Kolkraben haben frisch geborene oder schwache Lämmer als leichte Beute entdeckt. Einige Schäfer fordern daher Abschussgenehmigungen für die Vögel. Für andere ist es keine Lösung, Tod gegen Tod zu tauschen.
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Text: Gunther Willinger
Als Stefan Fauser an diesem Morgen zu seinen Schafen auf der Schwäbischen Alb fährt, sieht er die Raben schon von Weitem. Schwarze Punkte im Nebel, verteilt über die Weide. Einige hüpfen zwischen den Mutterschafen hindurch, andere flattern auf, als der Schäfer näher kommt. Dann entdeckt er ein Lamm, das mit blutigem Schwanz am Boden liegt. „Die gehen vor allem auf die Schwänze“, sagt Fauser. Etliche Tiere sterben später an Infektionen.
Es gab Jahre, in denen habe er Dutzende Lämmer durch die Rabenangriffe verloren, berichtet Fauser. Lange Zeit, so der Schäfer, habe ihm kaum jemand geglaubt. Bis im März 2026 die SWR-Dokumentation „Gefährliche Raben – schützen oder abschießen?“ ausgestrahlt wurde und das Thema bundesweit in den Schlagzeilen landete.
Die Aufnahmen zeigen Kolkraben, die an lebenden Ferkeln und Lämmern picken. Und Schäfer, die tote Lämmer mit ausgehackten Augen und blutigem Maul auffinden. Seitdem wird heftig gestritten: Sind Raben ein unterschätztes Problem der modernen Tierhaltung – oder werden sie zum Sündenbock eines Systems gemacht, das selbst aus dem Gleichgewicht geraten ist?
Warum greifen Raben an?
Dass Kolkraben gelegentlich auch lebende Tiere attackieren, überrascht Ornithologen wenig. Die großen Rabenvögel gelten als hochintelligente Opportunisten: Sie fressen fast alles, was ihnen leicht zugänglich erscheint – von Körnern und Aas bis zu Eiern, kleinen Wirbeltieren oder schwachen Jungtieren. „Kolkraben nutzen konsequent jede ergiebige Nahrungsquelle“, sagt Markus Handschuh vom Verein Naturnahe Weidelandschaften. Besonders neugierig und experimentierfreudig seien junge Vögel.
So handelt es sich bei den Attacken im Freiland offenbar häufig um Jungvogelschwärme. Diese Gruppen aus meist noch nicht fest verpaarten Raben können Dutzende bis Hunderte Individuen umfassen und ziehen auf der Suche nach Nahrung durch die Landschaft. In der Gemeinschaft wagen sich die Vögel oft an Situationen heran, die für einzelne Tiere zu riskant wären. Haben sie Erfolg, schauen sich das die anderen schnell ab. „Raben beobachten sehr genau und können Verhalten voneinander übernehmen“, sagt Handschuh. Hinzu kommt: Viele moderne Nutztierhaltungen im Freiland kommen den Vögeln entgegen. Raben bevorzugen offene, übersichtliche Flächen, auf denen sie Feinde früh erkennen können.
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Genau dort befinden sich häufig Freilandhaltungen mit neugeborenen, noch schwachen Tieren. Besonders gefährdet sind Lämmer oder Ferkel unmittelbar nach der Geburt, wenn sie noch erschöpft, unterkühlt oder orientierungslos sind.
Wie groß ist das Problem?
Wie häufig Raben tatsächlich gesunde Nutztiere töten, lässt sich nur schwer beziffern. Oft bleibt unklar, ob ein Lamm oder Ferkel bereits tot, schwach oder krank war, bevor die Vögel daran pickten. Viele Aufnahmen zeigen zwar verletztes Vieh – ob die Raben jedoch die eigentliche Todesursache waren, ist häufig nicht eindeutig nachweisbar. Deutschlandweit dürfte das Problem im Vergleich zu Krankheiten, Unterkühlung oder Komplikationen während der Geburt eher klein sein. In einer Mitteilung des Baden-Württembergischen Umweltministeriums heißt es, dass die Brutbestände des Kolkraben in den letzten 20 Jahren zwar deutlich zugenommen hätten, es aber „aktuell keine signifikante Verhaltensänderung bei Kolkraben im Hinblick auf die Schafhaltung“ gebe.
Einzelne Betriebe können dennoch erhebliche Probleme haben. „In schlimmen Jahren habe ich schon 50 von 400 Lämmern verloren“, berichtet Stefan Fauser, der in seiner Schäferei auf der Schwäbischen Alb rund 1.200 Mutterschafe hält. Viele Lämmer würden auch nicht direkt durch die Attacke sterben, sondern an Folgeinfektionen wie der Nabel-Gelenk-Lähme, einer durch Bakterien ausgelösten Blutvergiftung.
Aus Sicht vieler Fachleute liegt die eigentliche Ursache des Konflikts allerdings weniger bei den Raben als in den schwierigen Bedingungen heutiger Tierhaltung. Die Herden sind oft deutlich größer als noch vor wenigen Jahrzehnten, gleichzeitig fehlt vielerorts das Personal für eine engmaschige Betreuung.
Historisch hätte ein Hirte mit 50 oder 100 Schafen ein Auskommen finden können, heute rechne sich die Arbeit unter 500 Tieren kaum noch. Und selbst dann könne ein geringfügiges Absinken des Fleischpreises um ein paar Cent einen Betrieb schon in Bedrängnis bringen, erklärt Markus Handschuh. Die Probleme mit den Raben sieht der Vogel- und Weideexperte als Symptom für Fehlentwicklungen im System. „Wir müssen uns die Frage stellen, welche Art von Tieren wir wo und unter welchen Bedingungen halten wollen“, sagt Handschuh.
Er plädiert für eine bessere Unterstützung und Entlohnung der Tierhalter, fordert aber auch ein Umdenken. „Wo noch Beutegreifer vorkommen, wie in Rumänien, würde kein Schäfer seine Herde nur einmal am Tag kontrollieren und ansonsten allein lassen.“ Hierzulande sei es dagegen – auch aufgrund ökonomischer Zwänge – mittlerweile normal, dass die Herden in Koppeln für längere Zeit unbeaufsichtigt bleiben. Doch frei von Tieren, die den Schafen gefährlich werden können – seien es Raben oder Wölfe – ist auch Deutschland nicht.
„Wenn ich höre, dass die Tiere ständig behütet werden sollen, frage ich mich sofort: Wer soll den Schäfer bezahlen?“, entgegnet Judith Wohlfarth, Schweinezüchterin vom Hofgut Silva bei Oberkirch am Fuße des Nordschwarzwaldes.
Sie hält rund 150 Schweine der robusten englischen Freilandrassen Berkshire und Tamworth. Die wühlen, schnüffeln und grunzen in einer abwechslungsreichen Landschaft aus Streuobstwiesen und Kastanienhainen und sind ganzjährig an der frischen Luft, ganz ohne Stall. Für die Geburt ziehen sich die Muttersauen in kleine Unterstände zurück, die ausreichend Schutz bieten.
Raben gebe es in der Region viele, aber sie machten ihr bislang keine Probleme, sagt Wohlfarth. Die Schweinezüchterin betont die Bedeutung der Züchtung und Verwendung geeigneter Rassen für die Freilandhaltung. „Meine Muttersauen verteidigen ihre Ferkel aggressiv“, berichtet sie. Mit der Industrialisierung der Tierhaltung habe man solche natürlichen Instinkte weggezüchtet, weil sie den Umgang mit den Schweinen erschweren können. Man habe vor allem auf leichtes Handling, schnelles Wachstum und guten Fleischansatz geachtet, sagt Wohlfarth. Solche Schweine seien dann auch nicht wehrhaft.
Die Mutterschafe von Stefan Fauser wehren die Rabenangriffe nicht ab. Und so hat der Schäfer schon einiges probiert, um seine Herde vor den Vögeln zu schützen. Doch viele klassische Vergrämungsmaßnahmen verlieren schnell ihre Wirkung. „Raben sind extrem lernfähig“, sagt Fauser. Schreiende Plastikraben, Vogelscheuchen oder aufgehängte tote Krähen hätten seine Schafe meist nur wenige Tage geschützt. Einmal, vor etlichen Jahren, habe er eine Abschussgenehmigung bekommen. „Der Jäger hat damals einen Raben aus der Gruppe geschossen, dann ist ein Jahr lang Ruhe gewesen“, erinnert er sich. Eine Genehmigung zu beantragen, dauere aber oft so lange, dass die zwei bis drei Wochen, in denen das Problem bei ihm akut sei, schon vorbei wären.
Der Bundesverband der Berufsschäfer bestätigt die Erfahrungen Fausers. Vergrämungsmaßnahmen würden meist kurz- bis mittelfristig scheitern, schreibt der Vereinsvorstand und fordert „ein wildtierbiologisch sinnvolles Bejagungskonzept in Zusammenarbeit mit ortsansässigen Jägern“. Doch Ornithologe Markus Handschuh bezweifelt, dass Abschüsse das Problem dauerhaft lösen können. „Rabenbestände werden vor allem über die Nahrungsverfügbarkeit und ihre eigene Bestandsdichte reguliert, nicht über Beutegreifer“, sagt der Experte. „Ein Abschuss kann die Tiere bestenfalls kurzzeitig lokal vergrämen.“ Wo leicht zugängliche Nahrung vorhanden sei, würden schnell neue Raben nachrücken. Gleichzeitig sehen Fachleute wie Handschuh zahlreiche Möglichkeiten, Konflikte zu entschärfen, ohne die Bestände der geschützten Vögel grundsätzlich zu reduzieren. Entscheidend sei vor allem, den Raben möglichst wenig Anreize zu bieten. Dazu gehört eine konsequente Weidehygiene: Nachgeburten, Totgeburten oder verendete Tiere sollten möglichst rasch entfernt werden. Auch offene Fütterungen mit für Rabenvögel attraktiven Futtermitteln wie Maissilage oder Pellets gelten als problematisch.
Eine zentrale Rolle spielt außerdem die Betreuung der Tiere während sie gebären. Besonders gefährdet sind neugeborene Lämmer oder Ferkel in den ersten Lebensstunden, vor allem bei schlechtem Wetter und auf offenen, deckungsarmen Flächen. Fachleute empfehlen deshalb, das Geburtsgeschehen zeitlich möglichst zu bündeln und die Herden in dieser Phase engmaschig zu kontrollieren.
Manche Betriebe stallen lammende Tiere zeitweise auf oder bieten Unterstände und Windschutz an. Auch eine zeitweise Verlagerung der Herde könne das Problem entschärfen. Ziel sei es, dass die Raben einzelne Betriebe oder Weiden erst gar nicht als verlässliche Nahrungsquelle abspeichern.
Tabuthema Tod
Darüber hinaus diskutieren Wissenschaftler noch grundlegendere Ansätze. Der Umweltwissenschaftler Jörn Buse, Leiter des Referats Naturschutzstrategie und Artenschutz beim Nationalpark Schwarzwald, verweist beispielsweise darauf, dass Raben ursprünglich vor allem Aasfresser waren, in der heutigen Landschaft aber kaum noch natürliche Kadaver finden. „Der Tod ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema – leider auch draußen in der Natur“, sagt er. Früher gehörten sogenannte Schindanger, auf denen Tierkadaver lagen, zum Alltag vieler Regionen. Heute müssen tote Tiere sofort aus der Landschaft entfernt werden. Einige Forschende halten es deshalb für möglich, dass der Mangel an natürlichem Aas den Druck auf alternative Nahrungsquellen erhöht.
Ein Forschungsteam im schottischen Cairngorms-Nationalpark konnte nachweisen, dass sich der Prädationsdruck auf das gefährdete Auerhuhn deutlich verringerte, wenn Hirschkadaver ausgelegt wurden, und führte dies darauf zurück, dass Baummarder und Fuchs statt der Gelege der Wildhühner vermehrt das Aas der Hirsche fraßen. Während es in Ländern wie Spanien, Frankreich oder Bulgarien seit etlichen Jahren erlaubt ist, in eigens ausgewiesenen, meist abgelegenen Gebieten verendete Nutztiere oder die Kadaver von Wildunfällen auszulegen, ist das in Deutschland bislang selbst in großen Schutzgebieten oder auf Truppenübungsplätzen nur im Rahmen von Forschungsprojekten möglich.
Ob Kadaverplätze tatsächlich helfen würden, Übergriffe auf Nutztiere zu reduzieren, ist bislang allerdings wissenschaftlich ungeklärt. Sicher ist nur: Der Konflikt zwischen Tierhaltung und Kolkraben wird sich kaum mit einer einzigen Maßnahme lösen lassen.
Für manche Tierhalter sind die Raben längst mehr als nur ein Symbol für Wildnis. Sie stehen für einen Konflikt, der weit über einzelne tote Lämmer hinausgeht: die Frage, wie moderne Tierhaltung aussehen soll – und wie viel Platz darin noch für natürliche Prozesse bleibt. „Raben sind weder böse noch grausam“, sagt Markus Handschuh. „Sie tun das, was Raben eben tun.“ //
Seit Oktober 2022 läuft in deutschen Nationalparks ein Pilotprojekt, in dem Kadaver ausgelegt werden und die ökologische Verwertung unter anderem mithilfe von Kamerafallen wissenschaftlich untersucht wird. Dabei zeigte sich, dass Kadaver echte Hotspots der Biodiversität sind. Allein im Nationalpark Bayerischer Wald zählten die Forschenden im Projektverlauf 17 Wirbeltierarten (darunter Wildkatze, Seeadler, Rotmilan – und Kolkraben), 92 Käferarten, 97 Zweiflügler (zum Beispiel Fliegen), 1.820 Bakterienarten und 3.726 Pilzarten. Insgesamt konnten an der toten faunistischen Biomasse circa 6.000 Arten nachgewiesen werden.
Kolkraben: Verrufen und verfolgt, anpassungsfähig und schlau
Kolkraben (Corvus corax) sind auf der gesamten Nordhalbkugel verbreitet. Sie sind größer als ein Mäusebussard und leben sowohl in Grönland, wo sie Temperaturen bis minus 40 Grad Celsius trotzen, als auch in Nordafrika am Rand der Wüste. Jahrhundertelang wurden die pechschwarzen Singvögel mit dem mächtigen Schnabel als „Schädlinge“ verfolgt und bis 1945 in Deutschland fast ausgerottet. Dank strenger Schutzmaßnahmen haben sich die Bestände seither wieder erholt. In Deutschland gilt eine ganzjährige Schonzeit. Eine Bejagung ist nur lokal mit Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörden möglich. In Deutschland leben heute wieder etwa 30.000 Paare des Kolkraben, Tendenz steigend (zum Vergleich: Mäusebussard: 135.000 Paare, Rabenkrähe: 1 Million Paare). Ähnlich wie Geier und andere Aasfresser haben Kolkraben eine hohe ökologische Bedeutung und einen schlechten Ruf als unhygienisch oder Unglücksboten. Dabei gehören Raben zu den intelligentesten Tieren überhaupt. Sie zeigen ein komplexes Sozialverhalten, lernen spielerisch und probieren sich ständig aus. Sie kugeln etwa Schneefelder hinunter, vollführen atemberaubende Luftakrobatik, spielen mit Stöckchen oder Knochen und tauschen sich über Futterplätze aus.
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