Verdächtige Gruben im Ärmelkanal
Wie die geologische Abtrennung Großbritanniens tatsächlich vonstattenging, haben nun Gupta und seine Kollegen mit Hilfe neuer Daten aufgeklärt. Zehn Jahre lang, von 2002 bis 2012 führten sie dazu mehrfach Messfahrten kreuz und quer durch den Ärmelkanal zwischen Calais und Dover durch – keine leichte Aufgabe in einem der meistbefahrenen Schifffahrtswege der Welt. Mit Hilfe seismischer Messungen und speziellem Sonar kartierten die Forscher dabei die geologische Struktur und Topografie des Meeresgrunds in diesem versunkenen Grenzgebiet zwischen England und Frankreich.
Die Auswertungen der topografischen Daten ergaben gleich mehrere Auffälligkeiten. Zum einen entdeckten die Forscher eine ganze Reihe großer, sedimentgefüllter Gruben im Meeresgrund, die sich fast in einer geraden Linie von Küste zu Küste ziehen. Diese Gruben sind teilweise mehrere Kilometer groß und bis zu 100 Meter tief in den darunterliegenden Fels eingegraben, wie Gupta und seine Kollegen berichten. Schon im Vorfeld des Kanaltunnel-Baus in den 1960er Jahren hatten Geologen einige dieser Gruben entdeckt. Weil sie strukturell zu instabil waren, musste die ursprünglich geplante Tunnelroute sogar eigens wegen dieser Fosse Dangeard getauften Vertiefungen verlegt werden. Wodurch diese Gruben entstanden sein könnte, blieb damals jedoch ungeklärt. Die neuen Daten legen nun nahe, dass es sich um sogenannte Fallkolke handelt – durch die erodierende Kraft von herabstürzendem Wasser ausgehöhlte Becken, wie sie typischerweise am Fuß von Wasserfälle entstehen.
Gupta und seine Kollegen schließen daraus, dass Wasser aus dem Schmelzwassersee an mehreren Stellen über die Kalksteinbarriere strömte und dort in Wasserfällen bis zu 100 Meter in die Tiefe stürzte. “Warum der See damals überlief, wissen wir bisher nicht”, erklärt Koautorin Jenny Collier vom Imperial College London. “Vielleicht brach ein Teil des Eispanzers ab, stürzte in den See und erzeugte eine Flutwelle, die sich ihren Weg über die Barriere bahnte.” Weil damals gleich mehrere Fallkolken entstanden, muss es mehrere Wasserfälle entlang der Kalksteinbarriere gegeben haben – und sie bestanden lange genug, um sich tief in das Untergrundgestein einzugraben.
Der endgültige Bruch
Doch die Wasserfälle waren erst der erste Akt in der dramatischen Abtrennung Großbritanniens von Europa. Wie die Bathymetrie-Daten aus dem Ärmelkanal ergaben, formte sich später ein tief eingekerbtes Flusssystem westlich der einstigen Kalksteinbarriere zwischen Dover und Calais. Der rund 80 Kilometer lange und bis zu zehn Kilometer breite Lobourg Channel ist bis zu 25 Meter tief in den Felsuntergrund eingekerbt, wie die Forscher berichten. Das urzeitliche Flussbett beginnt in zwei Felsformationen, die wie Amphitheater terrassenartig zu den eingegrabenen Kanälen hin abfallen. “Diese Formation ist in relativ beständige Sandsteinformationen erodiert”, berichten Gupta und seine Kollegen. “Das Ausmaß des Lobourg Channels und die charakteristischen Landschaftsformen sprechen dafür, dass Episoden heftiger Sturzfluten nötig waren, um dieses Flusssystem zu graben.” Die Wissenschaftler vermuten, dass diese Megafluten ausgelöst wurden, als der Kalksteinriegel zwischen Dover und Calais endgültig durchbrochen wurde. Möglicherweise schwächte die rückschreitende Erosion durch die Wasserfälle im Laufe der Zeit die Barriere, so dass sie irgendwann nachgab. “Das verursachte einen Kollaps der Kalksteinbarriere und löste die Megaflut aus, für die wir in unseren Daten klare Indizien gefunden haben”, sagt Collier.





