Viele natürliche Salzwiesen und Feuchtgebiete entlang der Adriaküste sind verschwunden. Ausgerechnet die vom Menschen angelegten Salinen zählen deshalb heute zu den wertvollsten Lebensräumen für zahlreiche Arten.
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Aus der Vogelperspektive wirkt die kroatische Adriaküste bei Nin wie ein Mosaik aus Weiß, Braun, Grün und Blau. Was auf den ersten Blick an ein abstraktes Gemälde erinnert, sind in Wahrheit Salzfelder. Im Zentrum des Salzwerks liegen die Salzgewinnungsbecken, getrennt durch schmale Pfade, auf denen Besucher das Gelände erkunden können. Mit jedem Schritt werden neue Farbtöne in den Salinenbecken sichtbar, hervorgerufen durch Schlamm, Süß- und Meerwasser, Pflanzenteppiche und Salzkristalle. Zwischen den Salzfeldern führen Wasserläufe schließlich an einen Fluss oder an die türkisblaue Adria.
Das 55 Hektar große Salzwerk grenzt unmittelbar an das gleichnamige Städtchen Nin. Gelegen in einer Lagune zwischen Fluss, Meer und den Ausläufern des Velebitgebirges, hat sich über Jahrhunderte ein hochkomplexes Ökosystem entwickelt, in dem Mensch und Tier auf engstem Raum zusammenleben. Jahr für Jahr besuchen über 130.000 Menschen das Salzwerk, um mehr über die traditionelle Salzgewinnung und die faszinierende Tierwelt zu erfahren. Besonders bekannt ist die Niner Lagune für ihre Vogelwelt. Rund 250 der 400 Vogelarten Kroatiens lassen sich hier beobachten. Für viele von ihnen ist die Lagune eine wichtige Zwischenstation auf der adriatischen Zugroute zwischen Europa und Afrika. Vor allem im Frühjahr und Herbst wimmelt es auf den Salzfeldern von Vögeln, die rasten und Nahrung suchen. Welche Arten anzutreffen sind, verändert sich im Laufe des Jahres ständig.
„Im Sommer, wenn die Salzgewinnung ihren Höhepunkt erreicht, steigt der Salzgehalt der Becken an, was Organismen begünstigt, die an hohe Salzkonzentrationen angepasst sind. Im Winter stehen einige Becken unter höherem Wasserstand oder liegen brach, und das Gebiet wird von anderen Vogelarten genutzt, die in dieser Region überwintern“, erzählt Sanja Stamenić Oštrić, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit des Salzwerks. Gerade der ständige Wandel macht diesen Ort aus: „Jede Jahreszeit bringt Veränderungen in der Zusammensetzung der Pflanzen- und Tiergemeinschaften mit sich. Das macht die Salinen zu einem außergewöhnlich reichen und vielfältigen Lebensraum.“ Die ökologische Bedeutung der Niner Lagune spiegelt sich in ihrem Schutzstatus wider. Als Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes „NATURA 2000“ gehört sie zu den besonders wertvollen Naturgebieten der EU.
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Die Geschichte der Salinen von Nin reicht weit zurück. Erbaut wurde das Salzwerk vor über 1.500 Jahren.Zeugnis dieser Zeit ist eine Schleuse, die noch heute aus einem der Becken herausragt.
Die traditionelle Methode der Salzgewinnung hat sich seitdem kaum verändert. Sie beruht auf zwei einfachen Prinzipien: Natürlichem Wasserfluss und Verdunstung. Alles, was es dazu braucht, sind Sonne, Wind und Meer. Über ein System aus Kanälen, Schleusen und Pumpen fließt Meerwasser in die 156 Becken, die durch Dämme und Pfade voneinander getrennt sind.
„Wir lassen Salzwasser in die Becken fließen, das dann je nach Sonnen- und Windstärke in etwa zehn Tagen verdunstet. Unterstützt wird der Prozess von der Bura, einem kräftigen Fallwind aus dem Velebitgebirge, die die Verdunstung beschleunigt. Dann lassen wir das Wasser abfließen und die Arbeiter sammeln das zurückbleibende Salz in den Kristallisationsbecken ein“, erklärt der Produktionsleiter des Salzwerks, Ivica Šalov, und zeigt dabei auf einen großen Salzhaufen, der auf den Weitertransport wartet. Geerntet wird das Salz zwischen Mai und September noch immer von Hand mit Schaufeln.
Überlebenskünstler
Bevor Menschen in der Niner Lagune begannen, Salz zu gewinnen, bot die Küstenlandschaft zahlreichen Arten einen natürlichen Lebensraum. „Salzwerke wurden in flache Meeresbuchten gebaut, die gemeinsam mit den angrenzenden Salzwiesen und Brackwassermooren eine große Artenvielfalt beherbergten“, erklärt Ornithologe Tibor Mikuška von der Kroatischen Gesellschaft für den Schutz der Vögel und Natur. Sumpfgebiete, in denen sich Salz- und Süßwasser mischen, gab es einst entlang der ganzen Adriaküste. Heute sind weniger als die Hälfte dieser ursprünglichen Gebiete übrig geblieben. Ursache sind unter anderem die zunehmende Bebauung und Flächenversiegelung, welche stark durch den Tourismus vorangetrieben werden.
Salinen haben deshalb für zahlreiche Lebewesen eine wichtige Ersatzfunktion übernommen und sind wertvolle Ökosysteme geworden. „Für die Vögel sind Salzwerke echte Oasen“, berichtet Mikuška. „Dort können sie weitgehend ungestört nisten, rasten und Nahrung suchen. An den Stränden hingegen werden sie oft durch Wassersportler aufgeschreckt.“
Innerhalb der Salinen selbst ist die Zahl der vorkommenden Arten überschaubar: „Wir haben hier eine Fischart, ein paar Krebsarten und einige Insektenarten. Diese Arten kommen in großen Beständen vor, weil sie mit den extremen Salzbedingungen zurechtkommen und deshalb nur wenig Konkurrenz haben. Für viele Vögel sind sie eine wichtige Nahrungsquelle.“ Besonders salzig ist die Kost für die Vögel nicht. Denn die kleinen Lebewesen auf ihrem Speiseplan, wie der Salinenkrebs (Artemia salina), scheiden das überschüssige Salz fortlaufend aus ihrem Körper aus. Spezielle Kiemen und Drüsen ermöglichen es ihnen, selbst Salzkonzentrationen von 50 Prozent zu überleben.
Ein Vogel, dem der Ornithologe zurzeit besonders viel Aufmerksamkeit schenkt, ist der Seeregenpfeifer (Charadrius alexandrinus). Der grazile Wasservogel ist in Kroatien vom Aussterben bedroht: „Wir haben hierzulande nur noch zwölf bis neunzehn Paare und etwa 90 Prozent davon nisten in Salinen.“ In der EU sind die Bestände seit 1980 um 20 Prozent zurückgegangen. An der kroatischen Küste fehlt es den Vögeln zunehmend an ruhigen Brutplätzen. Strandbesucher, die immer häufiger schon in der Vorsaison kommen, schrecken die Vögel auf, die zwischen April und Juni ihre Nester auf dem Boden bauen. Auch Meeresmüll und zunehmende Flächenversiegelung machen dem Seeregenpfeifer zu schaffen. Das Salzwerk von Nin zählt deshalb zu den wenigen geschützten Orten, an denen die Vögel jedes Jahr brüten. „Der Seeregenpfeifer nistet bei uns rund um die äußeren Becken. Am leichtesten entdecken wir ihn frühmorgens oder am Abend, wenn es im Salzwerk ruhiger wird“, erzählt Stamenić Oštrić.
Wesentlich weniger scheu ist der Stelzenläufer (Himantopus himantopus). Mit seinen dünnen roten Beinen und seinem langen Schnabel gehört er zu den auffälligsten Bewohnern der Salinen. „Die Stelzenläufer haben überhaupt keine Angst mehr vor Menschen, außer sie haben gerade Junge. Ansonsten sind sie für uns fast wie Haustiere.“ Der kontaktfreudige Zugvogel hat sich an die Salinenarbeiter und -besucher gewöhnt und kommt jedes Jahr in das Salzwerk. Dort baut er sein Nest auf den schmalen, bewachsenen Dämmen zwischen den Salinenbecken. Auch für den Stelzenläufer werden geeignete natürliche Lebensräume entlang der Adriaküste immer seltener. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) stuft den Stelzenläufer in Kroatien als gefährdet ein.
Die Niner Lagune ist nicht nur ein Paradies für Vogelbeobachter. Während zur Zugvogelzeit im Frühjahr und Herbst viele Hobby-Ornithologen mit Ferngläsern und Kameras anreisen, lockt die Vogelvielfalt auch Wilderer in die Lagune. An der Grenze zum Salzwerk, das in Privatbesitz ist, schießen sie auf alles, was fliegt, auch wenn es schon seit einigen Jahren verboten ist. „Wir führen gemeinsam mit Ornithologen regelmäßige Vogelbeobachtungen und -zählungen durch und melden den Behörden illegale Aktivitäten“, sagt Mikuška. „Meistens passiert wenig, aber zumindest üben wir Druck aus. Früher oder später muss der Staat gegen die Wilderei vorgehen.“
Nach Angaben des Ornithologen hat Kroatien internationale Abkommen zum Schutz von Zugvögeln unterzeichnet. Bis Ende 2026 muss deshalb ein nationaler Aktionsplan gegen Wilderei stehen. Schätzungen zufolge fallen in dem Balkanstaat nach wie vor jedes Jahr rund 500.000 Vögel Wilderern zum Opfer.
Eine weitere Gefahr droht der Vielfalt in den Salinen: dass der Mensch aufhört, sie zu kultivieren. In vielen Teilen Europas wird die traditionelle Salzgewinnung aus wirtschaftlichen Gründen – durch günstiger produziertes Salz aus anderen Regionen – eingestellt. Für die Natur kann das weitreichende Folgen haben. „Salinen müssen instand gehalten werden, sonst trocken sie aus oder werden vom Meer überflutet“, erklärt Mikuška. „Dadurch geht der hohe ökologische Wert dieser Orte verloren, weil auch die Variationen im Salzgehalt und der Tiefe des Wassers verschwinden. Und das verringert die Artenvielfalt, weil jede Art ihre eigene ökologische Nische sucht.“ Das Niner Salzwerk ist eine der letzten aktiven Salinen in Kroatien. Hier zeigt sich, wie wichtig das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur ist.
„Indem wir den Wasserhaushalt steuern und regelmäßig Meerwasser durch die Becken fließen lassen, verhindern wir, dass das Gebiet zuwächst, und erhalten somit die Feuchtgebiete“, sagt Stamenić Oštrić. Umgekehrt profitiere auch die Salzproduktion von einem intakten Ökosystem: „Die Qualität des Meerwassers, die Mikroorganismen und das natürliche Gleichgewicht in den Becken wirken sich direkt auf den Verdunstungs- und Kristallisationsprozess des Salzes aus. Ein gesundes Ökosystem ist daher nicht nur ein Wert, den wir schützen, sondern auch eine Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige Produktion. Ohne die Tiere und Pflanzen auf unseren Salinen gäbe es kein Salz. Sie sind unsere Partner bei der Salzgewinnung.“
Was geschieht, wenn Salinen aufgegeben werden, zeigt das ehemalige Salzwerk Dinjiška in der Region. Einst war es ein großes Nistgebiet für Vögel. Nach dem Ende der Salzproduktion drang das Meer in die Becken ein, das Gelände verlor seine charakteristische Struktur und ist heute weitgehend wieder Teil einer offenen Meeresbucht. Naturschutzorganisationen arbeiten daran, das Gebiet wiederherzustellen. Damit diese einzigartigen Lebensräume erhalten bleiben, braucht es beides: eine aktive Bewirtschaftung der Salinen und das Bewusstsein von Betreibern, Mitarbeitern und Besuchern für ihren hohen ökologischen Wert. Für Ornithologe Mikušk ist die Lehre aus dem Salzwerk Dinjiška eindeutig: „Es gibt immer weniger geeignete Lebensräume für Vögel. Wenn auch die wenigen verbliebenen Salinen nicht mehr bewirtschaftet werden, werden wir einen erheblichen Teil der Artenvielfalt verlieren.“ //
Naomi Bosch
ist Agrarwissenschaftlerin und Journalistin. Sie lebt in Kroatien und hat ihren Besuch im Salzwerk Nin in lebhafter Erinnerung behalten.
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