Es wird geschnappt, geschnippt, geschleudert…: Aus der Tierwelt sind zahlreiche blitzschnelle Verhaltensweisen und Techniken bekannt. Oft basieren sie auf der Speicherung von elastischer Energie, die bei Bedarf schlagartig freigesetzt werden kann – wie bei einem Katapult. Viele dieser Mechanismen werden für den Beutefang eingesetzt oder sie dienen dem Schutz vor Fressfeinden. Doch die aktuelle Studie der Forscher um Shichang Zhang von der Hubei Universität in Wuhan zeigt nun einen bisher unbekannten Zweck tierischer Rasanz-Mechanismen auf: Sie können offenbar auch zur Flucht vor sexuellem Kannibalismus dienen.
Diese Verhaltensweise im Rahmen der Fortpflanzung ist von einigen Insekten- und Spinnenarten bekannt. Das berühmteste Beispiel ist dabei wohl die Schwarze Witwe, die sogar ihren Namen der Vorliebe verdankt, nach der Paarung ihre Liebhaber zu verspeisen. Bei einigen Arten geben sich die Männchen diesem Schicksal auch bereitwillig hin, denn auf diese Weise stärken sie die Partnerin für die Produktion des gemeinsamen Nachwuchses. Bei anderen Spezies versuchen die Männchen hingegen, ihren rabiaten Damen zu entkommen.
Skurriles Sexleben im Visier
Genau das ist offenbar auch bei der Radnetzspinne Philoponella prominens der Fall. Bei Beobachtungen dieser Spezies fiel den Forschern auf, dass die Männchen nach der Paarung oft geradezu aus dem Netz schießen. So haben sie diesem Phänomen eine genauere Untersuchung gewidmet. Dazu nahmen Zhang und seine Kollegen Spinnenpärchen mit Hochgeschwindigkeitskameras ins Visier und führten zudem Experimente mit den Männchen durch, um der Grundlage des Mechanismus genauer auf die Spur zu kommen.
So zeigte sich: Nach der Paarung stoßen sich die Männchen durch eine schlagartige Bewegung ihres vorderen Beinpaares von der Partnerin ab. Die über ein Gelenk ausgelöste Klappbewegung bringt sie dabei mit enormer Beschleunigung auf Geschwindigkeiten von bis zu 88 Zentimeter pro Sekunde. Dabei schlagen sie außerdem 175 Mal pro Sekunde einen Salto. Wie die Forscher berichten, sind die achtbeinigen Akrobaten bei der Aktion durch einen Spinnenfaden gesichert. An ihm klettern sie anschließend häufig zu dem Spinnenweibchen zurück, um sie erneut zu begatten, beobachteten die Wissenschaftler.
Spinnen-Männer müssen fix sein
Dass das Verhalten tatsächlich der Flucht vor Kannibalismus dient, ging zunächst aus der Beobachtung von drei Männchen hervor, die offenbar zu spät gezündet hatten: Sie wurden von ihren Damen verspeist. Anschließend bestätigen die Forscher die Bedeutung des Verfahrens durch Experimente: Sie blockierten dazu die Vorderbeine von 30 Spinnenmännchen. Dabei zeigte sich: Keinem dieser gehandicapten Tiere gelang die Flucht nach der Paarung und so endeten sie im Magen ihrer „Herzensdamen“. “Es zeigte sich, dass Männchen, die das Katapultieren nicht beherrschen, stets von den Weibchen gefressen werden”, sagt Zhang. “Daraus geht hervor, dass sich dieses Verhalten als Reaktion auf den starken Raubdruck der Weibchen entwickelt hat“.





