellten Exemplaren. Taxa und Herkunft der Kakteen hätten entweder Einfuhrgenehmigungen benötigt oder die Mitnahme wäre ohnehin illegal gewesen. Informationen und Protokolle von Auktionen und Nachrichten auf Piombettis Laptop und Handy deuteten auf ein internationales Netzwerk hin. Die Ermittler konnten zehn Händler und zehn regelmäßige Käufer identifizieren. Viele der Pflanzen waren online verkauft worden, etwa an Sammler in Japan, Südkorea und Nordamerika. Der engste Komplize war Mattia Crescentini, der seine Exemplare über einen Instagram-Account mit Namen „Cactus_Italy“ anpries.
Im Prozess von Ancona wurden Piombetti und Crescentini zunächst strafrechtlich angeklagt. Das Urteil folgte im Januar 2025. Sie wurden zu Geld- und Bewährungsstrafen verurteilt. Doch das Verfahren betraf noch eine zweite juristische Dimension: Mit Unterstützung internationaler Umweltjuristen wurde ein zivilrechtlicher Anspruch auf Wiedergutmachung geltend gemacht. Cattabrigas NGO, die „Associazione per la Biodiversità e la sua Conservazione“ (ABC), trat hierbei als Klägerin auf und argumentierte, dass aus der illegalen Entnahme ein moralischer Schaden entstanden sei, weil sie den satzungsmäßigen Auftrag von ABC zum Schutz der Natur beeinträchtigt habe. Im Frühjahr 2025 erkannte erstmals in Italien ein Gericht einen solchen Anspruch im Rahmen eines Zivilverfahrens im Zusammenhang mit dem Artenschutz an. Falls das Urteil in der noch ausstehenden Berufung bestätigt wird, müssen Piombetti und Crescentini 20.000 Euro Entschädigung an ABC zahlen – Geld, das laut Cattabriga direkt in Kakteenforschung, Aufklärungsarbeit und den Schutz der Pflanzen fließen würde.
„Was diesen Fall absolut einzigartig macht, ist die Tatsache, dass erstmals in der Geschichte ein Gericht die Schuldigen dazu verurteilt hat, einer Organisation – unserer Vereinigung – Schadensersatz zu zahlen für die Beeinträchtigung ihres Auftrags zum Schutz der Natur“, erläutert Cattabriga. Die Schuldigen seien symbolisch dazu aufgefordert worden, den Schaden wiedergutzumachen, den sie der Natur zugefügt haben. „Einer Natur, die hier endlich mit all ihren Bestandteilen anerkannt wird: Pflanzen, Tiere, aber auch Flüsse, Wälder, ganze Ökosysteme … mit einem Recht auf Existenz“, so Cattabriga.
Juristisch war es zwar die Organisation ABC, die den Schaden geltend gemacht hat, doch der zugrunde liegende moralische Anspruch zielte auf etwas Größeres ab: den Schutz der lebendigen Vielfalt als eigenes Recht. Das Urteil gilt als ein konkreter Sieg für den Pflanzenartenschutz und ein juristisches Novum, auf das sich aufbauen lässt.
Entscheidender Wendepunkt
Genau das möchte Jacob Phelps erreichen. Der Umweltwissenschaftler von der Lancaster University war von Anfang an als Berater von Cattabrigas ABC in das Verfahren in Ancona eingebunden. Phelps ist Mitgründer von Conservation Litigation, einer Initiative, die juristische Instrumente des Naturschutzes weltweit voranbringen will. „Es ist sehr ungewöhnlich, dass der Staat auch sein Recht nutzt, Wiedergutmachung für Umweltschäden einzufordern“, sagt er. Tatsächlich war es das erste Mal in Italien, dass einer Naturschutzorganisation ein Schadensersatz für den Verlust biologischer Vielfalt zugesprochen wurde. Laut Phelps ist genau dieses Urteil ein entscheidender Wendepunkt. Das Rechtssystem könne eine symbolische Wirkung entfalten, wenn es den moralischen Schaden an lebendiger Vielfalt anerkennt. In vielen Rechtsordnungen, auch in solchen außerhalb Italiens, könnte ein ähnlicher Ansatz möglich sein. „Der Zugang zu Rechtsschutz ist in vielen Ländern realistisch – wenn man weiß, wie es geht und wenn die Kosten überschaubar bleiben“, sagt Phelps. Besonders in Staaten wie den Philippinen, Liberia oder Indonesien sei es möglich, für 10.000 oder 20.000 Dollar wirksame Verfahren auf den Weg zu bringen. In diesen Ländern arbeitet Conservation Litigation derzeit an weiteren Verfahren, unter anderem zu Umweltschäden durch Bergbau und zum illegalen Wildtierhandel. Ziel ist es, Klagen zu ermöglichen, bei denen Umweltschäden an Ökosystemen als zivilrechtlich relevant anerkannt werden – jeweils im Rahmen der nationalen Gesetzgebung.
Noch aber bleibt das Urteil von Ancona ein Einzelfall. Ob ihm weitere folgen werden, hängt auch davon ab, wie konkret eine Wiedergutmachung organisiert werden kann. Was geschieht mit den Pflanzen, wenn der Schaden anerkannt ist? Und wie sieht eine echte Reparatur für die Natur aus?
In die Wüste schicken
Die Antwort führt zurück nach Chile. Im April 2021 wurden rund 840 der sichergestellten Copiapoa aus dem botanischen Garten von Mailand nach Chile zurückgeführt. Gut 100 Pflanzen hatten die illegale Entnahme nicht überlebt und die restlichen Exemplare verblieben zu Forschungszwecken in Mailand. Organisiert wurde die Rückführung von der IUCN Cactus and Succulent Plants Specialist Group unter Leitung von Bárbara Goettsch. Die Mexikanerin koordinierte gemeinsam mit ABC die Gespräche zwischen italienischen und chilenischen Behörden. Auch das war ein Novum: Zum ersten Mal weltweit wurden lebende Kakteen in großer Zahl in ihr Herkunftsland zurückgebracht. „Es gab keinerlei Protokoll, wie man beschlagnahmte Pflanzen zurückführt. Wir mussten uns das Verfahren Schritt für Schritt selbst erarbeiten“, erinnert sich Goettsch.
Doch so beispiellos der juristische und logistische Erfolg auch war – eine echte Wiederansiedlung war kaum möglich. Viele der Pflanzen hatten eine unklare Herkunft, waren genetisch durchmischt oder bargen potenzielle Krankheitsrisiken. In die Natur entlassen werden sie deswegen wohl nie. Und dennoch war diese Rückführung ein wichtiges Signal. Goettsch spricht von einem „beispiellosen Fall“ – nicht nur wegen der schieren Anzahl der Pflanzen, sondern auch, weil erstmals überhaupt ein solcher Schritt gelang. Der Fall wurde außerdem zum Prüfstein für internationale Kooperation: Zwischen Pflanzenpapieren, Zollbestimmungen, Artenschutzrecht und Quarantäne mussten neue Wege gefunden werden. Auch innerhalb der IUCN gilt das Verfahren als Modell für künftige Fälle – nicht als Blaupause, aber als mutiger Anfang.
Tatsächlich, so betont Goettsch, liege die eigentliche Wirkung dieses Präzedenzfalles nicht im ökologischen, sondern im symbolischen Bereich. Viele der Kakteen werden ihr weiteres Leben in einem botanischen Garten verbringen – aber sie haben dazu beigetragen, ein Bewusstsein zu schaffen: für die Problematik illegaler Entnahmen, für die Lücken in der Kontrolle, für die Verantwortung der Käufer. „Viele Menschen wissen gar nicht, dass ihre Pflanze aus illegaler Entnahme stammen könnte. Sie kaufen nach Aussehen – nicht nach Herkunft.“
Begehrte Ware
Oft ist es gerade diese Begehrlichkeit, die den illegalen Markt antreibt. „Die Nachfrage kommt von Liebhabern, die ein Stück Wüste besitzen wollen – möglichst mit allen Spuren der Wildnis“, sagt der Chilene Guerrero. Für viele Sammler seien die seltenen Copiapoa ein Statussymbol – besonders, wenn die Pflanzen direkt aus dem Habitat stammen. Smartphones und soziale Medien machen es den Schmugglern einfach: „Es passiert viel über Facebook und Instagram. Dort können die Käufer selbst auswählen. Manche Anbieter senden sogar Live-Videos aus der Wüste und fragen, welche Pflanzen sie ausgraben sollen“, berichtet Guerrero.
Zwar sind die allermeisten von der IUCN erfassten Copiapoa-Arten durch CITES reguliert. Viele stehen jedoch nur auf Appendix II, der den Handel regelt, aber erlaubt. Nur Appendix I bietet einen umfassenden Schutz vor internationalem Handel. „Einige Arten sollten in Appendix I aufgenommen werden“, fordert Bárbara Goettsch. „Aber ohne Kapazitätsaufbau bringt auch das wenig.“ Denn viele Behörden seien schlicht nicht in der Lage, illegale von legalen Pflanzen zu unterscheiden – weder an Flughäfen noch im Onlinehandel.
Damit ist klar: Die juristische Einordnung allein reicht nicht. Was zählt, sind Maßnahmen vor Ort. Und die beginnen nicht erst in der Wüste, sondern bei den Konsumenten. Wer legal kaufen will, braucht Alternativen zur Schmuggelware. Zwar ziehen gerade europäische Gärtnereien erhebliche Mengen an Kakteen heran, deren Saatgut von überall auf Welt stammt, doch sie sehen nicht authentisch genug aus. Das Original aus der Wüste ist gefragter. Zudem wachsen viele Copiapoa-Arten extrem langsam, während aus der Wüste gestohlene Exemplare schon ihre volle Größe erreicht haben. „Der Handel mit Kakteen aus europäischer Produktion ist erlaubt – aber das hilft dem Schutz in den Herkunftsländern nicht“, sagt Goettsch. „Von dem, was in Europa verkauft wird, geht auch kein Cent zurück nach Chile oder in den lokalen Artenschutz.“ Die Lösung liegt für sie in einem gerechteren Handel: Legal kultivierte Pflanzen aus den Ursprungsländern, versehen mit Herkunftsnachweis oder Fairtrade-Siegel. So könnten Gewinne aus dem Handel direkt in Schutzprojekte fließen – etwa in Bildungsarbeit oder Habitatpflege.
Weitere Präventionsmaßnahmen
Auch Rodrigo Dutra-Silva spricht sich für eine lokale Produktion aus. Der brasilianische Umweltjurist plädiert für eine ursprungsnahe Saatgutvermehrung – angepasst an die Bedingungen der Herkunftsregionen. Bis dahin ist der Weg jedoch weit: Viele Länder haben keine klaren Regeln zur Herkunft, zum Transfer oder zur Rückverfolgbarkeit von Saatgut. Und selbst dort, wo es Regeln gibt, fehlt es oft an Personal und der nötigen Struktur, um sie umzusetzen. Ohne ein geregeltes System bleibt der Markt jedoch intransparent – und damit anfällig für Missbrauch. Wer illegal gesammelte Pflanzen nicht gesichert von legalen unterscheiden kann, kann sie auch nicht wirksam schützen.
Botanische Gärten könnten hier als wichtige Partner fungieren – doch auch sie stoßen an Grenzen. Zwar sei eine „Erhaltung außerhalb des natürlichen Habitats günstiger und bei Pflanzen ethisch weniger heikel als bei Tieren“, sagt Michiel Pillet. Doch die Gärten seien vielerorts unterfinanziert und inzwischen schlicht voll. Noch gravierender sei der Vertrauensverlust, warnt Pillet: „Der illegale Handel hat einen Keil zwischen Forschung, Praxis und Hobbyzucht getrieben.“ Um dem entgegenzuwirken, fordert er neue Allianzen: zwischen Forschung und Praxis, zwischen Zucht und Artenschutz. „Wenn wir Artenverluste unter dem Klimawandel begrenzen wollen, müssen wir auf diesen Feldern dringend vorankommen.“
Ob sich die Copiapoa-Population nach den herben Verlusten in der Atacama-Wüste erholen kann, ist fraglich. Vielleicht ist es schon zu spät. Dennoch gibt es Menschen, die nicht aufgeben. So haben Mauricio González und sein Team mittlerweile abgelegene Orte entdeckt, an denen seltene oder neue Kakteenarten überdauern konnten. Diese Fundorte sind nur den Helfern bekannt. Im Frühling und Sommer tragen sie Wasser in Kanistern dorthin, um einzelne Exemplare zu bewässern.
Besonders eindrücklich ist für González ein Platz bei Mejillones: Dort standen einst Tausende Copiapoa solaris, einige fast einen Meter hoch. Heute sind sie alle tot – bis auf zwei, die auf einem windumtosten Küstenkamm überlebt haben. „Diesen beiden widmen wir unsere volle Aufmerksamkeit, wir erhalten sie um jeden Preis“, sagt er. Ihr Überleben ist ein stilles Aufbegehren – gegen das Verschwinden des Lebens aus der Wüste. //
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