Die Tonmodulation macht die Musik
Signorello sammelte daraufhin Sprachaufnahmen von Bossis Reden aus der Zeit vor und nach dem Hirnschlag und verglich deren akustische Parameter. Dabei stieß er tatsächlich auf deutliche Unterschiede: Vorher war Bossis Stimme durch eine tiefe Grundfrequenz und eine eher große Spannbreite von Tonhöhenänderungen gekennzeichnet. Zudem sorgten Turbulenzen im Luftstrom für knarzende und harte Nebengeräusche. Nach der Rekonvaleszenz blieben Grundfrequenz und Nebengeräusche zwar erhalten, die Stimme besaß aber nur noch wenig Tonmodulation, die Sprachmelodie wirkte dadurch eher flach. Könnte dies die Ursache für die veränderte Wirkung des Politikers auf seine Anhänger sein?
Um das herauszufinden, veränderte der Forscher die Stimmproben so, dass deren akustische Parameter unverändert blieben, alle verständlichen Worte aber unkenntlich wurden. Diese Stimmproben spielte Signorello dann Probanden vor, die weder Bossi noch dessen Stimme kannten. Wie sich zeigte, beurteilten sie die ihnen unbekannte Person hinter der Stimme dennoch ähnlich wie die Bossi-Wähler in Italien: Der Besitzer der “Vorher-Stimme” erschien ihnen als Persönlichkeit mit Autorität, der der Hinterher-Stimme dagegen eher als gutmütig und wenig dominant. “Das zeigt, dass die Tonmodulation eine wichtige Rolle für die Wirkung einer Stimme spielt”, so Signorello.
Tiefe Grundfrequenz wirkt dominanter
Als nächstes testete der Forscher diese Hypothese, indem er auch die Inhalte von Reden anderer italienischer, französischer und brasilianischer Politiker unkenntlich machte und die Stimmproben dann Probanden der verschiedenen Nationalitäten vorspielte. Dabei zeigte sich eine zweite Komponente, die die Wirkung einer Stimme beeinflusst: die Grundfrequenz. Die Versuchsteilnehmer empfanden Männerstimmen mit besonders tiefer Tonlage und einer großen Spannbreite der Modulation als dominant und Respekt einflößend. Stimmen mit höherer Grundfrequenz und einer geringeren Tonspannbreite wirkten dagegen auf sie zwar ehrlich und vertrauenerweckend, aber wenig dominant, wie Signorello berichtet.
Dies bestätigt, dass die Stimme eine durchaus wichtige Rolle dabei spielt, wie wir einen Menschen einschätzen. Ob wir allerdings bei Politikern eher tiefe, dominante Stimmen oder höhere, vertrauenswürdig wirkende Stimmen bevorzugen, ist von der Kultur abhängig: “Italiener scheinen tiefe Stimmen zu bevorzugen, die Französen dagegen höhere”, erklärt Signorello. “Offenbar wünschen sich die Italiener einen eher dominanten Anführer, die Franzosen legen mehr Wert auf Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit.”





