Ein wesentliches Merkmal der menschlichen Sprache ist die Fähigkeit, einzelne Elemente zu komplexen, bedeutungsvollen Strukturen zu kombinieren – zum Beispiel einzelne Wörter zu Sätzen. Man spricht auch von Kompositionalität. In der simpelsten Form kombinieren wir Elemente, die unabhängig voneinander zur Bedeutung des Ganzen beitragen. Ein Beispiel: Ein blonder Tänzer ist sowohl blond als auch ein Tänzer. Das eine Wort beeinflusst das andere nicht in seiner Bedeutung. Würden wir erfahren, dass der Tänzer zusätzlich auch ein Arzt ist, wäre er auch ein blonder Arzt.
Von komplexer Kompositionalität hingegen ist die Rede, wenn einzelne Elemente die Bedeutung anderer modifizieren. So ist ein schlechter Tänzer kein schlechter Mensch, der zufällig auch ein Tänzer ist. Wäre er gleichzeitig ein Arzt, würde ihn das nicht automatisch auch zu einem schlechten Arzt machen. Die Unterscheidung zwischen einfacher und komplexer Kompositionalität ist unter anderem wichtig, wenn es um Sprachfähigkeiten im Tierreich geht. Denn während Erstere bereits bei anderen Tieren wie Primaten und Vögeln beobachtet wurde, gab es für Letztere bislang noch keine direkten Beweise.
Das erste Bonobo-Wörterbuch
Doch das hat sich nun geändert. Um herauszufinden, ob unsere nächsten Verwandten zu komplexer Kompositionalität fähig sind, haben Forschende um Mélissa Berthet von der Universität Zürich nun die Sprachfähigkeiten von Bonobos genauer untersucht. Dafür analysierten sie rund 700 Aufnahmen wildlebender Bonobos aus der Demokratischen Republik Kongo und werteten diese mit verschiedenen linguistischen Methoden aus, die ursprünglich für die Erforschung menschlicher Sprache entwickelt worden waren.
„Damit konnten wir eine Art Bonobo-Wörterbuch erstellen – eine vollständige Liste der Bonobo-Rufe und ihrer Bedeutungen“, erklärt Berthet. „Dies ist ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Kommunikation anderer Arten, da wir zum ersten Mal die Bedeutung von Lauten im gesamten Lautrepertoire eines Tieres bestimmen.“ Nachdem das Team die Bedeutung der einzelnen Bonobo-Rufe entschlüsselt hatte, untersuchte es schließlich deren Kombinationen mit einem weiteren linguistischen Ansatz. „So konnten wir messen, wie die Bedeutung einzelner Rufe mit derjenigen von Rufkombinationen zusammenhängt“, sagt Seniorautor Simon Townsend.
Menschliche Sprache ist doch nicht so einzigartig
Das Ergebnis: Die Rufe der Bonobos ließen sich in vier verschiedenen Kompositionsstrukturen zusammenfassen – bei drei davon handelte es sich um Fälle komplexer Kompositionalität. „Das deutet darauf hin, dass die Fähigkeit, Laute auf komplexe Weise zu kombinieren, nicht so einzigartig für den Menschen ist, wie wir dachten“, berichtet Berthet. Es könnte allerdings weiterhin sein, dass diese Form des Sprachtalents zumindest einzigartig für die Gruppe der nah mit uns verwandten Primaten ist.





