Wo es stabilen Untergrund gibt, floriert das Leben: Vor allem in Küstenbereichen, die stark von weichem Sand und Schlamm geprägt sind, spielen feste Strukturen aus Gestein oder Treibholz eine wichtige Rolle als Basis: Auf ihnen können sich festsitzende Lebewesen wie Muscheln ansiedeln und zur weiteren Entwicklung von Riffstrukturen mit komplexen Lebensgemeinschaften beitragen. Doch durch menschliche Einflüsse ist die Verfügbarkeit solcher harten Grundsubstrate in vielen Meeresbereichen der Welt zurückgegangen: Geschädigte Muschelbänke werden zunehmend von Sand überdeckt und durch Veränderungen der Landnutzung in Flussbereichen gelangen weniger große Treibholz-Stücke ins Meer.
„Baumpflanzung“ am Meeresgrund
Es gibt bereits Projekte, bei denen künstliche Hartstrukturen – etwa aus Beton – im Meer versenkt werden, um dem Leben als Grundlage zu dienen. Die Forscher um Jon Dickson vom Königlich Niederländischen Institut für Meeresforschung in Den Hoorn kamen nun hingegen auf die Idee, feinstrukturierte Gebilde zu nutzen, die nicht extra hergestellt werden müssen: ausgediente Obstbäume, die in der Landwirtschaft anfallen. Wie sie erklären, orientieren sie sich dabei durchaus an ursprünglichen Prozessen: „Bevor der Mensch die Landschaft durch Landwirtschaft, Holzeinschlag und Flusskontrollen domestiziert hat, fielen Bäume in großer Zahl in Flüsse und wurden ins Meer gespült. Wir wissen, dass einige von ihnen dort sanken und so seit Urzeiten den Meerestieren ein Zuhause, Schutz und Nahrung boten“, sagt Dickson.
Dies war einst auch in dem Gebiet der Fall, das sich das Team für den Test des Konzepts ausgewählt hat: Es handelt sich um Flachgewässer im Vorfeld des Wattenmeeres im Bereich der niederländischen Inseln Texel und Vlieland. Für das Projekt wurden aus den Kronen 192 gefällter Birnbäume, die ihre wirtschaftliche Nutzungsdauer überschritten hatten, 32 pyramidenartige Strukturen zusammengesetzt. Diese Gebilde wurden dann per Schiff zu vier Stellen im Testgebiet gebracht und dort mittels Betongewichten etwa drei bis vier Meter tief auf den weichen Meeresboden versenkt.
Oasen des marinen Lebens
Nach sechs Monaten wurden die Baumriffe dann zur Untersuchung kurzzeitig aus dem Wasser gehoben. Dabei stellten die Forscher fest: Es hatte sich bereits eine üppige Lebensgemeinschaft auf den Strukturen etabliert. „Innerhalb von sechs Monaten waren sie mit einer Fülle von sessilen Tieren und Algen bedeckt und beherbergten mehr Fische als die umliegenden Gebiete“, berichtet Dickson. Die Wissenschaftler fanden insgesamt 15 Arten sessiler Organismen. Dabei handelte es sich um verschiedene Vertreter der Schalentiere, Algen, Polypen oder auch um Seesterne.
Die Auswertungen von Fallen an den Baumriffen ergaben zudem, dass der Fischbestand dort etwa fünfmal höher war als an den rund 200 Meter entfernten Kontrollstandorten. Dort wurden nur zwei Arten gefunden, während die Baumriffe von sechs unterschiedlichen Spezies bevölkert wurden. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Wiedereinführung von Baumriffen als biologisch abbaubare, strukturell komplexe Hartsubstrate die lokale marine Biodiversität in Weichsedimentsystemen innerhalb kurzer Zeiträume erhöhen kann“, resümieren die Forscher.





