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Bonobos sind nicht friedlicher als Schimpansen
Erde & Umwelt

Bonobos sind nicht friedlicher als Schimpansen

Bonobos haben im Gegensatz zu Schimpansen den Ruf, sanft und friedliebend zu sein. Doch neue systematische Beobachtungen legen nahe, dass es in Bonobo-Gruppen in Zoos ähnlich viele gewaltsame Zusammenstöße gibt wie bei den als aggressiver geltenden Schimpansen. Allerdings unterscheidet sich die Geschlechtsverteilung…
Autor
Elena Bernard
13. März 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt

Schimpansen und Bonobos sind die nächsten lebenden Verwandten von uns Menschen und werden oft als Vergleich herangezogen, wenn es darum geht, auf natürliche Eigenschaften unserer eigenen Spezies zu schließen. Dabei gelten Schimpansen traditionell als aggressiv und kämpferisch, die kleineren Bonobos dagegen als sanft und friedliebend. „Manche sehen in ihnen ein Spiegelbild unserer Natur oder dessen, wie wir sein sollten: Kriegerisch wie Schimpansen oder friedlich wie Bonobos“, sagt Emile Bryon von der Universität Utrecht. „Jüngste Beobachtungen in freier Wildbahn stellen diese Dichotomie zwischen aggressiven Schimpansen und friedliebenden Bonobos jedoch in Frage.“ So wurden auch in wildlebenden Bonobo-Gruppen aggressive Interaktionen beobachtet, die teilweise sogar tödlich endeten.

Bonobos
Zwei Bonobos in aggressiver Pose. © Nicky Staes

Ähnliche Konfliktraten

Um das Konfliktverhalten der beiden Menschenaffenarten genauer zu studieren, beobachteten Bryon und sein Team in Zoos neun Schimpansengruppen mit insgesamt 101 Tieren und 13 Bonobogruppen mit insgesamt 88 Tieren. Auch wenn in Gefangenschaft lebende Tiere womöglich andere Verhaltensweisen zeigen als in freier Wildbahn, bot dieser Ansatz den Vorteil, dass die Umgebungsbedingungen für beide Arten vergleichbar waren. Zudem kommen freilebende Bonobos nur in der Demokratischen Republik Kongo vor, einer Konfliktzone, in der Naturbeobachtungen schwierig sind.

Insgesamt erfasste das Forschungsteam bei den Menschenaffen 3243 aggressive Interaktionen, darunter 1193 körperliche Auseinandersetzungen wie Beißen, Schlagen und Raufen, sowie 2050 kontaktlose Konflikte, bei denen ein Affe einem anderen drohte, ihn jagte oder mit Gegenständen bewarf. „Dabei stellten wir unter Berücksichtigung von Gruppengröße und Geschlechterverhältnis keine Artenunterschiede bei den Aggressionsraten fest, weder für Kontaktaggressionen noch für andere Arten der Auseinandersetzung“, berichten Bryon und seine Kollegen. Deutlich größer waren die Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen der gleichen Art, wobei sowohl die konfliktärmste als auch die konfliktreichste Gruppe aus Bonobos bestand.

Männchen als Aggressoren oder Opfer

Doch auch wenn die Gesamtzahl der Aggressionen bei Schimpansen und Bonobos ähnlich war, stießen die Forschenden auf einen auffälligen Unterschied: „Bei Schimpansen geht die Aggressivität hauptsächlich von Männchen aus und richtet sich gegen alle. Bei Bonobos geht die Aggressivität von allen aus, richtet sich aber hauptsächlich gegen Männchen“, berichtet Bryon. Eine Erklärung könnte darin liegen, dass Bonobo-Gruppen matriarchalisch organisiert sind. „Die Weibchen haben das Sagen”, erklärt Bryon. „Daher können es sich die Männchen nicht leisten, ihnen gegenüber aggressiv zu sein. Und die Weibchen scheinen andere Wege zu finden, um Konflikte untereinander zu schlichten, beispielsweise durch verstärktes soziosexuelles Verhalten, mit dem Bonobos Spannungen abbauen. Oder statt sich gegenseitig anzugreifen, lenken sie ihre Aggression auf die Männchen um.“

Aus Sicht der Forschenden stellen diese Ergebnisse auch Annahmen zur Entwicklung der menschlichen Aggression in Frage. Bisher besagte die sogenannte Selbstdomestizierungshypothese, dass soziale Selektion sowohl bei Bonobos als auch bei Menschen zu einer Verringerung der Aggressivität geführt hat. „Doch statt durch einen allgemeinen Rückgang der Aggression gekennzeichnet zu sein, scheinen die sozialen Systeme der Bonobos Aggression geschlechtsspezifisch neu zu verteilen“, erläutert das Forschungsteam. „Zukünftige Forschungen sollten weiterhin die ökologischen, genetischen und sozialen Faktoren untersuchen, die die Aggression bei den Pan-Arten prägen, um letztlich unser Verständnis der Rolle von Aggression in der Evolution der Primaten und insbesondere des Menschen zu vertiefen.“

Quelle: Emile Bryon (Universität Utrecht, Niederlande) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.adz2433

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