Für uns Menschen sind gruppenübergreifende Kooperationen ein wichtiger Erfolgsfaktor. Wir geben Wissen über Raum und Zeit hinweg weiter und haben weltumspannende Handelsnetze aufgebaut. Auf der Suche nach den evolutionären Ursprüngen unseres Verhaltens beobachten Forschende oft nicht-menschliche Primaten, vor allem Schimpansen, die zu unseren nächsten Verwandten zählen. Bei diesen jedoch sind Interaktionen mit anderen Gruppen meist feindlich. An den hart verteidigten Grenzen der Territorien dieser Menschenaffen sind tödliche Kämpfe keine Seltenheit und schon mehrfach haben Forschende Kriege zwischen verfeindeten Gruppen beobachtet. Ist unser evolutionäres Erbe also kriegerisch und nur unsere Kultur ermöglicht es uns, strategische Kooperationen einzugehen?
Benachbarte Gruppen beobachtet
Eine neue Studie an Bonobos zeichnet nun ein anderes Bild. Über zwei Jahre hinweg haben Liran Samuni vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen und Martin Surbeck von der Harvard University in Cambridge wildlebende Bonobos im Kokolopori-Bonobo-Reservat der Demokratischen Republik Kongo beobachtet. Dabei erfassten sie die Interaktionen zwischen zwei benachbarten sozialen Gruppen, der Ekalakala-Gruppe, bestehend aus drei erwachsenen Männchen und acht erwachsenen Weibchen, und der Kokoalongo-Gruppe, zu der sieben erwachsene Männchen und 13 erwachsene Weibchen gehören.
„Wir dokumentierten 95 Begegnungen zwischen den beiden Gruppen, die zusammengenommen etwa 20 Prozent der gesamten Beobachtungszeit ausmachten“, berichten Samuni und Surbeck. Die Dauer der einzelnen Begegnungen lag dabei zwischen weniger als einer Stunde und 14 aufeinanderfolgenden Tagen. „Wenn Bonobos aus verschiedenen Gruppen aufeinandertrafen, zeigten sie ähnliche Verhaltensweisen wie innerhalb der Gruppe: Wir beobachteten, dass sie gegenseitige Fellpflege betrieben, einander halfen und Futter miteinander teilten.“ Auch aggressive Auseinandersetzungen kamen vor, allerdings nicht häufiger als innerhalb der Gruppe. Anders als bei Schimpansen endete keiner dieser Konflikte tödlich.
Wählerische Interaktionen
„Die bemerkenswerte Toleranz zwischen den Bonobo-Gruppen ebnet den Weg für pro-soziale, kooperative Verhaltensweisen und steht in krassem Gegensatz zu dem, was wir bei Schimpansen beobachten“, sagt Samuni. Bei dem gruppenübergreifenden Sozialverhalten der Bonobos spielen familiäre Beziehungen aber offenbar keine bedeutende Rolle, wie das Team berichtet. Zwar ist von diesen Menschenaffen bekannt, dass geschlechtsreife Weibchen ihre Gruppe verlassen und sich einer anderen anschließen. Ein solcher Austausch ist zwischen der Ekalakala- und der Kokoalongo-Gruppe allerdings seit mindestens 2016 nicht vorgekommen und genetische Analysen zeigten, dass es keine engen Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Gruppen gibt.





