Seit kurzem wagen ein paar Wissenschaftler, von Freundschaften unter Tieren zu sprechen. Doch was ist das eigentlich?
Schafbock Charles würde Schafbock Mr. Softee niemals im Stich lassen. Als der sich wieder einmal mit dem Herdengenossen Red Balls anlegt, bleibt Charles tapfer in der Nähe des Kampfplatzes. Nachdem Mr. Softee den Kürzeren im Rempelduell gezogen hat, sucht er Trost bei Charles. Zärtlich schmiegt er seinen blonden Kopf an die Wange des Gefährten. So verharren die beiden für ein paar Minuten, dann reiben sie ihre Köpfe aneinander – so lange, bis Mr. Softee sich wieder beruhigt hat.
Schafhirten, Landtierärzte und Bauern wissen es schon lange: Tiere pflegen Freundschaften – bei weitem nicht nur Schafe. Auch Forscher haben im ganzen Tierreich freundschaftlich anmutende Verhaltensweisen beobachtet:
• Entenmütter lotsen die Kinder der Nachbarin zusammen mit der eigenen Brut durch den Fluss.
• Vampir-Fledermäuse würgen frisch gesaugtes Blut wieder aus dem Mägen hervor, um vom Hungertod bedrohte Artgenossen zu füttern.
• Vor der Westküste Australiens gehen männliche Tümmler von der Pubertät bis ins hohe Mannesalter mit dem gleichen Kumpel auf die Jagd nach Futter und Frauen – und teilen die Beute brüderlich.
Aber kann man deswegen gleich von Freundschaft sprechen?
Den meisten Verhaltensforschern kommt dieser Begriff schwer über die Lippen – sogar den Primatologen, die das Sozialverhalten unserer nächsten Verwandten ergründen. Viele Biologen haben Angst davor, dass man ihnen nachsagt, sie würden tierisches Verhalten unzulässig vermenschlichen. Außerdem scheuen sie davor zurück, einen Begriff zu benutzen, für den es keine einheitliche Definition gibt. Denn wer von Tierfreundschaften spricht, verrät häufig mehr über seine persönlichen Wertvorstellungen als über das Verhalten seiner Studienobjekte.
Dementsprechend ernüchternde Erklärungen haben die meisten Wissenschaftler für die Beobachtungen: Der kalifornische Entenforscher John Eadie vermutet, dass die Enten sich als Babysitter betätigen, weil sie die fremden Küken für die eigenen halten. Fledermausforscher Gerald Wilkinson von der University of Maryland erklärt, dass die Vampire ihren Artgenossen nur dann das Leben retten, wenn sie aus Erfahrung wissen, dass diese sich mit der gleichen Hilfeleistung revanchieren werden. Und Richard Connor von der University of Michigan, der die Bündnisse unter Delphinmännchen untersucht hat, berichtet von brutalem Verhalten gegenüber den Weibchen: „Manchmal kidnappen sie ein Weibchen und ziehen mit ihr mehrere Monate lang durchs Meer. Wenn sie nicht freiwillig mitkommt, beißen die Männer schon mal zu oder schlagen mit dem Schwanz aus.” Der Grund für die „Männerfreundschaft” läge somit nur darin, andere Männchen abzuwehren, um in aller Ruhe Nachwuchs zu zeugen.
Das bisherige Fazit der Forscher: Freundschaftliches Verhalten ist eine kulturelle Leistung, derer nur der Mensch sich rühmen darf. Im Tierreich hingegen tobt der Kampf ums Überleben. Und jedes tierische Verhalten ist letztlich nur darauf ausgerichtet, die eigenen Gene möglichst erfolgreich in die nächste Generation zu befördern.
Doch inzwischen wagen sich immer mehr Verhaltensforscher vor und benutzen Worte wie „Selbstlosigkeit”, „Sympathie” oder „ Freundschaft”, wenn sie über Tiere berichten. Denn dass Schafböcke schmusen, lässt sich nicht so einfach erklären. Schon allein deswegen nicht, weil auf Mr. Softees und Charles’ Weide weit und breit keine weiblichen Schafe grasen, mit denen sie – um ihre Gene weiterzugeben – Nachwuchs zeugen könnten. Und dennoch schätzt Mr. Softee den Austausch von Zärtlichkeiten mit seinem Kumpel ganz offensichtlich: Entspannt lässt er die Ohren hängen, seine Augen sind halb geschlossen, und um sein Maul breitet sich ein zartes Lächeln aus.
„Ein ganz klarer Fall von Huftier-Freundschaft”, diagnostiziert die Marburger Zoologin Anja Wasilewski. In ihrer Dissertation hat sie sich als erste deutsche Forscherin an dieses Thema gewagt. Fast zwei Jahre lang, insgesamt über 1500 Stunden, ist sie Tag für Tag bei Sonnenschein und Nieselregen auf einer Farm im Südosten Englands über Schaf-, Kuh-, Pferde- und Rinderweiden gezogen, und hat nach Freundschaftsbeweisen unter Artgenossen gefahndet.
Was bedeutet eigentlich Freundschaft unter Tieren? „Letztlich gelten hier die gleichen Maßstäbe wie für Freundschaften unter Menschen”, meint die Biologin. Allerdings – auch unter einer Menschenfreundschaft verstehen viele etwas anderes. Anja Wasilewski stöberte deshalb in der Fachliteratur der Humanpsychologen und entwickelte eine Definition, die ihr für Mensch und Tier passend erschien: „Befreundete Menschen pflegen freiwillige, wechselseitige Beziehungen. Die Freundschaft besitzt für alle Beteiligten einen subjektiven Wert und ist durch Sympathien gekennzeichnet.” Beziehungen unter Verwandten und sexuell motivierte Beziehungen zählen nicht als Freundschaft.
Anja Wasilewski hat für ihre Studie ausschließlich Herden untersucht, in denen weder Familienbande noch Sex eine Rolle spielen: reine Schafbockherden, rein weibliche Rinderherden sowie Pferde- und Eselherden, deren männliche Exemplare kastriert waren. Wissenschaftlich akribisch hat sie jede Sympathiebekundung notiert. Wer ruht und grast die meiste Zeit neben wem? Wer pflegt wessen Fell? Wer kuschelt sich an wen? „Ich habe jedes der insgesamt 234 Tiere genau kennen gelernt”, betont sie.
Damit wissenschaftliche Objektivität gewahrt blieb, nannte sie bei der Dokumentation ihrer Beobachtungen ihre tierischen Bekannten nicht mit Namen, sondern teilte ihnen eine Nummer zu. Mithilfe eines Computerprogramms wertete sie die Daten aus. Das Ergebnis: Mit seinen Freunden ist ein Wiederkäuer sehr häufig zusammen. So neigen Schafe wie Pferde zur Cliquenbildung innerhalb der Herde. Schafe bekunden ihre gegenseitige Zuneigung durch gemeinsames Entspannen. Sie verweilen im Wangenkontakt, reiben ihre Köpfe aneinander oder kuscheln beim „Kontaktliegen” ihren Körper an das Nachbartier. Pferde betreiben soziale Fellpflege nach klassischer Manier: Sie belecken und beknabbern ihre Freunde.
Bei Eseln und Rindern schließen sich die Tiere zu Zweiergemeinschaften zusammen. Bei den Rindern gehört manchmal auch ein Dritter zum Bunde. Trotz dieser Freundschaften legen Esel wie Rinder offenbar Wert auf ein großes Beziehungsnetz, das sie durch Fellpflege stärken. Esel belecken vor allem die Artgenossen, mit denen sie sonst kaum Zeit verbringen. Rinder sind da weniger wählerisch: Sie beknabbern ihre engsten Freunde genau wie andere Herdenmitglieder.
Meredith Bashaw vom Georgia Institute of Technology in Atlanta ist ebenfalls von der Existenz von Huftier-Freundschaften überzeugt – sogar unter Giraffen, die bisher als unnahbare Eigenbrötler galten. Bashaw beobachtete überraschende Gefühlsausbrüche unter den Langhälsen: Im Zoo von Atlanta hatten zwei weibliche Giraffen neun Jahre lang zusammen mit einem Männchen in einem Gehege gelebt. Sex spielte in dem Trio offenbar keine Rolle, denn kein einziges Giraffenbaby wurde geboren. Nachdem das Männchen jedoch an einen anderen Zoo verkauft worden war, gerieten seine ehemaligen Genossinnen in Panik. Unruhig liefen sie im Gehege hin und her, wieder und wieder leckten sie den Zaun ab. Zehn Tage lang kamen sie nicht zur Ruhe. Wie könne man da behaupten, dass den Tieren ihr Käfiggenosse nichts bedeutet hätte, meint Bashaw.
Sie führte ihre Giraffen-Studien in einem Wildpark in San Diego weiter. Über 18 Monate beobachtete die Verhaltensforscherin dort zwölf Baringo-Giraffen. Ergebnis: Bis zu 15 Prozent ihrer Zeit verbrachten diese Tiere in stiller Eintracht mit ihrem Lieblingsgefährten. Andere Giraffen duldeten die Langhälse höchstens 5 Prozent der Zeit neben sich.
Auch unter Primaten-Forschern ist umstritten, ob es „ Freundschaften” zwischen diesen Tieren gibt. Barbara Smuts von der University of Michigan in Ann Arbor war die erste und bis vor wenigen Jahren einzige Affen-Expertin, die es wagte, in einer wissenschaftlichen Arbeit von Tierfreundschaften zu sprechen. Schon 1985 veröffentlichte sie ihr Buch „Sex and friendship in baboons”. Smuts hatte über Jahre hinweg eine Truppe von Pavianen in der afrikanischen Savanne beobachtet. Ausgestattet mit Papier und Schreibblock verfolgte sie die Tiere auf Schritt und Tritt durch das offene Grasland und dokumentierte deren Beziehungsleben. Dabei stieß sie auf Beziehungen zwischen männlichen und weiblichen Tieren, für die ihr kein anderer Begriff passender erschien als „Freundschaft”. Allerdings: Diese Affenbeziehungen haben sehr wohl etwas mit Sex zu tun, und die Paviane ziehen praktischen Nutzen daraus.
Smuts beobachtete, wie sich die Pärchen die Zeit hingebungsvoll mit Sex vertrieben, sich das Fell lausten oder eng umschlungen vor sich hin dösten. Wenn einem Weibchen Gefahr drohte, schritt ihr Freund beherzt ein. Ein Beispiel ist die Geschichte von Pegasus: „Ein ranghohes Weibchen, Zora, hatte Pegasus’ Freundin Cicily von ihrem Futterplatz vertrieben”, erzählt Smuts. Der aufgebrachte Pegasus habe die rüpelhafte Zora dafür bei der nächsten Gelegenheit bestraft. „Er packte sie am Genick, hob sie hoch, schüttelte sie und ließ sie wieder zu Boden fallen, so dass sie danach mehrere Tage hinkte.”
Auch dem Nachwuchs ihrer Freundin stehen Paviane bei – etwa wenn ein anderes Männchen dem Affenkind zu nahe kommt. „Dann schnappen sie sich das Baby und bringen es in Sicherheit”, berichtet Smuts. Das Kuriose an den Beobachtungen der Primatologin: Die Männer umsorgten die Affenfrau und ihren Nachwuchs in der Regel auch dann, wenn sie gar nicht der Vater des Kindes waren. Hinter diesem vermeintlich uneigennützigen Verhalten vermutet Barbara Smuts allerdings einen ganz pragmatischem Grund: Immer wieder beobachte sie, dass Pavian-Männer, die sich als gute Freunde erwiesen hatten, die größten Chancen hatten, bei ihren Freundinnen auch an deren fruchtbaren Tagen gut zu landen – um so den künftigen Nachwuchs zu zeugen.
Joan Silk, Pavian-Forscherin an der University of California in Los Angeles, findet dagegen, dass die Beziehungen zwischen männlichen und weiblichen Pavianen das Etikett Freundschaft nicht verdienen. „Diese Freundschaften sind sehr unausgewogen”, meint sie. „Meistens kraulen die Weibchen die Männer häufiger als umgekehrt. Und in der Regel sind es auch die Frauen, die den Männern hinterherlaufen, um für die nötige Nähe in der Beziehung zu sorgen.” Viel eher, so meint die Primatologin, könne man bei den Beziehungen unter Pavian-Weibchen von Freundschaften sprechen. Wie Silk beobachtete, wechseln sich die Affenfrauen bei der Fellpflege immer wieder ab, so dass keine zu kurz kommt.
Wer laust wen wie oft und warum? Das sind die Kernfragen, mit denen sich Tierfreundschafts-Forscher auseinander setzen. Die Schimpansen-Männer im Kibale-Park von Uganda besiegeln zum Beispiel durch gegenseitige Fellpflege Freundschaften für alle Lebenslagen: Die Kraul-Partner gehen gemeinsam auf die Jagd, leisten sich Beistand in der Not und patrouillieren gemeinsam entlang der Reviergrenzen des Rudels.
Aber so eindeutig ist die Situation nicht immer, denn Fellkraulen scheint unter Affen eine Art Währung zu sein, mit der sie sich Gefälligkeiten oder die Unterstützung ihrer nichtverwandten Artgenossen erkaufen. Dafür sprechen einige Studien:
• Immer wieder konnten Forscher beobachten, dass Äffinnen ganz ähnlich reagieren wie manche Menschenfrau, die in einen fremden Kinderwagen blickt. Sie scheinen von mütterlichen Gefühlen überwältigt zu werden und wollen das Kleine unbedingt nehmen und halten. Um das zu erreichen, lausen sie eine Artgenossin und dürfen als Belohnung deren Baby an sich nehmen.
• Weibliche grüne Meerkatzen reagieren auf die Hilfeschreie ihrer Artgenossen viel stärker, wenn sie vorher von ihnen gekrault wurden.
• In Gefangenschaft lebende Makaken-Männchen eilen einem angegriffenen Weibchen eher zu Hilfe, wenn sie kurz vorher von ihm gelaust wurden.
Verhaltensforscher bezeichnen diese gegenseitige Unterstützung als reziproken Altruismus. Nach dem Motto „Wie du mir, so ich dir” oder „Eine Hand wäscht die andere” vergelten die Affen Gleiches mit Gleichem oder zumindest Gleichwertiges mit Gleichwertigem. Eine „selbstlose Freundschaft”, wie sie Schafe zu pflegen scheinen, ist das nicht.
Doch ähnliche Transaktionen sind auch unter Menschen üblich, die biologisch gesehen ebenfalls Primaten sind. Wir bedanken uns mit einem Blumenstrauß für eine Essenseinladung. Wir laden den Kollegen zum Essen ein, damit wir einen guten Steuertipp bekommen. Wir geben unserem Kegelfreund einen Steuertipp und erwarten dafür ein offenes Ohr, wenn wir über den Ärger im Büro jammern wollen.
Allerdings muss diese Gegenseitigkeit bestimmten Regeln folgen: Wenn der beste Freund unsere Essenseinladung gleich am nächsten Tag mit einer Fleurop-Gabe kontern würde, wären wir enttäuscht. Denn Tauschhandel nach Affenart betreiben wir vor allem mit oberflächlichen Bekannten oder Geschäftsfreunden. „ Unter Freunden hingegen geben wir uns gerne uneigennützig”, meint Joan Silk. „Die Handelsbilanz muss dann eher langfristig stimmen. Wir geben es zwar ungern zu – aber wer sich nicht auf Dauer ausnützen lassen will, rechnet mit.”
Schimpansen scheinen dies ebenfalls zu tun. Dafür spricht ein Experiment von Frans de Waal, Primatenforscher an der Emory University in Atlanta. De Waal und seine Kollegen hatten eine Gruppe in Gefangenschaft lebender Schimpansen beobachtet. Die Forscher warfen Zweige mit Blättern in das Gehege und beobachteten, was davor und danach passierte. Affen, die nichts von der Mahlzeit abbekommen hatten, hielten ihren Gehegegenossen die offene Hand hin. Die zeigten sich freigiebig – vorausgesetzt, das bettelnde Tier hatte ihnen kurz zuvor das Fell gelaust. Allerdings: Wenn zwischen zwei Schimpansen schon länger eine Laus-Freundschaft bestand, teilten sie das Futter auch dann, wenn der Bettler in den letzten Stunden kraulfaul gewesen war.
Während Affen demnach zu Zweckfreundschaften neigen, spielt dies für Schafe, Kühe, Pferde und Esel offenbar keine Rolle. Sie suchen ihre Gefährten viel mehr nach Ähnlichkeit aus: Hörner tragende Schafböcke freunden sich mit ebenfalls behörnten Kameraden an, gleichaltrige Tiere tun sich zusammen, und wenn zwei Wiederkäuer etwa zur gleichen Zeit neu auf der Weide sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie zu guten Kumpels werden.
Auch unter Menschen gilt: Gleich und gleich gesellt sich gern. Freunde schließen sich zusammen, weil sie gleich alt sind, das gleiche Hobby haben oder in der gleichen Firma arbeiten. Oder aber, weil sie sich gegenseitig weiter helfen können – oft auch aus beiden Gründen. Eine rein kulturelle Leistung ist Freundschaft offenbar nicht. Vielmehr scheint auch sie eine Errungenschaft zu sein, deren Grundlagen wir von unseren tierischen Vorfahren geerbt haben. ■
Monika Wimmer ist Kulturwissenschaftlerin und freie Wissenschaftsjournalistin in Berlin.
Monika Wimmer





