In Pompeji wird Tagebuch geführt – das Tagebuch des Schreckens. Dem Besucher blutet das Herz, wenn er hört, was die Wachleute darin verzeichnen, die täglich in der Stadt ihre Runden ziehen: Es ist der stete kleine und große Verfall der antiken Stadt – Kilometer an Fresken, Mosaiken, Verputz und Stuckaturen, die abbröckeln, ausbleichen und schließlich verschwinden.
Der Archäologe Mario Grimaldi, Dozent an der Universität von Neapel, ist abgehärtet. „Natürlich zerfällt die Stadt”, sagt er. „ Das hat sie immer schon getan, und das wird sie auch weiterhin tun. Die Frage ist nicht, mit welchen technischen Mitteln wir gegen den Verfall vorgehen, sondern vielmehr, wie der Rettungsplan aussehen und organisiert werden soll.”
Die Wunden Pompejis brechen immer häufiger und immer stärker auf. Hiobsbotschaften füllen die Zeitungen: Das Gladiatorenhaus ist eingestürzt. Eine zwölf Meter lange Mauer am „Haus des Moralisten” ist eingebrochen. Ein weiteres Stück am Steintor Porta di Nola. Und gleich zwei Mauern in der Villa des Diomedes. Das sind nur die medienwirksamsten Fakten des Verfalls.
Als das Leben erstarrte
Pompeji geht erneut zugrunde. Das erste Mal wurde die Stadt am 24. August des Jahres 79 n.Chr. unter einer meterdicken Schicht aus Asche und Bimsstein begraben, die der Vesuv ausgestoßen hatte. Pompeji war wie ausradiert. Erst im 18. Jahrhundert kam die Stadt wieder ans Licht. Spatenstich für Spatenstich arbeiteten sich die Archäologen damals bis zu dem Augenblick vor, in dem die glühende Hitze der pyroklastischen Ströme die Zeit in Pompeji eingefroren hatte.
Mit Gipsausgüssen gab der Archäologe Giuseppe Fiorelli im 19. Jahrhundert sogar den Leichen, die nur als Hohlkörper im Bimssteinmantel existierten, eine Gestalt. Die Körper sind im letzten Augenblick ihres Lebens erstarrt: Ein Mann versucht, seine schwangere Frau zu schützen, ein Sklave stolpert über seine Fesseln, die Bewohner in der Villa des Marco Fabio Rufo haben es bis zum Treppenabsatz geschafft. Dort liegen sie auf einem Haufen.
Mittlerweile sind rund zwei Drittel der Stadt freigelegt, eine etwa 40 Hektar große Fläche. Normalsterbliche bekommen davon nur etwa die Hälfte zu sehen. Doch die ist beeindruckend genug. Man kann durch die Via dell’ Abbondanza („Straße des Überflusses”) spazieren, dem ins Pflaster gemeißelten Penis nach ins Hurenhaus, hinunter zum Amphitheater – und immer wieder vorbei an wunderbaren Wandgemälden und farbenfrohen Mosaiken.
Regen ist der grösste feind
Schuld am Zerfall scheint das Wasser zu sein. Regen ließ Ende 2010 das rund 40 Quadratmeter große Gladiatorenhaus zusammenbrechen, in dem die Todgeweihten trainiert hatten. Nach starkem Regen stürzte einige Zeit später die Wand beim „Haus des Moralisten” ein. Starkregen auch im Oktober 2011 beim Steintor-Desaster, ebenso bei den Schäden in der Villa des Diomedes (siehe Grafik S. 59, „Pompejis zweiter Untergang”).
Die Archäologen und Restauratoren, die in Pompeji beschäftigt sind, leisten zwar hervorragende Arbeit, sagt Grimaldi. Doch sie sind meist gezwungen, Notfallmedizin statt Vorsorge zu betreiben, weiß der gebürtige Neapolitaner, der seit seiner Studienzeit in Pompeji forscht. 2004 hat er die Villa des Weinhändlers Marco Fabio Rufo unter seine Fittiche genommen, seit 2006 beschäftigt er sich zudem mit dem südwestlichen Vorstadtviertel, wo das „Haus des Poeten” und die Bibliothek auf Sicherung und Restaurierung warten. Doch ein umfassender Plan, was wann und wo zu tun sei, fehlt.
Anders in Herculaneum. In der kleinen, 20 Kilometer entfernten Schwesterstadt ist man sich über die Schritte der notwendigen Verjüngungskur im Klaren. Sponsoren wie das kalifornische Packard Humanities Institute stellen dafür Fachleute und Geld zur Verfügung. Auch französische Investoren unterstützen die Instandhaltung. Ganze 200 Millionen Euro wollen sie in den kommenden zehn Jahren nach Herculaneum pumpen.
Pompeji – Die Fette Kuh
Dabei hätte auch in Pompeji schon vor Jahren alles ganz anders werden sollen. Zuerst entschied Francesco Rutelli, Italiens Kulturminister von 2006 bis 2008, die Sovrintendenza von Pompeji mit jener von Neapel zusammenzulegen, um, so Grimaldi, „die fette Kuh Pompeji zu melken”. Die Sovrintendenza ist eine Art Denkmalamt, die bis dato finanziell, wissenschaftlich und organisatorisch unabhängig agiert hatte. Unter ihrer Oberhoheit hatte Pompeji zu bröckeln begonnen, Anlass genug für Sandro Bondi, Rutellis Nachfolger als Kulturminister, 2008 den Notstand über Pompeji zu verhängen und einen Sonderkommissar zu ernennen. Einen, der es richten sollte.
Wer einen Architekten oder Archäologen erwartete, irrte. Zuerst wurde Präfekt Renato Profili eingesetzt, ein Verwaltungsbeamter, dann Marcello Fiori, ein Mann vom Zivilschutz. „Als wäre Pompeji ein Notfall, ähnlich einem Hochwasser oder einer Lawine”, sagt Grimaldi.
Ein Notfall ist Pompeji zwar nicht, aber auch kein einfacher Patient. Kaum war die Stadt aus dem Bimssteinmantel geschält, begannen Sonne, Regen und Wind, Gebäuden und Inventar zuzusetzen. Wasser drang durch alle Ritzen, Pflanzen wucherten hinterher. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begingen die Zuständigen einen kapitalen Fehler: Die maroden Dächer etlicher Häuser wurden durch Betonüberdachungen ersetzt. Das war zu viel Gewicht für die alten Steine darunter, wie man heute weiß. Das eingestürzte Gladiatorenhaus – in den 1950er-Jahren auf dieselbe Weise restauriert – ist der tragische Beweis. Die Grundmauern rutschten im aufgeweichten Boden einfach weg. Das Regenwasser zu kanalisieren und die schwere Betondecke durch leichte Holzbalken und ein Ziegeldach zu ersetzen, ist nichts als ein guter Vorsatz geblieben.
Abflussrohre im Antiken Boden
Die Fehler aus der Vergangenheit wirken nach. Und auch heute wird in Pompeji nicht mit Samthandschuhen gearbeitet – zum Beispiel im „Großen Theater”. Dort sind Arbeiter bei der Wiederherstellung des Zuschauerraums mit Presslufthämmern und Kompaktbaggern zu Werke gegangen. Armdicke Scheinwerferkabel und noch größere Abflussrohre für moderne Toiletten wurden im antiken Unterbau versenkt. Profili, Sonderkommissar Nummer eins, hatte die Arbeiten am Großen Theater für 449 000 Euro an die salernianische Firma Caccavo vergeben, die auf archäologische Ausgrabungen und Restaurierungen spezialisiert ist.
Wie das italienische Nachrichtenmagazin „L’Espresso” berichtet, legte Fiori, Sonderkommissar Nummer zwei, ein Jahr später für „zusätzliche Arbeiten am Projekt” noch einmal eine Kleinigkeit drauf: 4,8 Millionen Euro. Zusammen mit anderen Arbeiten kam innerhalb von zwei Jahren ein Auftragswert von 16 Millionen Euro zusammen – nur für die Firma Caccavo.
Es mangelt an vielem in Pompeji, aber am wenigsten an Geld. Zwar kostet der Frühjahrsputz eines ansehnlichen Hauses samt Fresken etwa zwei Millionen Euro. Doch allein die Besuchereinnahmen in Pompeji sind enorm: Mehr als zwei Millionen Touristen strömten 2011 in die Stadt, für einen Eintrittspreis von 11 Euro pro Erwachsenen. 79 Millionen Euro standen den beiden Sonderkommissaren Profili und Fiori seit 2008 zur Verfügung. Nach dem Einsturz des Gladiatorenhauses hat die EU Ende März 2012 nun weitere 105 Millionen Euro für die Sicherung Pompejis bewilligt. Ein Präfekt soll jetzt dafür sorgen, dass die Camorra keinen Cent davon bekommt.
Man muss also weniger nach dem „Wieviel” fragen, als vielmehr nach dem „Wofür”. „L’Espresso” hat eine Liste von Pompejis befremdlichsten Ausgaben erstellt (siehe Kasten links), die auf das Konto des Sonderkommissariats gehen. 102 000 Euro wurden etwa für die „Hemmung des Zuwachses” streunender Hunde ausgegeben. Im April 2010 verkündete Fiori, statt 40 Hunden seien es nunmehr weniger als 20: „Alle abgezählt, medizinisch behandelt, ausgestattet mit Mikrochips und Halsbändern.” Die anderen seien zur Adoption freigegeben worden.
Blumen für 149 000 Euro
Zwei Millionen Euro hat Fiori immerhin für die gewöhnliche Instandhaltung Pompejis locker gemacht, sei es die Pflege der Gärten oder für Reinigungsarbeiten. Vor ihm war keiner so spendabel. Allerdings war er auch bei seiner eigenen Abteilung, dem Sonderkommissariat, nicht knauserig: Er stockte seine Mitarbeiter von fünf auf zwölf auf und verbuchte als Gesamtausgabe 2,3 Millionen Euro – davon 149 000 Euro für Blumen und 185 000 Euro für die „Spesenvergütung bestimmter Aufgaben” .
Klotzen statt Kleckern ist die Devise in Pompeji. Man arbeitet medienwirksam. „Events” und „Projekte” stehen im Mittelpunkt, als müsse für Pompeji – eine der berühmtesten archäologischen Stätten weltweit – noch geworben werden. Als besonderer Programmpunkt stand im Oktober 2008 der Besuch von Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi auf dem Programm. Fast 80 000 Euro wurden dafür unter „ Kulturförderung” verbucht. Allein 11 000 Euro kostete die „ Reinigung der Besuchsgebiete des Regierungschefs”, 9600 Euro die „ Bewirtung”. Das Einzige, was am Ende fehlte, war Berlusconi selbst. Er hat nie einen Fuß in die Stadt gesetzt.
Mittlerweile sind die Sonderkommissare, die alles richten sollten, Geschichte. Die gute alte Sovrintendenza ist wieder allein für Pompeji zuständig. Seit letztem Jahr wird sie von einer Frau geführt: Teresa Elena Cinquantaquattro, studierte Archäologin und vormals für das Denkmalamt Apuliens zuständig. Mit ihren 48 Jahren bietet sie ein erfrischend junges Gesicht. Bisher herrschten in Pompeji verkrustete Strukturen. „ Cinquantaquattro ist eine Person mit großer Kompetenz”, bezeugt Grimaldi, der derzeit mit einem Stipendium an der University of Cincinnati in Ohio arbeitet. „Wollen wir hoffen, dass sie die notwendigen Rahmenbedingungen schafft, um Verbesserungen umzusetzen.”
Tatsächlich bringt Cinquantaquattro, deren Name übersetzt „54″ bedeutet, schon jetzt Schwung in die Sache. Wenige Monate nach ihrer Ernennung liegt bereits eine „archäologische Risikokarte” für Pompeji vor. In den roten Zonen gilt höchster Alarm: Die Einsturzgefahr dort liegt bei über 50 Prozent. Hellblaue Bereiche markieren, wo das Risiko eines Zusammenbruchs gerade 50 zu 50 steht. Die gelben Gebiete gelten mit einer Einsturzgefahr von weniger als 50 Prozent als die sichersten. Als Parameter wurden die tragenden Strukturen, die Mauern, die Balken, die Dachböden und die Verkleidungen von Wänden und Fußböden untersucht.
WInd und Wetter warten nicht
Die Bestandsaufnahme von Pompejis Wackelkandidaten soll bis 2014 vervollständigt werden, um anschließend mit einem Leitfaden für die Konservierung und Restaurierung ans Werk zu gehen. Endlich wird auch in Pompeji systematisch gehandelt. Da Wind und Wetter nicht warten, will Cinquantaquattro derweil mit den dringendsten Operationen beginnen. An die 40 Projekte liegen in der Schublade. Bislang wurden sie aus „Geldmangel” aufgeschoben. Viel Arbeit für die neue Pompeji-Mannschaft im Denkmalamt: Seit Anfang des Jahres sind es 9 Architekten (16 sollen es werden) und 13 Archäologen (bisher war es nur einer). Sehnsüchtig wartet die Sovrintendenza auf weitere Geometer, die die Baustellen beaufsichtigen, und auf mehr Wachleute, die in Pompeji nach dem Rechten sehen sollen. Momentan machen pro Turnus rund 30 Wachleute die Runde.
Manche Gefahr allerdings bleibt selbst für die wachsamsten Augen unsichtbar. Am Haus des Loreius Tiburtinus, das Richtung Osten nahe dem Amphitheater steht, hat im Dezember ein Pfeiler des Laubengangs nachgegeben. Ohne Vorwarnung – nicht einmal Risse waren zu sehen. „Der Mörtel hat seine Bindekraft verloren und sich aufgelöst”, sagt Cinquantaquattro. Mit wohltuender Offenheit bringt die neue Pompeji-Chefin das Problem auf den Punkt: Eine 2000 Jahre alte Stadt instand zu halten sei „wie das Meer mit einem Eimer auszuschöpfen”. Doch jeder Eimer sei es wert. ■
BETTINA GARTNER, ehemalige bdw-Redakteurin, freut sich, dass der Geist Pompejis trotz Untergangsstimmung nach wie vor lebendig ist.
von Bettina Gartner
Klangkörper, Chauffeur-Uniform und Baumschnitt
Ausgaben der beiden Sonderkommissare Profili und Fiori für die angebliche Erhaltung von Pompeji zwischen 2008 und 2010 – eine Auswahl:
12 000 Euro: Entfernung von 19 Lichtmasten
100 000 Euro: „Nachrüstung der Beleuchtung” der Straßen außerhalb des Areals
99 000 Euro: Erneuerung von Absperrungen
91 000 Euro: Installierung von Klangkörpern durch ein Zentrum für musikalische Forschung
665 Euro: Austausch der Schlösser an einer Verpflegungsstelle
47 000 Euro: Event „Das Leben kehrt zurück”
185 000 Euro: Projekt „PompejiViva” („Pompeji lebt”)
547 000 Euro: Projekt „Archäologie und Synästhesie” am Institut für die Verbreitung der Naturwissenschaften
72 000 Euro: Untersuchung zur Besucherstruktur durch den Verein „Mecenate 90″
724 000 Euro: „Entwicklung nachhaltiger Technologien” durch die Universität von Tor Vergata, an der Sonderkommissar Fiori als Universitätsdozent tätig war
1668 Euro: Einrichtung von Fioris Büro
1700 Euro: Uniform von Fioris Chauffeur
4000 Euro: „Ausrüstung einer Wand”
10 000 Euro: Zweites Büro für Fiori im Auditorium
113 000 Euro: Spektakel „Pompeji in Szene”
955 000 Euro: „Multimediales Projekt” im Haus des Polybius
600 000 Euro: Ausstellung „Pompeji und der Vesuv”
1,2 Millionen Euro: Beleuchtung des Hauses des Bacchus
500 000 Euro: „Dienste” für die Theatersaison 2010/11
275 000 Euro: „Ausbildung von Freiwilligen” durch die Umweltschutzorganisation Legambiente
42 000 Euro: Geschichtsbücher
17 000 Euro: LCD-Fernseher
1000 Euro: Lichten einer Pinie in der Nähe der Büros der Sovrintendenza
Kompakt
· Für den Erhalt der Ruinenstadt gab es bisher keinen Masterplan.
· Die verfügbaren Gelder wurden jahrelang für Events statt für die Instandhaltung ausgegeben.
· Regen und Betonüberdachungen führen zu immer größerer Zerstörung der Unesco-Stätte.
Teresa Elena Cinquantaquattro
Die Aufgabe, der sich die Archäologin stellt, ist nichts für zarte Gemüter. Seit Anfang 2011 versucht die gebürtige Neapolitanerin (Jahrgang 1964), Pompeji – das Allerheiligste der italienischen Archäologie – auf Vordermann zu bringen. Die ersten Schritte sind getan: Cinquantaquattro hat eine Risikokarte erstellen lassen und erarbeitet derzeit einen umfassenden Restaurierungsplan. Sie wird bereits dafür gelobt, dass auf Pompejis Straßen keine Zigarettenstummel mehr liegen und dass die Besuchertoiletten funktionieren. Die Archäologin kennt sich zudem im Dickicht von Handwerk, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit aus. Ein Jahrzehnt lang hat sie Grabungen in verschiedenen italienischen Provinzen koordiniert, sie war Universitätsdozentin, hat Ausstellungen konzipiert und zwei Denkmalämter geleitet. Doch vor allem stellt sie sich engagiert in den Dienst der Sache. Wenn es nach ihr geht, hat Pompeji in fünf Jahren ein neues Gesicht.





