Vorliebe für Rechtsdrehung
Er und seine Kollegen wollten wissen, ob die Blauwale bei diesen Beutefang-Rollen eine Vorliebe für eine bestimmte Seite zeigen. Denn eine solche Händigkeit ist bei den meisten Säugetieren verbreitet und viele Vögel zeigen eine Präferenz für Gucken mit dem rechten Auge. Für ihre Studie befestigten Friedlaender und seine Kollegen Bewegungssensoren an 63 vor der Küste Kaliforniens lebenden Blauwalen. Über deren Daten erfassten sie die Richtung von mehr als 2.800 Beutefang-Rollen dieser Wale und auch, in welcher Tiefe diese stattfanden.
Es zeigte sich: Auch Blauwale bevorzugen eine bestimmte Seite: “Von den einseitigen Bewegungen umfassten rund 90 Prozent eine Rolle um rund 90 Grad – dies ist das typische Beutefangverhalten dieser Wale”, erklärt Friedlaender. Und diese Drehung führten die meisten Wale ausschließlich nach rechts aus, wie die Sensordaten verrieten. Nach Ansicht der Forscher lässt sich dies durch die Arbeitsteilung der Gehirnhälften bei Säugetieren erklären: Häufig ist die linke Hirnhälfte stärker an der Steuerung und Planung bewusster Bewegungen und der Koordination beteiligt als die rechte. Gleichzeitig kontrolliert diese Hirnseite die Bewegungen der rechten Körperhälfte. Wissenschaftler vermuten daher, dass die Dominanz der linken Hirnhälfte Bewegungen mit rechts und auch Drehungen nach rechts begünstigt.
Die 360-Grad-Rolle geht nach links
Doch die Blauwale hatten noch eine Überraschung parat: Obwohl sie bei den meisten ihrer Beutefang-Aktionen eine klare “Rechtshändigkeit” zeigten, kehrte sich diese Vorliebe in ganz speziellen Situationen um: Jagten die Meeressäuger einen Krillschwarm, der in der Nähe der Wasseroberfläche schwamm, führten die Wale eine komplette 360-Grad-Rolle durch – und dabei drehten sie sich fast immer nach links. “Wir waren von diesem Ergebnis völlig überrascht”, sagt Friedlaender. “Offenbar rollen die Blauwale in dieser Situation links herum, damit sie die Beute mit ihrem rechten Auge im Blick behalten können.” Dies könnte den Blauwalen dabei helfen, diese meist eher kleinen oberflächennahen Schwärme bei ihrer Fangaktion optimal zu treffen.
“Dies ist der erste Beleg für eine Händigkeit bei Blauwalen und für eine Bevorzugung der rechten Seite wie bei den meisten Säugetieren”, konstatiert Friedlaender. “Gleichzeitig aber zeigen wir, dass diese Seitenpräferenz sich ändern kann – je nachdem, was die Wale gerade tun.” Eine solche kontextabhängige Händigkeit wurde zuvor bei Tieren noch nicht nachgewiesen, wie er und seine Kollegen berichten. Für die Meeressäuger jedoch könnte diese Fähigkeit entscheidende Vorteile bieten: “Blauwale sind die größten Tiere unseres Planeten und ihr Beutefangverhalten ist für sie enorm energieaufwändig”, erklärt Friedlaender. “Die Fähigkeit, dieses Verhalten an die Situation anzupassen, könnte den Walen helfen, ihren Beutefang maximal zu optimieren.”





