Viren manipulieren das Geschlechterverhältnis der Menschheit.
Die Geschichte der erstaunlichen Entdeckung begann, als die 24-jährige Ökonomie-Doktorandin Emily Oster im Sommer 2004 am Swimmingpool in Las Vegas ein Buch über die Jagd nach dem Erreger der weit verbreiteten Infektionskrankheit Hepatitis B las. Emily Oster war bereits als eine Art Wunderkind aufgefallen. Mit zehn Jahren rechnete die Tochter eines Ökonomenpaars komplizierte mathematische Analysen, mit 22 errang sie an der Elite-Universität Harvard ihren Bachelor-Grad mit „magna cum laude”. Ihr Spezialgebiet wurde die ökonomische Seite von Krankheiten.
Bei ihrer Pool-Lektüre stieß Emily Oster auf ein scheinbar kurioses Ergebnis einiger zum Teil Jahrzehnte alter Erhebungen: Von Griechenland bis zu den Philippinen bekamen mit Hepatitis B infizierte Eltern deutlich mehr Jungen als Mädchen. Oster, die heute als Wirtschaftswissenschaftlerin an der University of Chicago arbeitet, überlegte, ob dieser merkwürdige Befund vielleicht ein düsteres Rätsel lösen könnte – das Geheimnis der fehlenden Frauen: In westlichen Ländern leben praktisch genauso viele Frauen wie Männer, doch in Asien „fehlen” je nach Schätzung zwischen 60 und 100 Millionen Frauen.
Die indische Ökonomin Amartya Sen hatte schon 1990 die Vermutung geäußert, dass in diesen Ländern Mädchen weniger zu essen bekommen und schlechter medizinisch versorgt werden, sodass sie sterben, bevor sie erwachsen werden – oder dass sie sogar getötet werden. Oster kam eine neue Erklärung in den Sinn: Vielleicht wurde ein Teil der vermissten Frauen nicht geboren, weil ihre Eltern an Hepatitis B erkrankt waren? Um dem nachzugehen, trug sie Datenmaterial aus aller Welt zusammen. Das Ergebnis wurde vor Kurzem im Journal of Political Economy veröffentlicht. „Spannend” und „gut gemacht” beurteilt der Mediziner Markus Cornberg, Geschäftsführer vom Kompetenznetz Hepatitis, Osters statistische Analysen.
Oster hatte die Daten der Weltgesundheitsorganisation studiert. Diese teilt die Welt mit Blick auf Hepatitis B in drei Kategorien ein:
• Zu Kategorie 1 gehören Nationen wie Kanada oder Deutschland, wo weniger als 2 Prozent der Bevölkerung infiziert sind.
• Länder der Kategorie 2 haben Infektionsraten zwischen 2 bis 7 Prozent – wie Russland und Venezuela.
• Staaten mit höherer Infektionsrate fallen in Kategorie 3. Zu ihnen gehören China und Liberia, aber auch Bulgarien und Israel.
Tatsächlich zeigen schon die groben Statistiken einen Überschuss an Jungen in den stärker durchseuchten Länder: Sie machen durchschnittlich 51,8 Prozent der Geburten aus. Ein gewisser Jungenüberschuss ist zwar normal, da der männliche Nachwuchs generell eine höhere Sterblichkeit hat, und die Natur wahrscheinlich auf diese Weise für ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis im Erwachsenenalter sorgt. Aber in Ländern der Kategorie 1 beträgt der Jungenanteil bei Neugeborenen nur etwa 51,2 Prozent. Dieser auf den ersten Blick kleine Unterschied summiert sich über die Jahre in bevölkerungsreichen Ländern wie Indien zu Millionen von überzähligen Knaben – oder fehlenden Mädchen.
Die Einteilung in drei Gruppen ist allerdings sehr grob, weshalb Emily Oster nach genaueren Statistiken suchte. In 38 Länden wurde sie fündig. Ihre Analyse zeigt einen klaren Trend: Mit jedem Prozentpunkt, um den die Infektionsrate steigt, klettert der Anteil der geborenen Jungen um einen zehntel Prozentpunkt. Eine Steigerung des Anteils der Erkrankten um 10 Prozent bedeutet also ein Prozent mehr männliche Kinder. Diese Korrelation fand Oster auch innerhalb der vergleichsweise reichen OECD-Länder. Somit lässt sich ausschließen, dass in den armen Ländern zufällig mehr Hepatitis B-Fälle mit einem aus ganz anderen Gründen erhöhten Männeranteil zusammentreffen.
Emily Oster wies noch direkter nach, dass ein hoher Männerüberschuss etwas mit der Geißel Hepatitis B zu tun hat: In den Achtzigerjahren begannen weltweit große Impfprogramme gegen die Leber-Viren. Vorher lag der Anteil der Infizierten zum Beispiel in einigen Regionen Alaskas unter den Ureinwohnern bei bis zu 20 Prozent. Dann sank er allmählich, weil keine neuen Ansteckungen mehr dazu kamen. Prompt sank der Anteil der Jungen an den Geburten entsprechend. In anderen Ureinwohner-Gegenden, wo es von Anfang an kaum Infizierte gab, änderte sich am Geschlechterverhältnis dagegen nichts. Daten aus Taiwan deuten in die gleiche Richtung.
Warum Hepatitis B zu weniger Mädchen führt, ist noch nicht geklärt. Diskutiert werden zwei Hypothesen: Weibliche Föten von erkrankten Müttern könnten schon früh in der Schwangerschaft häufiger Opfer von Fehlgeburten werden. Oder aber es werden aus bislang unbekannten physiologischen Gründen von vornherein weniger Mädchen gezeugt.
„Fast 30 Millionen Frauen sind durch diese Ergebnisse ,wiedergefunden‘”, bilanziert Oster. 30 weitere Millionen allerdings fehlen immer noch, vor allem in Indien, Pakistan und Nepal. Während in China 75 Prozent der „Vermissten” auf das Konto von Hepatitis B gehen dürften, sind es in diesen drei Ländern nicht einmal 20 Prozent. In China beginnt der deutliche Männerüberschuss bei der Geburt und wird geringer, während die Kinder heranwachsen. In Indien verhält es sich umgekehrt – die Mädchen werden immer weniger. In diesem Land wird das weibliche Geschlecht offenbar tatsächlich tödlich benachteiligt, wie es Amartya Sen vermutete.
Eine dieses Jahr in „Lancet” erschienene Studie zeigt noch einen neuen Trend: In Indien werden gezielt Mädchen abgetrieben, bis die Familien ihren „Stammhalter” bekommen haben. In den Geburtsstatistiken entdeckten Forscher um Prabhat Jha von der University of Toronto, dass in Familien, die bereits zwei Jungen haben, normal viele Mädchen geboren werden. Bei Ehepaaren, die dagegen zwei Mädchen haben, sind nur etwa 36 Prozent der Neugeborenen weiblich. Vorsichtig hochgerechnet fehlen dadurch in den letzten zwei Jahrzehnten zehn Millionen Mädchen. ■
Jochen Paulus
Ohne Titel
Wenn die Umstände es erfordern, kann die Natur auch für mehr weibliche als männliche Nachkommen sorgen. Das Geschlechterverhältnis scheint nach verschiedenen Studien nicht zufällig zu sein, sondern von mehreren Faktoren wie dem Gewicht der Mutter, der Stabilität der Partnerbeziehung, Krisen, Infektionen und Umweltbelastungen abzuhängen.
Eine solche Studie stammt vom Urologen Jorge Hallak und seinem Team von der Universität São Paulo. Die Wissenschaftler haben in der brasilianischen 17-Millionen-Metropole den Einfluss von Luftverschmutzung auf das Geschlecht des Kindes untersucht. Dazu teilten sie die Luftqualität in der Stadt in drei Kategorien ein und werteten die Geburtenrate zwischen 2001 und 2003 aus. Das Ergebnis: In Regionen mit stark belasteter Luft waren die Babys zu 49,3 Prozent weiblich, bei geringer Luftverschmutzung lag die Mädchenquote bei 48,3 Prozent.
Noch gibt es keine allgemein akzeptierte Erklärung für das variable Geschlechterverhältnis, aber mehrere biologisch gut fundierte Hypothesen:
• Viele Wissenschaftler sind sich einig, dass diverse Umweltgifte die Zahl und Qualität der Spermien mit Y-Chromosom vermindern, aus denen der männliche Nachwuchs hervorgeht.
• Ralph Catalano und Tim Bruckner von der University of California in Berkeley vermuten sogar eine „natürliche Auslese” im Mutterleib – denn Mädchen sind generell stärker und überlebensfähiger als Jungs. Evolutionär gesehen ist es darum für die Mutter sinnvoller, in schwierigen Zeiten Mädchen zu produzieren und männliche Föten abzustoßen. Für diese These spricht auch, dass nach den schwierigen Jahren nach den Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern Europas vermehrt Mädchen geboren wurden. Auch eine starke Umweltverschmutzung könnte der Körper der Mutter als Krise interpretieren. cfa





